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"Den Unternehmern fehlt das Vertrauen"

19.09.2014

Mit HORIZONT sprach Thomas Zembacher, Geschäftsführer des Wirtschaftsverlages und der Medizin Medien Austria über die Zukunft von Fachmedien und das CSR-Programm des Verlages. Das Interview im Wortlaut.

Das erste Halbjahr 2014 ist geschlagen, wie erging es dem Österreichischen Wirtschaftsverlag und den Medizin Medien Austria?

Es war bis jetzt ein eher schwieriges Jahr – der Erfolg der verschiedenen Fachbereiche des Wirtschaftsverlages korreliert stark mit der Wirtschaftslage der jeweiligen Marktsegmente. So spiegelten sich beispielsweise die Alpine-Pleite auch in den Zahlen unserer Unternehmenseinheit ‚Bau‘ oder die Nervosität der Gastronomen wegen ausbleibender Gäste im Ergebnis unserer Plattform ‚Gastro‘.  Was wir tatsächlich zu spüren bekommen ist ein allgemeines Verzagen - aber es hat sich für den Österreichischen Wirtschaftsverlag wieder einmal bewährt, dass wir breit aufgestellt sind. 
Anders ist die Situation bei den Medizin Medien Austria. Unsere allgemein- und fachmedizinischen Medien - print und online – laufen erfolgreich und entwickeln sich innovativ entlang der spannendsten Themen im Life-Science Segment. 

Sie sprechen von einem allgemeinen Verzagen. Wie meinen Sie das?

Es ist ja nicht so, dass die Betriebe - vor allem die KMU - wenig in den Auftragsbüchern stehen haben, aber sie haben Probleme mit der Finanzierung. Vor allem aber fehlt ihnen das Vertrauen in die politische Landschaft und in das gesamte wirtschaftliche Umfeld, und als Konsequenz schwindet ihre unternehmerische Risikobereitschaft. Die daraus entstehende Passivität merken wir als Fachmedienverlag natürlich dann unverzüglich in Form von werblicher Zurückhaltung. 

Was sind die Antworten Ihrer Verlage darauf?

Dass wir uns in vielerlei Hinsicht schon ziemlich weit davon entfernen, was eigentlich ein klassischer Printverlag ist, und immer tiefer und spezifischer gleichsam als Geschäftspartner in die einzelnen Branchen vordringen.

Wie zum Beispiel?

Etwa in der Autobranche: Wir haben da zwei bestens etablierte Medien, aber die Hälfte unsere Geschäfts liegt in einem anderen Bereich, nämlich jenem der Pickerlüberprüfungen nach §57a. Diese werden von den Werkstätten anhand einer speziellen Software und mithilfe des sogenannten Mängelkatalogs durchgeführt. Beides wird von uns geliefert. 2008 haben wir die Softwarefirma gekauft und in den Verlag integriert. Auch im Bereich Bau waren wir vor zwei Jahren knapp davor eine Datenbank zu kaufen, sind aber leider nicht zum Zug gekommen. 
Unser Konzept, den Zielgruppen als kompetenter Partner eng zur Seite zu stehen, haben wir in den Medizin Medien Austria ebenso schon sehr früh umgesetzt. Neben der Veröffentlichung unserer Fachmedien für Ärzte und Apotheker vertreiben wir auch erfolgreich e-Business Lösungen (e-Detailing etc.) und entwickeln exklusive Targeting-Lösungen für die pharmazeutische Industrie. Wir bieten eine internetbasierte Wissens- und e-Learning Plattform namens medonline.at zur ärztlichen Fortbildung und haben die verlagseigene Medizin Akademie. 

Besteht nicht die Gefahr der Defokussierung?

Nein ganz und gar nicht, das Medium ist die Plattform für unser Fachpublikum – sozusagen der Nucleus des Informationsmanagements, das wir anbieten. Unser Credo ist anwendbares Wissen für den beruflichen Erfolg. Wie wir dieses Versprechen einhalten und zum Rezipienten bringen, darf eigentlich keine Rolle mehr spielen. Gedruckt, elektronisch, über Datenbanken oder in Form von Seminaren oder Kongressen, wie unserem Dachdecker-Kongress, wo praktisch 100 Prozent der österreichischen Dachdecker hinkommen.

Fachjournalismus ist ein eigenes Gewerbe, wo holen Sie eigentlich Ihren journalistischen Nachwuchs her?

