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Blockchain Initiative Logistik: Von der Pilot- in die Rollout-Phase

21.04.2020

Österreichs Transportwirtschaft prescht, unterstützt von der Logistikvereinigung BVL und GS1 Austria, und „gecoacht“ von Ernst & Young, mit einem innovativen EDI-Logistik-Modell vor. Dieses Kooperationsprojekt, das europaweit Beachtung findet, nennt sich Blockchain Initiative Logistik (BIL) und zielt darauf ab, Frachtdokumente, die beim LKW-Transport an Bord mitgeführt werden, zu digitalisieren. Nach erfolgreichen Pilottests mit echten User-Anwendungen im letzten Jahr, startete BIL Anfang März dieses Jahres in die Rollout-Phase.

BIL ersetzt den herkömmlichen Frachtbrief in Papierform durch ein elektronisches Dokument, dessen Daten auf einem Smartphone oder einem Tablet gespeichert sind. Gerade in Corona-Zeiten leistet BIL solcherart wertvolle Beiträge zur Kostensenkung sowie zur Herkunfts- und Qualitätssicherung beim Warenverkehr zwischen Industrie und Handel, trägt aber auch substantiell zur beschleunigten Abfertigung von LKW-Transporten an Landesgrenzen und Mautstationen bei. Um eine Vorstellung von den möglichen Dimensionen des Projekts zu vermitteln: Das jährliche Truck--Frachtvolumen innerhalb der EU 28 beläuft sich auf 682.549 Millionen Tonnenkilometer.

BIL, ein breit aufgestelltes Netzwerk

Initiatoren und Umsetzungstreiber von BIL sind 

  • die Bundesvereinigung Logistik Österreich (BVL), mit zwei ihrer namhaftesten Mitglieder, den Großspeditionen LKW Walter (hat 20.000 Frächter unter Vertrag) und DB Schenker Österreich,
  • GS1 Austria mit der EDI-Tochter Editel und der Supply Chain-Kooperationsplattform ECR Austria, sowie
  • Ernst & Young (EY) Österreich, Mitglied des weltweiten EY-Netzwerkes von Wirtschaftstreuhändern, Management- und Rechtsberatern. Die EY-Organisation erreichte weltweit einen Jahresumsatz 2018/2019 von 36,4 Mrd. US-$. EY hat auf globaler Ebene ein eigene Blockchain Software (EY OpsChain)  entwickelt und vergibt gegen Bezahlung  eines Nutzungsentgelts die  Nutzungsrechte an die Customer der BIL (Lieferanten, Händler, Logistik-Dienstleister). Ein Source Code öffnet den Geschäftspartnern den Zugang zur Y-Blockchain. 
  • Weiters mit an Bord von BIL ist die Wirtschaftsuni Wien, die wissenschaftlichen Support beisteuert.

Innerhalb der Konsumgüterbranche zeigen zahlreiche Industrie- und Handelsunternehmen großes Interesse, mittels BIL ihre Lieferketten zu optimieren und in schwierige Zeiten abzusichern. Seitens des Handels hat Möbelriese Ikea am Pilotprojekt der Initiative  teilgenommen, das 2019 erfolgreich durchgeführt wurde und mit einem Forschungspreis ausgezeichnet wurde. Die IT- und Logistikabteilungen großer Handelsunternehmen  wie Rewe, Spar und Metro, die am Editel Liefer- und Rechnungsdaten – Verkehr teilnehmen, zeigen bereits großes Interesse an der Umsetzung des BIL-Projekts.

Rechtliche Grundlage der Verwendung  von digitalisierten Lieferdokumenten  ist das UNO Protokoll eCMR, erlassen im Zeitraum 2008 bis 2011, das in 17 europäischen Ländern, bislang aber noch nicht in Deutschland und in Österreich, ratifiziert wurde. Brüssel arbeitet zur Zeit am Entwurf einer Verordnung, die elektronische Informationen über den Güterverkehr regeln soll. Es zählt zu den vorrangigen Anliegen der  BIL-Plattform, innerhalb der EU möglichst rasch Rechtssicherheit für den Einsatz der digitalisierten Lieferpapiere zu erwirken. Österreichs Infrastrukturministerium signalisiert großes Verständnis für dieses Anliegen. 

