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Michael Braungart glaubt an eine Zukunft ohne Müll.

Keine Schweinereien mehr

15.05.2018

Ein Umstieg auf komplett umweltfreundliche und gesundheitsschonende Produktion ist möglich, sagt der Chemiker und Öko-Vordenker Prof. Michael Braungart. Ein Gespräch über seine Idee von Cradle-to-Cradle und dessen Einsatzgebiete.

Cradle to Cradle

Unter „Cradle to Cradle“ („Von der Wiege zur Wiege“) versteht man die Vision einer abfallfreien Produktion, die die Schädigung von Gesundheit und Umwelt weitestgehend vermeidet. Das Konzept wurde 2002 vom Chemiker Michael Braungart und dem Architekten William McDo-nough vorgestellt. Das Epea-Institut in Hamburg entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Umsetzungsmöglichkeiten. 

Der Chemieprofessor Michael Braungart verspricht mit der Idee Cradle-to-Cradle ein revolutionäres Recycling. Alle eingesetzten Stoffe sollen dabei zu 100 Prozent rückgeführt werden. Was nach Zukunftsmusik klingt, kommt schon in tausenden Produkten – die in Kooperation mit Braungarts Epea-Forschungsinstitut entwickelt werden – zum Einsatz. 

Viele Nachhaltigkeitsforscher sagen: Wir müssen den Konsum einschränken. Sie sagen: Wir müssen einfach intelligenter produzieren! Wie funktioniert das Cradle-to-
Cradle Konzept?

Michael Braungart: Es geht nicht darum, Kunden ein schlechtes Gewissen zu machen. Diese Slogans, wonach man die Umwelt schützt, in dem man ein bisschen weniger kaufen soll, sind Unfug. Man schützt die Umwelt nicht, indem man bloß weniger Schweinereien macht. Ich sage ja auch nicht, schütze dein Kind und schlage es nur fünf- statt zehnmal. Wir müssen von Grund auf anders denken. Das Cradle-to-Cradle-Prinzip schafft das. Die Druckerei Gugler aus Melk produziert Zeitschriften, Kataloge und Broschüren, die keine giftigen Inhaltsstoffe haben und komplett kompostierbar sind. Es ist ja absurd, wenn Hotels ihre Nachhaltigkeitsberichte auf Papieren aus Asien drucken, wo 90 schädliche Stoffe drinnen sind, die man sonderentsorgen müsste. 

In München arbeiten Sie gerade an einem Muttermilch-Hotel. Was soll das denn bitte sein?
Was viele nicht wissen, ist, dass die Luft in vielen Bauten achtmal stärker belastet ist als schlechte Stadtluft. Da geht es etwa um Klebstoffe oder Weichmacher, die alle die Muttermilch belasten. Die lassen wir weg. Was wir tun, ist, 40 Jahre Weltuntergangsdiskussion in nützliche Innovationen umsetzen, die auch Kosten sparen. 

Sie versprechen, dass Cradle-to-Cradle-Produkte über die gesamte Einsatzzeit etwa 20 Prozent der Kosten einsparen. Wie?
Weil man die besten Materialien nimmt und nicht die billigsten. Der Hersteller hat das Interesse, dass das Produkt möglichst lange genutzt wird und nicht kaputtgeht. 

Ihr Institut Epea kooperiert mit Playern aus der Hotellerie wie etwa Motel One. Wie geht so eine Kooperation vonstatten?
Ein Unternehmen will Dinge ändern. Und kommt zu uns und fragt, wie wir das gemeinsam umsetzen können. Dann setzen wir uns zusammen. In Taipeh haben wir ein Hotel nach dem Cradle-to-Cradle-Ansatz entworfen. 

Welche Projekte verfolgen Sie? 
Phosphorrückgewinnung ist eines unserer Projekte. Es gibt derzeit kein Bio, das die Rückführung eigener Nährstoffe erlaubt. Wir verlieren dadurch wertvollen Boden. Wir arbeiten auch daran, wie man in der Nahrungskette umstellen kann. Dabei geht es um ein Projekt, wie man in Restaurants Pilzgerichte forciert. Diese haben ein viel gesünderes Eiweiß als Fleisch. Unsere Grundernährung wäre gesünder mit Algen und Pilzen. Das sollten wir in die Gastronomie integrieren. 

