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Nachhaltiger Tourismus: Bloß ein Lippenbekenntnis?

15.05.2018

Laut einer aktuellen Studie ist der Tourismus für acht Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Nachhaltigkeit und Tourismus: Geht das zusammen? 

Was ist sanfter Tourismus?
  • Schonung der Natur
  • Genießen und wahrnehmen des Ortes
  • Anpassung an die Natur

 

Ist ein nachhaltiger Tourismus überhaupt möglich? Einerseits sind immer mehr Touristiker mit auf den ersten Blick sanften und ökologischen Angeboten erfolgreich. Andererseits sprechen auch die Zahlen eine eindeutige Sprache. Die University of Sydney erhob unlängst, dass der weltweite Tourismus für rund acht Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich ist. Den Bärenanteil nimmt mit drei Viertel der Belastungen der Verkehr ein, wobei vor allem Flugreisen mit 40 Prozent der Emissionen herausstechen. Diese Werte sind natürlich ein Wahnsinn, wenn man sich die gefassten Klimaziele ansieht. 

Herkulesaufgabe CSR?

Doch wie schaffen wir die Wende? Abspecken, wie es die Postwachstumsökonomen sagen – und dadurch Wertschöpfung aufgeben? Tourismus bringt Arbeitsplätze, ernährt Menschen in Schwellenländern und sorgt hierzulande in ländlichen Regionen für Wirtschaftsimpulse. Man sieht: Der Begriff Nachhaltigkeit erzeugt Widersprüche. „100 Prozent Nachhaltigkeit ist nicht möglich“, sagt etwa die Tourismusforscherin Dagmar Lund-Durlacher von der Modul University Wien. Denn der Begriff Nachhaltigkeit umschreibt einen gleichermaßen verantwortungsvollen Umgang mit Natur, Mitmenschen, aber auch den wirtschaftlichen Interessen. Reden wir von Nachhaltigkeit oder Corporate Social Responsibility (CSR), geht es darum, diese Punkte bestmöglich unter einen Hut zu bringen. Die  ÖGZ hat vier zentrale Aufgaben zusammengefasst. 

1. Wie der Tourismus nachhaltig wird

Nachhaltigkeit kostet Profit, lautet eines der größten Missverständnisse. Tatsächlich werden derzeit aber beispielsweise die Kosten von Umweltverschmutzung auf die Allgemeinheit umgelegt. Nachhaltigkeit ist die Grundlage des wirtschaftlichen Handelns, müsste es folglich richtig heißen. In diesem Sinne ist auch die Politik gefragt. Ein Umgang mit Nachhaltigkeit als Wohlfühlthema ist hier vermutlich zu wenig. Christian Braungartner, Tourismusprofessor an der FH Wien, brachte seine Vorstellungen bei einer Veranstaltung des Club Tourismus vor einigen Wochen auf den Punkt. Er fordert ein radikales Umdenken in der öffentlichen Förderpolitik. Bio und Nachhaltigkeit müsse zum Standard werden, sagt er und regt die derzeitige Förderungen von nachhaltigen Projekten an. Diese führe im Tourismus eigentlich nur zur Schaffung von mehr und mehr Modellregionen. Besser wäre ein Ende der Förderung von allem, das nicht nachhaltig ist. Der Gesetzgeber könne sich dabei an den 17 Zielen der Agenda 2030 der UNO (www.bundeskanzleramt.gv.at/entwicklungsziele-agenda-2030) orientieren. 

