Interview

„KI-Tools verändern die Weiterbildung grundlegend“

Wie verändern KI-Tools die Weiterbildung? Sabine Prohaska spricht im Interview über praxiserprobte Tools, personalisiertes Lernen und die neue Rolle von Trainerinnen und Trainern. Ein Gespräch über Effizienz, Qualität und Grenzen der künstlichen Intelligenz.

KI ist in der betrieblichen Weiterbildung angekommen: Inhalte können heute schneller erstellt, individueller aufbereitet und adressatengerechter vermittelt werden. Doch welche Tools sind wirklich hilfreich? Wie verändert sich dadurch die Rolle von Trainerinnen und Trainern? Sabine Prohaska, Beraterin für Lernkultur und Ausbilderin von Weiterbildnern, gibt Einblicke in ihren Arbeitsalltag und zeigt, wie der KI-Einsatz Lernen besser macht.

Die Wirtschaft: Welche Vorteile hat der Einsatz KI-gestützter Tools in der Weiterbildung im Vergleich zu den herkömmlichen Methoden?
Sabine Prohaska: Ein zentraler Vorteil ist die Zeitersparnis. Lernmaterialien wie Podcasts, Videos und Handouts lassen sich mit ihnen schneller in guter Qualität erstellen.

Gibt es weitere Vorzüge?
Ja. KI-Tools ermöglichen es, die Lerninhalte differenzierter sowie personen- und funktionsbezogener zu gestalten und so die Lernenden stärker zu motivieren. Die Entwicklung hin zu personalisierten Lerndesigns und -prozessen steht noch am Anfang, doch in naher Zukunft wird sie die betriebliche Weiterbildung prägen.

Welche KI-Tools setzen Sie persönlich in und für Ihre Weiterbildungen ein?
Zum Gestalten meiner Weiterbildungsmaßnahmen verwende ich vor allem ChatGPT in der Bezahlvariante. Ich nutze dieses Tool, um Lernmaterialien wie Multiple-Choice-Fragen, praxisorientierte Übungen und handlungsorientierte Aufgaben zu erstellen. Zudem erstelle ich mit ChatGPT Skripte und Handouts. Wenn es um eine gründliche und nachvollziehbare Recherche geht, ist für mich Perplexity das KI-Tool der Wahl. Nicht nur in der Weiterbildung sind verlässliche Quellen für qualitativ hochwertige Inputs unerlässlich. KI kann bei deren Erstellung eine große Unterstützung sein, allerdings ist nicht jedes Tool gleich gut hierfür geeignet. Perplexity führt zum Beispiel Echtzeit-Web-Suchen durch und liefert die passenden Quellen direkt mit. Das macht die Ergebnisse transparenter und aktueller als zum Beispiel bei ChatGPT.
Mit ChatGPT und Ideogram generiere ich außerdem häufig Piktogramme oder Bilder zum Visualisieren von Inhalten. Zudem habe ich Nano Banana hierfür entdeckt. Dieses in Gemini integrierte Tool von Google ist für seine präzise Bildgenerierung, -bearbeitung und Infografiken bekannt. Die KI-Unterstützung hilft mir bei der Bildauswahl das Thema Urheberrecht zu umgehen und stellt sicher, dass die Lern- bzw. Trainingsunterlagen alle aus einem Guss sind. Mit Gamma.ai erstelle ich zudem PowerPoint-Folien und mit napkin.ai Grafiken hierfür. Zudem sind in viele Tools, die ich seit Jahren verwende, wie Padlet oder Canva, inzwischen auch KI-Elemente integriert.