Das ist ein ganz entscheidender Punkt, den wir in der Vergangenheit lange viel zu wenig beachtet haben. Vor zwei Jahren haben wir begonnen, uns eingehend um HR-Themen und Employer Branding zu kümmern. Wir haben intern die Prozesse dazu neu definiert, in das HR Management investiert und  damit Kompetenz aufgebaut. Wir arbeiten auch mit Personalberatern zusammen. Das größte Problem, dem wir aber auch damit nicht Herr werden konnten, ist, dass wir kaum Nachwuchs im Journalismus finden. Das betrifft besonders den Medizinbereich – indirekt macht uns hier der Ärztemangel zu schaffen. Junge Ärzte können mittlerweile ihren Turnus sofort beginnen. Der Mediziner, der früher mitunter drei, vier Jahre auf einen Turnusplatz warten musste und in dieser Zeit gerne im Journalismus gearbeitet hat, geht uns nun verloren. 

Worauf achten Sie mehr beim Anheuern junger Journalisten – auf Handwerk oder Branchenwissen?

Zembacher: Mehr auf das Handwerk - die Funktionsweisen spezieller Branchen und wie mit deren Playern umzugehen ist kann man leichter lernen. Auf jeden Fall braucht der junge Redakteur dazu Geduld und einen langen Atem. Das Vertrauen und das persönliche Standing in einer Branche muss auch er sich erst langfristig erarbeiten.

Wie steht es um Ihre Digitalisierungstrategie? Gerade im B2B-Markt eines kleinen Landes, heißt die Herausforderung Skalierung. 

Das stimmt vollkommen und das macht es zur Herausforderung. Im Endeffekt graben wir überall, bohren hier und dort Löcher, drehen jeden Stein um und schauen, dass wir zu Informationen kommen, die für die Rezipienten von höchster Relevanz sind und absoluten Mehrwert bringen. Die Inhalte müssen dem Leser ‚Etwas wert‘ sein. Zumindest müssen sie ihm wert sein, sich mit seinen Daten für das online-Service oder das Medium zu registrieren. Das ist letztlich auch eine Form der Bezahlung und schon ein großer Teil des Erfolgs. Im medizinischen Bereich hat das sehr gut funktioniert. Da gibt es Angebote, die man nur als registrierter Nutzer erreicht, Arzneimittelinformation zum Beispiel, oder bestimmte Diplomfortbildung. Anfänglich hat uns das natürlich Reichweite gekostet, mittlerweile können wir uns aber schon über mehr als 5.000 registrierte ÄrztInnen freuen. 

Schon seit einigen Jahren legt der freie Art Director Dirk Merbach - erfahren durch Hamburger Abendblatt,  Die Zeit und Falter - bei den Medien des Wirtschaftsverlages Hand an. Wie kam das?

Herrn Merbach hat unser Gesamtchefredakteur Stefan Böck aus dem Hut gezaubert. Wir waren an einem Punkt angelangt, an dem einige unserer Titel einfach veraltet waren. Dann haben wir 2012 einen Prozess aufgesetzt und uns jedes einzelne Medium angeschaut - nicht nur was das Layout betrifft, sondern auch bezüglich Zielgruppe, Vertriebskanal, inhaltliches Konzept und so weiter. Über eine Zeitachse von drei Jahren haben wir jedes der insgesamt  knapp 30 Medien durchleuchtet und Relaunches unterzogen. Verkauf, Redaktion und Grafik gemeinsam und die Beratung von Dirk Merbach – das war eine glückliche Fügung. Für ihn war es das erste Mal, dass er mit dem Genre Fachmedium zu tun hatte. Es hat ihm gefallen, und das hat sich wiederum sehr positiv auf unsere Leute übertragen. Insofern war es auch ein Investment in unsere Mitarbeiter, denn in der eigenständigen Arbeit mit Dirk Merbach, der ihnen immer wieder über die Schulter geschaut hat, haben sie viel gelernt.

Der Wirtschaftsverlag hat sich sehr stark dem Thema Corporate Social Responsibility verschrieben – was war dafür der Impetus?

