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Harald A. Friedl forscht über Ethik und Tourismus – u. a. zum Sahara-Tourismus.

Können Sie sich in den Spiegel schauen?

15.05.2018

Harald A. Friedl ist einer der wenigen Tourismusforscher mit dem Forschungsschwerpunkt Ethik. Ein Gespräch mit dem Philosophen über die Frage, wieso es so schwierig ist, nachhaltig zu handeln.

 

Zur Person

Harald A. Friedl studierte Rechtswissenschaften, Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaften in Graz sowie Ethnologie in Frankreich. Er lebte und arbeitete viele Jahre als Journalist und Reiseleiter in den USA, Arabien und Afrika. Seit den späten 90ern forscht er über Tourismusethik. Seit 2004 lehrt er Nachhaltigkeit, Tourismusethik und Soziologie am Studiengang „Gesundheitsmanagement im Tourismus“ der FH Joanneum in Bad Gleichenberg.

Tourismusrekorde auf der einen Seite, auf der anderen mehr Beachtung des Themas Nachhaltigkeit: Die Tourismusbranche ist doch auf einem tollen Weg, oder? 
Harald A. Friedl: Das entspricht leider nicht der Realität. Es gibt zwar mehr Leute, die sich ernsthaft Sorgen um die Zukunft machen. Das sind oft nicht gerade die Glücklichsten, weil Nachhaltigkeit widersprüchlich ist. 

Der Begriff Nachhaltigkeit erzeugt viele Widersprüche. Die Natur schützen widerspricht etwa manchmal der Armutsbekämpfung, wenn dafür die Umwelt verschmutzt wird.
So ist es. Man muss ein halbes Studium machen, um ein nachhaltiges Produkt zu finden, das allen Anforderungen entspricht. Wir wissen auch nicht, was kommt, wenn die Zwei- oder Drei-Grad-Grenzen überschritten werden. Es gibt dafür verschiedene Modelle. Diese Widersprüche führen dazu, dass wir hergehen und sagen: Das Werkl brummt eh, kein Grund zur Sorge. Es gibt außerdem oft einen Widerspruch zwischen kurz- und langfristig. Unser Problem ist, dass das politische System eher kurzfristig denkt.

Von den politisch Verantwortlichen in Österreich heißt es derzeit oft: Nachhaltigkeit soll für Unternehmen freiwillig, ohne Zwänge erfolgen. Kann das überhaupt zum Ziel führen? 
Schwierige Frage. Der Ethiker in mir sagt, der Staat sollte hier strikt steuern. Der Verfassungsjurist in mir sagt, das muss beschlossen werden. Wir sind hier im Teufelskreis. Das Beispiel ist die Kerosinbesteuerung. Die müsste international von allen Ländern beschlossen werden. 

Wie soll ich als Unternehmer motiviert sein, nachhaltig zu handeln? 
Als Touristiker muss ich hergehen, mir meine Kunden anschauen und definieren, welche Kunden ich haben will. Kann ich mein Unternehmen umbauen, mir eine neue Klientel suche, beispielsweise die LOHAS? Diese Leute muss man aber glaubwürdig erreichen. Nur eine Photovoltaik aufs Dach zu hauen ist da zu wenig. Und natürlich geht es auch darum, dass ich als Unternehmer langfristig positiv bilanziere. Aber viele vergessen: Ich muss auch mental positiv bilanzieren. Mir also am Ende des Tages in den Spiegel schauen können. Jeder trägt für sein Handeln die Verantwortung. Das kann man durchaus als Egoismus bezeichnet. Das Altruismusgequatsche ist letztlich eine Ideologie des Katholizismus. Rein neurologisch kann ich nämlich nicht anders, als ein Egoist sein. Es geht darum, einen langfristig gedachten Egoismus zu fördern – der muss nicht schlecht sein. 

Aber wie sollen wir unser Verhalten ändern?
Wir haben unser Verhalten eingelernt. Der Begriff Wirtschaftswachstum ist tief in uns verankert. Wir haben gelernt, dass es funktioniert. Dass dadurch andere Werte, wie die Natur, zerstört werden, wird da halt ausgeblendet. 

Wie könnte eine Tourismusbranche aussehen, die nicht auf Wachstum baut?
Viele Unternehmen leben unter systemischen Bedingungen. Weil sie Kredite aufgenommen haben und Raten bedienen müssen, sind sie auf Wachstum angewiesen. Man muss sich die Frage stellen: Will ich mir jährlich einen Urlaub in der Karibik leisten, um zwei Wochen aus dem Wahnsinn zu entkommen – oder will ich ein Leben ohne Schulden und nicht jeden Tag am Anschlag arbeiten? 

Autor/in:
Daniel Nutz
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