Der Mensch ist nicht auf seine Gene reduzierbar

Markus Hengstschläger
07.02.2021

Gene sind nur unser Werkzeug. Die Nuss müssen wir schon selber knacken, meint der Genetiker Markus Hengstschläger. Wie uns Tagträumen dabei helfen kann, warum das Zusammenspiel verschiedener Kulturen so wichtig ist und wie Unternehmen Lösungsbegabung im Betrieb fördern können, erklärt der Wissenschaftler im Interview.

Sie haben der Frage, wie wir die großen, aktuellen Herausforderungen meistern können, ein Buch gewidmet. Egal ob Klimawandel, Flüchtlingsproblematik oder Corona-Krise: Mit „Lösungsbegabung“ sollen wir die Probleme in den Griff bekommen können. Was ist unter dem Begriff zu verstehen? Begabungen sind Potenziale des Menschen. Es gibt verschiedene Begabungen, wie etwa musikalische, räumliche, logischmathematische, sprachliche etc. Die Lösungsbegabung ist – meinem Ansatz folgend – das Potenzial des Homo sapiens, Lösungen für Fragestellungen entwickeln zu können. Die lösungsbegabte Menschheit hat schon so viel erreicht – zum Beispiel im Zusammenhang mit Bildung, Gesundheit, Gerechtigkeit und vielem mehr. So vieles ist besser geworden, weil Lösungen entwickelt wurden. Aber es ist natürlich noch viel Luft nach oben, und es entstehen auch immer wieder neue, manchmal auch von Menschen selbst ausgelöste, Problemstellungen. Der Mensch ist grundsätzlich vernunftbegabt, sozial und eben auch lösungsbegabt. Wir müssen uns aber auch laufend darauf besinnen und diese Potenziale zum Einsatz bringen.

Warum befasst sich gerade ein Genetiker mit so einem Themenfeld? Weil immer noch viele Menschen sagen: „Begabungen, Talente – so etwas hat man, oder man hat es nicht.“ Begabungen sind Potenziale, die natürlich auch von den Genen oder einer frühkindlichen Prägung mitbestimmt werden. Aber sie können nur durch Wissenserwerb und Üben in eine Leistung umgesetzt werden. Der Mensch ist dabei nicht auf seine Gene reduzierbar. Gene sind Bleistift und Papier, aber die Geschichte schreiben wir selbst.

Wie eng sind dabei die individuellen Grenzen gesetzt? Wie sehr sind unsere Begabungen genetisch bedingt? Wenn man einem Elefanten, einem Affen und einer Schlange die Aufgabe stellen würde auf einen Baum zu klettern, so würden sehr schnell biologische Grenzen sichtbar. Genetische Voraussetzungen bilden natürlich einen Rahmen. Gerade bei der Förderung von Begabungen und Talenten geht es aber sehr stark um das Wechselspiel zwischen Genetik, Umwelt und Epigenetik. Der Mensch hat also auch viel selbst in der Hand. Diese Chance nutzen zu können – darum geht es mir, weil ich meine, dass wir hierbei auch eine Verantwortung haben.

„Gene sind Bleistift und Papier, aber die Geschichte schreiben wir selbst.“

Welche klassischen Begabungen brauchen wir in unserer VUCA-Welt gerade am dringendsten? Ich spreche im Buch von der großen Bedeutung, sich sowohl auf die vorhersehbaren als auch auf die unvorhersehbaren Anteile der Zukunft bestmöglich vorzubereiten. Ersteres mehr über gerichtete Strategien, zweiteres eher über ungerichtete. Man muss zu dem Schluss kommen, dass man dabei auf keine Begabungen und Talente verzichten kann. Ich vertrete aber die Position, dass es die Lösungsbegabung ist, ohne die alle anderen Begabungen auf dem Weg zum kreativen Generieren innovativer Lösungen vertrocknen. Und ein zusätzlicher wichtiger Aspekt ist, dass eine geförderte Lösungsbegabung enorm zur Persönlichkeitsentfaltung beiträgt. Das Selbstvertrauen, selbst Lösungen entwickeln zu können, ist eine nachhaltige Stütze für ein erfolgreiches Leben.