2. Aufgaben der Unternehmen

Zwischen Selbsteinschätzung und Realität gibt es beim Thema Nachhaltigkeit oftmals eine große Diskrepanz. Auf die Frage „Agieren Sie in Ihrem Unternehmen nachhaltig?“ antworten viele: Na, klar! Die Statistik spricht eine andere Sprache. So sind etwa nur zwei Prozent der Beherbergungsbetriebe mit dem Umweltzeichen (das einer der glaubwürdigsten CSR-Standards ist) zertifiziert. 
­Tourismus-Forscherin Dagmar Lund-Durlacher von der Modul University Wien sieht jedenfalls große Möglichkeiten durch Nachhaltigkeit in Unternehmen durch gelebte CSR (Corporate Social Responsibility) von der Unternehmensführung abwärts. Sie meint, dass gerade ein Umdenken stattfände. War es Unternehmen früher darum gegangen, bloß den negativen Einfluss zu reduzieren (weniger Müll, weniger Energieverbrauch, weniger Bezug von Waren aus ausbeuterischen Handelsbeziehungen …), entstünden nun über den CSR-Gedanken neue Geschäftsfelder und Innovationen. Es brauche da ein prinzipielles Umdenken, so Lund-Durlacher. Man habe sich lange darauf konzentriert, das Gästeerlebnis vor Ort durch den Einsatz von Hardware zu verbessern. Beispielsweise seien auf Berggipfeln zahlreiche Erlebnis-Spielplätze entstanden oder Investitionen in Sommerrodelbahnen geflossen. Das alles steigere die Attraktivität, verbrauche aber auch enorme Ressourcen. Dagegen seien direkte Service-Innovationen beim Gästeerlebnis oft einfacher und kostengünstiger umzusetzen. Entschleunigung ist ein Thema vieler Gäste. Unter dem Schlagwort „Sanfter Tourismus“ werden Angebote zusammengefasst, welche die Natur schonen, das Genießen und die Wahrnehmung des besuchten Ortes fördern und eine kulturelle Vertiefung mit dem Ort ermöglichen. 

3. Was sind nachhaltige Angebote?

Für den Philosophen Harald A. Friedl steigert nachhaltiges Handeln jedenfalls das individuelle Glücksgefühl (siehe nebenstehendes Interview). Manchmal liege schlichtweg die Antwort auf alltäglichen Problemen in nachhaltigem Handeln. Die Hotelgruppe Marriott engagiert sich beispielsweise seit langem für die Inte-
gration von Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Günstiger Nebeneffekt: Man hat weniger Probleme, vakante Stellen zu besetzen. Das Hotel Imperial in Wien integriert Jugendliche aus schwierigen sozialen Verhältnissen. 

Es gibt weitere zahlreiche gute Beispiele: Hotels, die nach dem Zero-Emissionsprinzip funktionieren, die auf Cradle-to-Cradle setzen (siehe dazu Interview Seite 16), ökologische Reiseanbieter wie Green Pearls oder das Projekt „Weltweit Wandern“, das die Communitys in den bereisten Ländern unterstützt und für einen kulturellen Austausch auf Augenhöhe sorgt. Sogenannte Social-Business-Ansätze gewinnen an Bedeutung und sind erfolgreich. Ein Beispiel: das Magdas Hotel in Wien, das Flüchtlinge beschäftigt und somit Integrationsaufgaben erfüllt (Bericht in ÖGZ 19/2017). Die Start-up-Szene spielt hier auch eine Rolle. Lund-Durlacher: „Im nachhaltigen Denken liegt immenses Innovationspotenzial. Dieses gilt es zu nutzen!“ 

4. Ausblick

Nachhaltigkeit und Tourismus bleibt ein Spannungsfeld. Es gibt aber viele positive Beispiele (viele davon finden Sie in diesem Heft), die einen verantwortungsvollen Weg aufzeigen. Es ändern sich die Erwartungen der Gäste, die vermehrt auf Nachhaltigkeit setzen, sowie die Einstellung vieler Unternehmer, denen Profit nicht mehr das wichtigste Unternehmensziel ist. Letztlich wird es aber auch für einige Bereiche strengere Regeln benötigen, um vor allem den ökologischen Herausforderungen Herr zu werden. Denkt man etwa über die Eindämmung der Emissionen durch den Flugverkehr nach, wird es nicht ohne internationale Kooperation gehen. Ob diese zustande kommt, bleibt fraglich. Letztlich konterkariert man aber sämtliche Nachhaltigkeitsbemühungen, wenn man alles versucht, um Gäste aus Indien oder China für einen Kurztrip in die Alpen zu locken.  

 

Autor/in:
Daniel Nutz
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