Das ist aber eine harte Aufgabe. Wie soll das gehen?
In Japan werden 150 Algen kultiviert, die könnten wir auch bei uns lokal kultivieren. Ich habe im Biohotel in Bogotá mitgewirkt. Da baut man sich das eigene Gemüse an und kann es vier Wochen später ernten. Das sind auch ganz neue Formen des Tourismus, die da entstehen. 

Welche Angebote schweben Ihnen da vor?
Gemeinsam mit einem Schokoladenhersteller entwickeln wir ein touristisches Angebot entlang der Linie der Verarbeitung. Da kann man bei der Ernte in der Türkei mitarbeiten und die Kultur verstehen und die Produktion sehen. Das ist eine neue Art von Tourismus, die Menschen zusammenbringt. Man kann dort die Zukunft des Tourismus sehen. 

Noch immer leben wir in einer erbitterten Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Wie wollen Sie Leute davon überzeugen, da auszusteigen?
Mir geht es darum, Dinge zu produzieren, die schön sowie nützlich sind und Qualität haben. Ein Produkt, das Menschen krank macht, hat ein Qualitätsproblem. Wenn ein Teppich im Hotel die Gäste krank macht, dann braucht den keiner. 

Klingt alles toll. Wieso ist Cradle-to-Cradle aber noch immer die Ausnahme? 
Ich bin zufrieden. Es gibt inzwischen 11.000 Produkte. Zwischen der Erfindung des Mobiltelefons und der Verfügbarkeit für die Allgemeinheit sind mehr als 60 Jahre vergangen. So gesehen sind wir auf einem guten Weg! Fast jede Designschule, die ich kenne, lehrt bereits Cradle-to-Cradle. 

Apropos Smartphone, da ist Cradle-to-Cradle doch noch in weiter Ferne.
Im Moment werden von 41 seltenen Elementen genau neun zurückgewonnen. Aus einem Auto mit 46 Stahllegierungen gewinnt man genau Baustahl zurück und sonst nichts. Da geht fast alles verloren. Darum muss man bei der Herstellung dieser Dinge schon von Anfang an komplett anders denken. 

Die konsumgesellschaftliche Logik sagt, dass das Gekaufte schnell im Müll landet, damit dann wieder Neues gekauft wird. 
Dabei versteht doch jedes Kind, dass das nichts bringt. Nehmen wir etwa Roboter her. Die werden in der Hotellerie eine Riesenwirkung haben. Ich habe das in Japan gesehen. Da gibt es Roboter, die reinigen die Toilette. Und die machen das sauberer und kostengünstiger als Menschen. Aber ich würde nie den Roboter kaufen, sondern nur die Nutzung des Roboters. Dann lohnt es sich, ein Gerät zu haben, das nicht repariert werden muss. Ich kaufe 20.000-mal Gerätereinigen und nicht den Roboter. Dann haben wir auch die Qualität des Roboters dort, wo wir ihn haben wollen. In Wahrheit braucht auch niemand eine Solaranlage am Hoteldach. Wenn ich 20 Jahre Lichteinfangen kaufe, dann kann ein Hersteller für mich das viel effektiver machen als jede chinesische Anlage, die ich mir aufs Dach montieren kann. Eine chinesische Anlage verliert im ersten Jahr die Hälfte des Wirkungsgrades. Es geht um ein umfassendes Qualitätsverständnis. 

Haben Sie noch ein paar praktische Tipps an unsere Leser?
Verwenden Sie rußarme Kerzen. Die Innenraumluft ist von großer Bedeutung, und achten Sie auf die Qualität der Matratzen. Wenn Ihre Gäste lieber bei Ihnen als zu Hause schlafen, kommen sie wieder. Und ganz wichtig: Verzichten Sie auf Laserdrucker. Die sind eine Plage. Sie erzeugen sechs bis acht Milliarden Teile von Partikeln, die kleiner als Feinstaub sind. Das führt zur Verkalkung. Es gibt tausende Leute, die durch Laserdrucker krank geworden sind.

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