Nutzen Sie weitere KI-Tools bzw. Tools mit integrierter KI?
Ja, für Übersetzungen nutze ich DeepL, da ich immer häufiger Seminare und Vorträge auf Englisch halte. Außerdem verwende ich die ChatGPT-App auf meinem Smartphone, um Flipcharts oder Pinnwände zu fotografieren und daraus Dokumente zu generieren, die ich unmittelbar mit den Teilnehmern teilen kann. Mit NotebookLM erstelle ich zudem aus Dokumenten Audio- oder Videoinhalte wie kurze Podcasts und Erklärvideos, die ich als Learning Nuggets vor und nach meinen Seminaren verwende. In einigen Seminargruppen setze ich ChatGPT auch live via Beamer ein. So lasse ich ChatGPT zum Beispiel gegen Ende eines Teamtrainings zuweilen eine Pressemitteilung über die Arbeit des Teams schreiben. Und schon mehrfach ließ ich bei einer Teamklausur die Anwesenden am Ende live einen Podcast über ihre Teamarbeit für ihre Kollegen und Kooperationspartner erstellen. Das war für die Teilnehmer stets ein Aha-Erlebnis.

Sie investieren offensichtlich viel Zeit, um sich in die KI-Tools einzuarbeiten und nutzen diese schon intensiv bei Ihrer Arbeit.
Ich würde jedoch gerne noch mehr Tools auf ihre Verwendungsmöglichkeiten im Bildungsbereich hin erproben. Schließlich kommen gefühlt täglich Neue auf den Markt. Doch hierfür fehlt mir im Arbeitsalltag oft die Zeit. Aber Schritt für Schritt arbeite ich mich durch und erweitere meine Expertise.

Welche Tools empfehlen Sie im Weiterbildungs- bzw. HR-Bereich tätigen Personen noch?
Wer eine Alternative zu ChatGPT sucht, kann Claude.ai verwenden. Hierüber berichten mir Kollegen viel Positives. Für das Erstellen von Podcasts und schnellen Erklärvideos empfehle ich NotebookLM, das aus Text hervorragende Audio- oder Videoinhalte erstellt. Wer einen Text in guter Qualität gesprochen haben möchte, kann mit der Generative Voice AI von ElevenLabs eine Synchronstimme, aber auch seine eigene Stimme erzeugen. Zusätzlich empfehle ich HeyGen. Das ist ein KI-Tool zur Videoerstellung, das Avatare und künstliche Sprache nutzt und eine hervorragende Qualität bietet. Das Sich-Einarbeiten erfordert etwas Zeit. Auf YouTube gibt es jedoch viele Erklärvideos, die dies erleichtern. Chatbot Arena ist ebenfalls eine interessante Plattform. Ich empfehle sie, um Vergleiche zwischen den verschiedenen Chatbots zu erstellen und über die KI-Entwicklung auf dem Laufenden zu bleiben.

Inwiefern unterstützen KI-Tools die Personalisierung des Lernens und wie wirkt sich dies auf die Lernergebnisse aus?
Ich finde es toll, dass die in der betrieblichen Weiterbildung tätigen Personen heute die genannten Möglichkeiten haben, um das Lernen attraktiver und die Lernprozesse individueller zu gestalten. Das ist seit Jahrzehnten mein Anliegen und nun ist dies mit Hilfe der Digitaltechnik, wozu auch die KI zählt, möglich und zwar mit einem realistischen Input-Output-Verhältnis.