Das ist uns wirklich ein ungeheuer wichtiges Thema und es hat damit zu tun, dass wir in vielen Branchen damit konfrontiert sind, dass immer mehr Player unternehmerische Verantwortung neu entdecken und kultivieren. Andere wiederum, insbesondere Familienunternehmen, haben nie anders gelebt, es heißt dort nur nicht CSR sondern schlicht und ergreifend verantwortungsvolles Unternehmertum. Auch wir wollten nicht nur darüber berichten, sondern es echt leben. Wir haben einen CSR-Prozess für das gesamte Haus erarbeitet, die Mitarbeiter sind unglaublich engagiert, es geht von Mülltrennung und Cafékapseln bis hin dazu, dass wir unsere Medien nicht mehr eingeschweißt in Plastikfolie verschicken. Natürlich spiegelt sich das auch in den redaktionellen Schwerpunkten in unseren Medien wider ebenso wie im Austausch mit den Kunden bei sogenannten Stakeholder Dialogen. Jedenfalls wirkt sich das extrem positiv auf die Kultur - das Miteinander - im Unternehmen aus. 

Sie planen einen Weltmarktführer-Kongress in Wien, stimmt das?

Ganz genau, am 27. und 28. November im Tagungszentrum Schloss Schönbrunn. Es gibt in Österreich mehr als 250 so genannte Hidden Champions und zirka 165 Weltmarktführer. Interessant ist, dass sich fast alle im Eigentum der Unternehmerfamilie befinden. Sie sind mit einer hohen Eigenkapitalquote ausgestattet und investieren deutlich über dem Branchenschnitt in Forschung und Innovation. Sie haben durchwegs eine intensivere Kundenbindung als vergleichbare Unternehmen. Diese gemeinsamen Themenstellungen werden wir auf dem Kongress diskutieren. „Von den Besten lernen“ - ein gutes Informationsangebot an alle Unternehmen, die an dem Punkt stehen, wo ihnen Österreich zu klein wird und sie internationalisieren wollen. Das ist auch ein hoch emotionales Thema - echte österreichische Unternehmerpersönlichkeiten hautnah zu erleben, sich nach den Vorträgen mit ihnen auszutauschen, das ist auch anwendbares Wissen in seiner besten Form.

Abschließend: Wie sehen Sie die Zukunft für Fachmedien?

Ich kann nur sagen, dass ich sehr froh darüber bin, genau diesen Job machen zu können und derzeit keine Publikumsmedien zu verantworten. Ich bin davon überzeugt, dass zielgruppenspezifische Medien für klar definierte Nischen eine lange und gute Zukunft vor sich haben. Dort, wo wir ganz tief in einer Branche verankert sind, dort sind wir sicher – weil relevant. Das heißt aber auch: Dort, wo wir es noch nicht sind, müssen wir uns aus einer Position der Stärke in Ruhe damit auseinandersetzen, wie wir diesen Anspruch zukünftig erfüllen können.

Interview: Sebastian Loudon

Geschäftsführer Thomas Zembacher 

Der gebürtige Rauriser verantwortet neben der Medizin Medien Austria GmbH seit 2007 auch die Österreichische Wirtschaftsverlag GmbH als Geschäftsführer und damit sämtliche fachverlegerischen Aktivitäten der Südwestdeutschen Medienholding in Österreich. Zembacher ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Über Österreichischer Wirtschaftsverlag GmbH 

Der Wirtschaftsverlag ist der größte nationale Fachverlag im B2B Bereich. Er veröffentlicht in den vier Geschäftsbereichen Wirtschaft, Gastronomie & Handel, Automotive und Bau über 36 Fachmedien und er offeriert auf rund 25 Internetportalen branchenspezifische digitale Unternehmensdienstleistungen. Das Medienhaus veranstaltet Seminare, Lehrgänge und Kongresse. Im Alleineigentum steht das Unternehmen selbständig unter dem Dach der Südwestdeutschen Medien Holding GmbH. Der Verlag beschäftigt rund 100 Mitarbeiter.

Über Medizin Medien Austria GmbH

Der Verlag wendet sich im Life Science-Bereich an ein medizinisches Fachpublikum. Neben Medien für Ärzte und Apotheker (Medical Tribune, Ärztemagazin, CliniCum, Pharmaceutical Tribune etc.) vertreibt das Medienunternehmen auch e-Business-Lösungen, ein e-Learning Programm für Ärzte, eine internetbasierte Wissensplattform und CRM-Lösungen für die pharmazeutische Industrie. Von Hans Jörgen Manstein 1990 gegründet, ist das Unternehmen mittlerweile eine eigenständige 100% Tochter der Südwestdeutschen Medien Holding GmbH. Derzeit beschäftigen sich rund 40 Mitarbeiter mit der Publikation von rund 10 Fachmedien und diversen Onlineportalen. 

 

    

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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