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Die Selbstvermessung der Wellnesswelt

03.09.2015

Digitale Coaches und Fitnesstracking werden den Wellnessgedanken in den kommenden Jahren womöglich neu definieren

Quantified Self ist ein Begriff, den sich aufgeschlossene Hoteliers vielleicht an die strategische Pinnwand schreiben könnten. Frei übersetzt heißt das „Selbstvermessung“ und bedeutet zunächst nichts anderes als Daten über den Körper und seine Lebensweise zu sammeln. Das kennt der eine oder andere Sportbegeisterte ja schon.

Wurde die Fitness einst mit Pulsmesser und Schrittzähler getrackt, erledigen das heute Apps wie Runtastic oder die sogenannten Smartwatches. Selbst Gegner dieser neuen digitalen Trends und Verweigerer des Sammelns von Vitaldaten sind in letzter Zeit auf die Waage gestiegen oder haben auf der Chips-Packung den möglichen Kalo-rienverbrauch studiert.

Megatrend

Aus Sicht von Tom Ulmer hat sich Quantified Self von einer technischen Spielerei längst zu einem Megatrend entwickelt. Ob die Wellnesshotellerie diesen Trend als solchen erkennen und nutzen will, bleibe der Branche überlassen. „Wenn Sie das nicht machen, macht es eben das Nachbarhotel“, drohte der Wirtschaftsinformatiker von der FH St. Gallen und Produktmanager der Schweizer myVitali AG (Anbieter von Trackinggeräten für Gesundheitsdaten) beim diesjährigen Tiroler Wellnesskongress auf der Villa Blanka in Innsbruck.
Immer an die Deutschen denken: Nächtigt der deutsche Gast in österreichischen Betten schon bisher am meisten, sind auch noch 32 Prozent der Deutschen laut einer Umfrage bereit, ihre Gesundheitsdaten herzugeben. Besonders Männer finden Gefallen an den technischen Spielereien und dem Vergleich der Daten – im besten Fall mit anderen Gästen des Hotels. Tom Ulmer ist sicher: „Die digitalen Gesundheitstrends werden den Tourismus in den nächsten Jahren ganz ordentlich beflügeln.“

Digital Health

Man kann sich das in etwa so vorstellen: Der Gast erhält morgens nach dem Aufwachen digitale Informationen über Blutdruck, Herzfrequenz, Blutzucker, Vitaminhaushalt und bekommt vom „Digital Personal Coach“ des Hotels Anweisungen, den Urlaubstag mit entsprechender Ernährung, Bewegung und Entspannung zu verbringen, um den „größtmöglichen erfolgskontrollierten Gesundheitszuwachs“ zu erhalten. Modernes Fitnesstracking ermöglicht bereits heute jedem Wellnesshotel den Trend „Digital Health“ anzubieten und das sogar mit Erfolgskontrolle für den Gast. „Bisher konnte man als Urlauber nach drei Tagen Wellnessurlaub behaupten: Ach, das hat mir gutgetan“, so Unger. Mit Digital-Health-Messgeräten liegen dem Gast exakte Daten über seine Vitalfunktionen und seinen (verbesserten) Gesundheitszustand vor. Das bedeute für den Hotelier, dass er Zusatzleistungen verkaufen kann. 
Ein Beispiel dafür: Der Gast wird nach zwei bis drei Monaten nach seinem Hotelaufenthalt kontaktiert und befragt, ob sich der berühmte Jo-Jo-Effekt nach einer im Urlaub erfolgten Gewichtsabnahme eingestellt hat. Das Hotel bietet dem Gast, sofern der das möchte und natürlich gegen Bezahlung, eine weitere digitale Betreuung bzw. Coaching an, und natürlich wird der Kontakt mit dem Gast auch für das Anbieten entsprechender weiterer auf den Wellnessgast zugeschnittener Urlaubsangebote genutzt.

Auch ein mit Fitnesstracking verbundenes Belohnungssystem eigne sich für die Hotellerie. So können unter den Gästen z. B. der oder die Wochensieger des Aktivitäten-Index gekürt werden und mit Rabatten oder Boni belohnt werden. Besonders Männer würden auf diese Art des Gesundheitswettbewerbes ansprechen. Einwände eines Kongressteilnehmers, dass ein Wellnessurlaub mit Entspannung verbunden sei und diese mit dem Einsatz von digitalen Geräten verloren ginge, hielt Experte Unger entgegen: „Sie können den Stresslevel eines Gastes bei seiner Ankunft über seine Vitaldaten messen und ihm am Ende des Aufenthalts ein Protokoll darüber übermitteln, wie sehr er sein System nach unten gefahren hat.“ 

Der Trend Digital Health werde nicht aufzuhalten sein, ist Unger überzeugt. Hoteliers, die auf diesen Zug aufspringen möchten, sollten vorerst einmal die neue digitale Technik in das schon vorhandene Wellness-, Sport- und Fitnessangebot integrieren. Dann brauche es sehr engagiertes Personal. Laut Unger ist Digital Health kein Selbstläufer. „Der digitale Coach muss auch ein Selbsttracker sein.“

 
 
Ursprünglich erschienen: ÖGZ, 28.08.2015
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