Also mit einem auch betriebswirtschaftlich vertretbaren Invest an Zeit und Geld?
Ja. Besonders spannend finde ich den Trend zur Entwicklung persönlicher Lernbots, die uns Menschen sukzessiv besser kennenlernen und individuell beim Lernen begleiten. Das ist eine echte Revolution im Lernen. Durch die Analyse von Lerndaten können KI-Systeme Empfehlungen geben und Lernpfade anpassen, sodass jeder Lernende genau die Unterstützung erhält, die er braucht. Dies führt zu einer gesteigerten Motivation und einem größeren Lernerfolg. Einen Vorgeschmack hierauf kann man sich zum Beispiel im Rahmen von ChatGPT mit Tutor Me verschaffen. Das ist eine abgespeckte Version des KI-Tutors der Khan Academy, der bei mathematischen sowie natur- und geisteswissenschaftlichen Fragen hilft. Der Lernbot nimmt den Lernenden die Lernarbeit nicht ab. Er zeigt ihnen aber Wege auf, wie sie Aufgaben selbst angehen und lösen können. Beim Lernen mit KI-Tools erhalten die Lernenden zudem meist unmittelbar ein personalisiertes Feedback über den Erfolg ihres Tuns. Ein Beispiel hierfür ist im Bereich Präsentationstraining der Speaker Coach in PowerPoint. Darüber hinaus gibt es Tools, die per Videoaufzeichnung eine Rückmeldung zur Körpersprache geben. Das bindet die Lernenden als Person noch stärker in den Lernprozess ein und hilft ihnen, ihre Fortschritte zu sehen und zu verstehen.

Werden KI-Tools langfristig die menschlichen Trainer ersetzen?
Ich glaube nicht, dass KI-Tools die menschlichen Trainer überflüssig machen, auch langfristig nicht. Ich bin jedoch überzeugt, dass der verstärkte KI-Einsatz die Trainerrolle nachhaltig verändern wird. Das spüren wir schon heute.

Inwiefern?
Nun, schon heute würden Unternehmen eigentlich nur noch in Ausnahmefällen Trainer benötigen, um ihren Mitarbeitern irgendwelche theoretischen, fachlichen Inhalte zu präsentieren und zu vermitteln. Hierfür wären heute bereits Podcasts oder Videos, die zeit- und ortsunabhängig konsumiert werden können, oft schon die bessere Wahl aus vielerlei Gründen. Deshalb entwickeln sich Trainer immer stärker zu Begleitern und Coaches im Lernprozess. Das heißt, der Fokus ihrer Tätigkeit verlagert sich in Richtung Reflexion des Gelernten und der Lernprozesse mit den Teilnehmenden sowie des Übens der Anwendung des Gelernten anhand konkreter Praxisbeispiele. Hinzu kommt ein weiterer Faktor.

Und der wäre?
Lernen bedeutet fast immer mehr als die reine Aufnahme von Informationen und Aneignung von Wissen. Lernen setzt meist auch eine persönliche Entwicklung und Bereitschaft zur Veränderung voraus. Und diese erfordern wiederum oft eine soziale Interaktion und ein Eingehen auf die individuellen emotionalen Bedürfnisse, etwas, was die KI zumindest zurzeit noch nur sehr bedingt kann, obwohl sie zum Beispiel Empathie schon gut simulieren kann. Deshalb sind heute zumindest bei Lernprozessen, die auch auf eine individuelle oder kollektive Einstellungs- und Verhaltensveränderung abzielen, Trainer mit Erfahrung und der Fähigkeit, zum Beispiel spontan, einfühlsam und sensibel auf unvorhergesehene Dynamiken zu reagieren, noch unverzichtbar. Deshalb erachte ich die KI-Tools eher als Tools, die die Trainer, Tutoren usw. entlasten, sodass diese sich stärker auf die innerpersönlichen, zwischenmenschlichen und kreativen Aspekte des Lernens konzentrieren können.

Danke für das Gespräch!


Zur Person

Sabine Prohaska ist Inhaberin des Beratungsunternehmens seminar consult prohaska, Wien, das Unternehmen beim Implementieren einer neuen Lernkultur in ihrer Organisation unterstützt sowie Online- und Blended-Learning-Trainer und Coaches ausbildet. Sie betreibt zudem mit Harald Karrer die Weiterbildungs- und Erfahrungsaustauschplattform trainerklub.com für im Personalentwicklungsbereich tätige Personen. Diese wurde Ende 2025 vom Berufsverband für Training, Beratung und Coaching (BDVT) mit dem Europäischen Trainingspreis in Gold ausgezeichnet.

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