Lernpause auf Staatskosten

Industriellenvereinigung
30.08.2012

Von: Redaktion Die Wirtschaft
Die Bildungskarenz wird immer populärer. Eine angedachte Bildungsteilzeit soll für Unternehmer wie Arbeitnehmer nun mehr Flexibilität bringen. Wie das aussehen soll, haben wir bei AMS-Chef Johannes Kopf nachgefragt.

Sind die Auftragsbücher leer, stehen viele Geschäftsführer vor einer unangenehmen Frage: Kann es sich der Betrieb leisten, die volle Belegschaft über die Krise hindurch zu halten? Gerald Lenhard, Geschäftsführer des im nordsteirischen Mürzzuschlag ansässigen metallverarbeitenden Unternehmens MAL, stellte sich wie viele andere in der Branche diese Frage. „Neben der Kurzarbeit haben wir nach einer anderen Lösung gesucht, um unsere gut qualifizierten Mitarbeiter halten zu können", erinnert sich der Geschäftsführer. Hier kam erstmals die Idee, Mitarbeiter in die Bildungskarenz zu schicken. Der Vorteil lag auf der Hand. Der Mitarbeiter verschwindet von der eigenen Payroll, da er während der Bildungskarenz sein Gehalt vom AMS bezieht. Nach erfolgter Bildungskarenz steht der Mitarbeiter noch besser qualifiziert zur Verfügung. Im vorgelegten Fall ging die Rechnung auf. Nach der Rückkehr aus der Karenz standen wieder haufenweise Aufträge an, die der Mitarbeiter nun in einer leitenden Position erledigt. Eine Win-win-Situation, nennt es Lenhard. Das obige Beispiel ist nur eines von vielen.

Denn Bildungskarenz boomt.

Nahmen vor vier Jahren noch durchschnittlich lediglich 1.550 Beschäftigte die öffentlich subventionierte Weiterbildung in Anspruch, stieg diese Zahl im Vorjahr auf 6.700. 76 Millionen Euro wendet das AMS jährlich für die Bildungskarenz auf. Ein großer Brocken Geld, für den es die arbeitsmarktpolitische Wirkung zu schärfen gilt, befindet Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner. Sein gemeinsam mit ÖAAB-Chefin Johanna Mikl-Leitner ausgearbeiteter Vorschlag: Die Karenz gehöre mehr an die Bedürfnisse der Arbeitswelt angepasst. Beschäftigten solle zudem auch die Möglichkeit geboten werden, halbtags in Karenz zu gehen. Damit würden nämlich vor allem geringer Qualifizierte den Weg in die Karenz finden können.

Denn gerade bei niedrigeren Einkommen, war das Karenzgeld (55 Prozent vom Nettobezug) oftmals ein Hinderungsgrund. Im Gespräch mit die WIRTSCHAFT kann AMS-Chef Johannes Kopf diesem Vorschlag durchaus etwas abgewinnen: „Arbeitspolitisch ist es natürlich vorrangig, Menschen mit geringer Bildung zu fördern, anstatt Akademikern noch ein Doktorat zu ermöglichen", erklärt Kopf. Derzeit hat das AMS nämlich keinen Einfluss darauf, welche Weiterbildungsangebote in der Bildungskarenz in Anspruch genommen werden. Einen Fokus möchte der AMS-Chef daher auf die Ausbildung von Hilfs- zu Facharbeitern legen. „Bei Pflichtschulabsolventen liegt die Arbeitslosenquote bei 18 Prozent, bei Facharbeitern lediglich bei sechs", schießt Kopf auch gleich ein arbeitsmarktpolitisches Argument nach.

Sollte sich die Politik auf eine Bildungsteilzeit einigen, könnte das AMS entsprechende Programme 2014 umsetzen. Denn Kopf ist bewusst: „Solche Ausbildungen müssen vom AMS finanziert werden, weil sich die Betroffenen diese oftmals nicht leisten können." Dürfen Unternehmer darauf hoffen, dass künftig auch Weiterbildungen wie Schweißkurse und Ähnliches über die teilweise Bildungskarenz zur Gänze übernommen werden? Wohl kaum. Die AMS-Förderung dürfte sich laut Kopf auf große und längere Ausbildungen wie Meisterschulen konzentrieren, die auch eine formale Verbesserung der Qualifikation mit sich bringen und deren Kosten schon bisher kaum von den Unternehmen getragen wurden.

Es bleibt abzuwarten, in welcher Form die Bildungsteilzeit kommen wird und ob bei der herkömmlichen Bildungskarenz strengere Auswahlkriterien bevorstehen. Das Vorurteil, wonach viele die Bildungskarenz nur als subventionierte Jobauszeit verwenden, lässt Kopf jedenfalls nicht gelten. Der AMS-Chef zitiert eine IHS-Studie, wonach die Betroffenen keineswegs auf der faulen Haut liegen. Die Bildungskarenz wird von den Arbeitnehmern als Chance gesehen. Es gilt jetzt also auch den Bildungshunger der formal schwächer Gebildeten zu fördern.