Die Herausforderungen, für die wir Lösungen benötigen, scheinen zu wachsen. Wächst gleichzeitig evolutiv auch unsere Begabung, sie zu lösen? Heutzutage hat sicher jede und jeder von uns täglich immer mehr vorhersehbare, aber auch immer mehr unvorhersehbare Fragestellungen zu lösen. Ob im Großen oder im Kleinen, ob im Privat- oder im Berufsleben: Der Bedarf an innovativen Lösungen ist in unserer so schnelllebigen Zeit so hoch wie noch nie. Wie gesagt, eine Begabung ist ein Potenzial, das es umzusetzen gilt. Als Folge des Fortschritts stehen uns heute viel mehr und höher entwickelte Werkzeuge und viel mehr Wissen zur Förderung und Umsetzung unserer Lösungsbegabung zur Verfügung.

Wie erwirbt und fördert man Lösungsbegabung? Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen braucht sie? Es gibt viele Strategien, wie man diese Begabung fördern und ein Leben lang am Blühen halten kann. So muss man zum Beispiel von Anfang an darauf achten, dass man Kindern den Lösungsprozess nicht ständig abnimmt. Kinder müssen selbst die Chance haben, Ideen auszuprobieren und Fehler zu machen – das auch zu üben, fördert die Entwicklung der Lösungsbegabung. Und es ist eine besonders erhebende Erfahrung, für eine selbst gefundene Lösung gelobt zu werden. Kinder, denen diese Erfahrungen ermöglicht werden, werden ihr ganzes Leben immer wieder gerne selbst neue Lösungen erarbeiten wollen bzw. sich auch an kollektiven Lösungsprozessen beteiligen. Weiters spreche ich gerne von Wissen, Bildung und Kompetenzen, die gerichtet und ungerichtet sein können. Bereits existierende Lösungen, die für bestimmte Fragestellungen eingesetzt werden können, sollen natürlich wieder Anwendung finden. Der Fortschritt käme zum Stillstand, wenn das Rad immer wieder neu erfunden werden müsste. Aber um in Zukunft auch neue innovative Antworten finden zu können, müssen wir in der Gegenwart eine Vielzahl an ungerichtetem Wissen und Kompetenzen, wie etwa Kreativität, soziale Kompetenz, kritisches Denken, Entscheidungsfreudigkeit, Motivation, Resilienz, Ethik und vieles mehr fördern.

Tut das unser Bildungssystem? Meiner Meinung nach muss im Bildungssystem einfach noch mehr Augenmerk darauf gelegt werden, dass sich erst durch den Einsatz der Kombination von beidem Lösungsbegabung entfalten kann. Auf gesellschaftlicher Ebene braucht die Lösungsbegabung viel Freiheit, um Neues ausprobieren zu können, solange dabei andere nicht zu Schaden kommen.

Geht es in Wahrheit um ein neues Mindset? Brauchen wir mehr Generalisten anstatt hochspezialisierte „Fachidioten“? Wir brauchen selbstverständlich weiterhin hohes Fachwissen. Inspirationen und Geistesblitze, die zu neuen Innovationen führen können, entstehen aber sehr häufig dann, wenn man sich zusätzlich auch in einem gewissen Rahmen mit anderen Disziplinen beschäftigt. Das kombiniert mit ungerichteter Bildung und Ausbildung ist die beste Voraussetzung.

Weil sie die Vernetzung von Disziplinen ansprechen: Häufig finden ja nicht einzelne super geniale Menschen ganz alleine im Labor innovative Lösungen, sondern immer öfter sind Teams am Werk. Könnte die Kollaboration zum alles entscheidenden Faktor werden? Gerade bei so großen Themen, wie zum Beispiel Klimawandel, Rassismus, Terrorismus, Flüchtlingskrise oder die Covid-19-Pandemie, geht es darum, die Menschen vor der Mitmachkrise zu bewahren und zu motivieren, an kollektiven Lösungsprozessen mitzuwirken. Weil jeder Beitrag zählt. Und hier gilt es auch, unbedingt auf die große Bedeutung von Diversität hinzuweisen. Man geht zum Beispiel davon aus, dass an den Schnittstellen von verschiedenen Disziplinen oder Kulturen, von verschiedenen Menschen, Inspirationen und kreative Ideen oft besser entstehen können. Dieser Effekt ist nach der Familie der Medici benannt, die als Mäzene und innovative Unternehmer über das Fördern der Vernetzung verschiedenster Disziplinen zu bedeutenden Weichenstellern der florentinischen Renaissance wurden. Ich sehe gerade bei diesen Schnittstellen in unserer Gesellschaft oft noch Luft nach oben.

