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Der Wiener Heldenplatz ist Ausgangspunkt der Tour.

Wien: Ungewöhnliche Stadtführungen

29.08.2017

Orte der Armut statt prunkvollen k. u. k. Schicks zeigen Stadttouren von Obdachlosen in Wien. Ein touristisches Angebot, das aufklärt und den Betroffenen oftmals aus der Patsche hilft.

Initiatorin Perrine Schober.

Eine Großgruppe japanischer Touristen huscht um das Prinz-Eugen-Denkmal am Wiener Heldenplatz. Klick, klick machen ihre Nikons. Tour-Guide Robert hält seine „Shades Tours“-Mappe in einer Abwehrhaltung dagegen. Scherzhaft. Dann lacht er. Nein, die Touristen aus Fernost sind nicht seinetwegen hier. Denn Robert macht heute einen touristischen Rundgang durch die imperiale Wiener Innenstadt, der anders ist als alles, was in Reiseführern steht. Ganz anders.  
Die kommenden zwei Stunden drehen sich um das Thema Armut und Obdachlosigkeit in der laut Mercer-Studie lebenswertesten Stadt der Welt. Kein Kaiser, keine Sisi. Eine gemischte Gruppe von zehn Personen lauscht gespannt den Vorbemerkungen. Ja, Robert ist selbst betroffen, lebte bis vor kurzem auf der Straße und plaudert nun offen und eindringlich über seine Erfahrungen. Dann nimmt er die Gruppe mit auf den Weg.

Geschichte der Armentouren 

Obdachlose führen durch ihre Stadt. Diese Stadttouren der anderen Art gibt es seit einigen Jahren in anderen Metropolen wie Berlin, Barcelona oder Prag. Die einzelnen Angebote erreichen dort bis zu 10.000 Besucher jährlich. Nun gibt es das auch in Wien – neben „Shades Tours“ auch „Supertramp“. Neu ist die Idee nicht. Bereits im viktorianischen England gab es Touren durchs Armenviertel. Die Intention dahinter war: Die bürgerlichen Teilnehmer sollten durch den mitleidigen Anblick zum Spenden veranlasst werden. 

Um Spenden und Voyeurismus geht bei es „Shades Tours“ oder „Supertramp“ nicht. Ziel ist es, aufzuklären und Missverständnisse im Zusammenhang mit Obdachlosigkeit auszuräumen. „Wichtig ist uns, dass es den direkten Kontakt mit den Guides gibt. Wir wollen sozial-politische Inhalte bieten“, sagt Shades-Tours-Gründerin Perrine Schober. Diese werden nicht theoretisch und trocken, sondern praktisch und authentisch übermittelt. Sie wolle damit soziale Kompetenz und das Toleranzniveau der Gesellschaft stärken, sagt die 33-jährige ehemalige Tourismusmanagerin. Schobers Augen strahlen, wenn sie von ihren Erfolgen spricht. Es geht hier nicht in erster Linie um den eigenen ökonomischen Erfolg. Als sogenannter Social Entrepreneur hilft ihr Unternehmen bei der Lösung sozialer Probleme mit. Wie? Shades bietet den Guides Hilfe beim Weg zurück in die Gesellschaft und in das Berufsleben. „Drei Guides haben es bereits geschafft“, erklärt Perrine Schober stolz. 

Einer davon ist Robert. „Dem Job von Shades Tours habe ich es zu verdanken, dass ich jetzt wieder eine Wohnung habe“, sagt er, während er die zehnköpfige Gruppe an der Goethe-Statue an der imposanten Ringstraße entlang zur Staatsoper führt. Am hinteren Teil des Prachtbaus befand sich beim Bühneneingang bis vor wenigen Jahren ein Raum, der bei extremen Temperaturen seine Pforten für Obdachlose öffnete. Verwundert blickt ihn die Touristengruppe an. Bis 2010 hätten sich Kulturinstitutionen der Obdachlosigkeit angenommen, erzählt ihnen der Guide. Dann sei das Problem größer geworden, und die Stadt Wien hätte es selbst in die Hand genommen. Je nach Schätzung sind zwischen 10.000 und 20.000 Menschen in Wien ohne Obdach. Eigentlich funktioniere die Betreuung gut, meint er. Zumindest besser als anderswo. 

Robert ist Mitte dreißig, trägt Vollbart, Brille und meist ein sympathisches Grinsen im Gesicht. An den sechs Stationen seiner Tour erklärt er Hintergründe zu Obdachlosigkeit und Armut. Etwa, dass aufgrund der Gesetzgebung im Ungarn des Viktor Orbán viele der dortigen Obdachlosen nach Wien flüchten und dass man schneller auf der Straße landet, als viele glauben. Meist lautet das Schema: Sucht, Jobverlust, Schulden, Wohnungsverlust. Und ohne Meldeadresse kommt man dann nicht mehr zu einem neuen Job. Ein Teufelskreis. In Roberts Fall kam dann noch eine fast unglaubliche, verbotene Liebensgeschichte hinzu, samt Todesdrohungen. Er hatte in Wien auf der Straße gelebt, um in der Nähe seiner Liebsten zu sein, deren erzkonservative Eltern gegen die Bindung waren. Nächstes Jahr wollen die beiden heiraten. Eigentlich filmreif!

Neue Zielgruppen 

Der letzte Punkt der rund zweistündigen Tour ist der Franziskanerplatz. Heute sind die engen Gassen rund um den Platz gesäumt von noblen Restaurants. Früher war hier Wiens erste Essenausgabe für Bedürftige.
Die Tour ist zu Ende. Der Guide bekommt Applaus. Lehrreich sei es gewesen, sagt eine Frau. Eine andere erkundigt sich nach einer zweiten Tour, die sie gleich buchen will. Neben der Innenstadt-Tour gibt es noch die Möglichkeit, soziale Einrichtungen zu besichtigen. Auch einige weitere Teilnehmer interessieren sich dafür.  

Rund 300 Touren und Aktivitäten hat Perrine Schober mit ihrem siebenköpfigen Team seit Jahresbeginn schon auf die Beine gestellt. Von Anbeginn hat sie die Kooperation mit der Kammer und dem Fremdenführerverband gesucht, um nicht mit dem Gewerberecht in Konflikt zu geraten. Dort unterstützt man Frau Schobers Vorhaben: Der Grund liegt auf der Hand: Mit alternativen Tourenarten kann man neue oder latente Zielgruppen ansprechen – vor allem Einheimische. Letztlich profitieren alle davon. 

Autor/in:
Daniel Nutz
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