Hard Benefits von BIL

Digitalisierte Frachtpapiere weisen gegenüber den papierbasierten, mit dem Durchschlagsverfahren arbeitenden eine Reihe von Vorteilen auf, von denen Verlader, Frächter und Empfänger gleichermaßen profitieren:

  • Durch die Automatisierung werden die Prozesskosten gesenkt.
  • Die elektronische Lieferbestätigung (Proof of Delivery) wird innerhalb der  Supply Chain in Echtzeit weitergeleitet.
  • Damit besteht im Geschäftsverkehr ein real time-Zugriff  auf den aktuellen Lieferstatus, die Unterschriften und den Inhalt der Lieferdokumente.
  • Die Frachtdokumente lassen sich automatisch archivieren. 
  • BIL ermöglicht die Einbindung von Behörden im Zuge von Kontrollen (Echtheitsprüfung).
  • Dienstleister wie Banken und Versicherungen können BIL als zusätzliches Produkt in ihre Angebotspalette aufnehmen.

Supply Chain setzt auf Blockchain

Mit dem Rollout von BIL erfährt die in der Konsumgüterbranche seit Jahren laufende Diskussion über die Sinnhaftigkeit der privatwirtschaftlich funktionierenden Blockchain-Technologie als Alternative zum öffentlichen Internet neue Nahrung. Der große Vorteil  von Blockchains: Weil systembedingt immer nur zwei Geschäftspartner in einem geschlossenen Kreislauf ihre Daten austauschen, ist die Sicherheit dieses Datenverkehrs gegenüber Zugriffen von außen extrem hoch. Im Fall von BIL basiert die Sicherheit auf der verteilten Infrastruktur, die viele Partner umfasst sowie auf ausgefeilten Verschlüsselungstechnologien. Während öffentliche Blockchains enorme Datenmengen verarbeiten und deshalb besonders energieaufwändig sind, handelt es sich bei BIL um eine private Blockchain, die auf energieintensives Mining verzichtet und daher recht sparsam arbeitet.

Internationale Markenartikler wie Nestlé und L´Òreál  beteiligen sich zusammen mit Handelsriesen wie Wal-Mart und Carrefour und mit IBM als Systembetreiber an einer Lieferketten-Blockchain, mit dem Ziel der Qualitäts- und Herkunftssicherung global gesourcter Lebensmittel. In Deutschland  startete vor kurzem das Blockchain Projekt Silke. Auf Initiative des Fraunhofer-Instituts und unter der Schirmherrschaft von GS1 Germany nehmen Händler Lidl und Hersteller wie Bahlsen, Zentis und Valensina an einem Datennetzwerk teil; das den Warenfluss vom Bauern bis zum Supermarkt-Regal fälschungssicher dokumentieren soll.

Bei GS1 Austria steht man dem Blockchain-Projekt der deutschen Kollegen eher skeptisch gegenüber. In Übereinstimmung mit den Partnern aus Handel und Industrie vertreten GS1-Chef Gregor Herzog und sein Team die Ansicht, dass mit  Editel und den dabei eingesetzten globalen GS1 Standards der Datenverkehr entlang der Supply Chain optimal und äußerst kostengünstig organisiert ist und es daher keiner Parallel-Technologie durch Blockchain  bedarf. Hingegen eröffnet das BIL-Modell den GS1 Standards Einsatzmöglichkeiten in einem neuen Geschäftsfeld, nämlich beim Gütertransport. Nicht nur im grenzüberschreitenden Warenverkehr, sondern auch bei den Lieferketten für Lebensmittel aus den heimischen Regionen, die in nach-Corona-Zeiten stark an Bedeutung zulegen sollten. 

Autor/in:
Dkfm. Dr. Hanspeter Madlberger

Hanspeter Madlberger war unter anderem bei Henkel Austria und der Handelskette A&O beschäftigt, arbeitete 17 Jahre als Redakteur bei der Fachzeitschrift Regal, war 21 Jahre Herausgeber der Handelszeitschrift Key Account und ist seit Herbst 2014 als freier Wirtschaftsjournalist tätig.

Original erschienen am 21.04.2020: Handelszeitung.
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