Haben Sie einen Tipp für Unternehmen, um diese Fähigkeit im Betrieb zu fördern? Allgemein ist es dabei erstrebenswert, sich ein wenig mit den biologischen Grundlagen des Menschen zu beschäftigen. Und ein wichtiges Modell nenne ich zum Beispiel Mut aus Sicherheit. Es geht darum, das richtige Verhältnis zwischen dem Mut, Neuland zu betreten und der Angst davor zu ermöglichen – Mut ganz ohne Angst und den dadurch aufrechterhaltenen Abwägungsprozessen wird nicht selten zur Dummheit. Der Erfolg eines Unternehmens hängt auch davon ab, wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich eventuell aufgrund von blauäugigem Optimismus oder eingefleischten Pessimismus in einer Mitmachkrise befinden, man motivieren kann. Die einen meinen, dass es sich schon ausgehen wird, weil es die anderen schon machen werden. Die anderen bringen sich auch nicht ein, weil sie davon ausgehen, es bringt ohnedies nichts. Lösungsbegabte Possibilisten sagen: „Es ist jetzt gerade nicht einfach. Aber wenn ich meinen Beitrag leiste, schaffen wir das.“ Gerade die Pandemie hat uns klar vor Augen geführt, wie groß die Bedeutung des Individuums als Akteur ist, wenn es um den kollektiven Erfolg geht.

Sie sprechen in ihrem Buch das Phänomen der Serendipität an: die Chance, etwas zu finden, das man nicht gesucht hat. Ist die medizinische Vorarbeit zu den Corona-Impfstoffen in diese Kategorie einzuordnen? Die Wissenschaft schafft Wissen, das die Basis für die nächsten Forschungsprojekte, Entwicklungen und Innovationen bildet. Das eine baut auf dem anderen auf. Gerade im Zusammenhang mit der Impfstoffentwicklung waren unzählige Grundlagenforschungsprojekte und auf bestimmte Ziele ausgerichtete angewandte Forschungsansätze die Basis für den Fortschritt. Das Serendipitätsprinzip beschreibt, dass man überraschend etwas finden kann, was man ursprünglich nicht gesucht hat – wie etwa Amerika, Penicillin, Teflon oder die Röntgenstrahlung. Das ist auch eine wichtige Komponente einer aktiven Lösungsbegabung, für die man achtsam in Bewegung bleiben muss und üben muss, ein zweites Mal hinzuschauen.

Woran forschen Sie gerade? Wir haben Schwerpunkte etwa in den Bereichen genetischer Erkrankungen oder der Stammzellforschung. Unser Institut betreibt Forschung, Lehre und die Versorgung von Patientinnen und Patienten im Bereich der medizinischen Genetik. Zusätzlich haben wir aber auch eine „Fourth Mission“. Hierbei geht es um viele verschiede Aspekte, wie zum Beispiel Wissenschaftskommunikation, ethische Fragestellungen, Innovationsberatung und vieles mehr.

Wie pflegen Sie ihre eigene Lösungsbegabung? Viele der in meinem Buch beschriebenen Ansätze zur Förderung der Lösungsbegabung wende ich auch selbst an. Um neben dem bereits Angesprochenen noch etwas Persönliches zu erwähnen: Ich gehe joggen. Beim Joggen, Spazierengehen, Rasenmähen oder zum Beispiel beim Tagträumen schaltet das Gehirn des Menschen Regionen an, die man Default Mode Network nennt. Es ist hier noch viel Forschung notwendig, aber dieses Ruhezustandsnetzwerk in unserem Gehirn scheint eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit Kreativität zu spielen. So manche Lösung, ob im Privaten oder Beruflichen, ist mir beim Joggen eingefallen. Solche Geistesblitze kann man allerdings nur in Bereichen haben, mit denen man sich gerade intensiv beschäftigt.

ZUR PERSON

Prof. MARKUS HENGSTSCHLÄGER studierte Genetik, forschte auch an der Yale University in den USA und ist heute Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der MedUniWien. Der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler unterrichtet Studierende, betreibt genetische Diagnostik, ist Berater und Bestsellerautor. Er leitet den Thinktank Academia Superior, ist stellvertretender Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission, war zehn Jahre lang Mitglied des Rats für Forschung und Technologieentwicklung und ist Universitätsrat der Linzer Johannes Kepler Universität.