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Der Mensch steht nicht mehr im Mittelpunkt

02.09.2020

Uli Pillau, gelernter Hotelier und Gründer einer offenen Software-Plattform in der Cloud für die Hotellerie (apaleo), empfiehlt ein komplettes Umdenken der Business-Hotelbranche: Auslastungen von 65% wird es nie wieder geben, also muss man mit unter 40% auskommen. Das geht, wenn man radikale Maßnahmen setzt.

Über Uli Pillau

Uli Pillau ist Unternehmer und Angel Investor. Er ist Gründer von apaleo, einem in München ansässigen Start-up-Unternehmen, das eine Cloud-Plattform der nächsten Generation für die Hotellerie entwickelt. Zuvor war Pillau am Aufbau mehrerer sehr erfolgreicher Softwareunternehmen im Hotel- und Reisebereich beteiligt, u.a. Fidelio Software, heute das weltweit führende Property Management System für Hotelketten und Hotels. www.apaleo.com/de

Herr Pillau, welche Veränderungen sehen Sie mittel- und langfristig bei der Buchungsnachfrage?

Uli Pillau: Viele Märkte werden lange brauchen, um wieder zu dem Status von vor der Krise zu kommen. Und manche Segmente werden das wahrscheinlich nie wieder erreichen. Hoteliers bleibt nichts anderes übrig, als jetzt radikal neue Wege zu gehen. Der gesamte Event- und Konferenzmarkt, auf den sich viele Hotels vor allem in den Städten konzentrieren, wird in Zukunft sicher anders aussehen. Sehr viele Messe- und Veranstaltungsfirmen erfinden sich gerade neu. Großveranstaltungen wie Konzerte oder Sportevents werden aus Sicherheitserwägungen auf einige Zeit nicht mehr so stattfinden können, wie wir es kannten, die meisten fallen einfach weg. Auch Geschäftsreisen werden zukünftig sicherlich nicht mehr im gleichen Rahmen stattfinden, da viele Firmen vermehrt auf Online-Meetings setzen. In anderen Marktbereichen gibt es ähnliche Entwicklungen.

Und wie wirkt sich das auf den gesamten Markt aus?

Es gibt sicher einige Hotels, die auf Grund ihres Produktes oder ihrer Lage gut aufgestellt sind. Auch in den großen Weltstädten wird die Belegung irgendwann wieder akzeptable Höhen erreichen. Doch die überwiegende Anzahl von Hotels wird kämpfen müssen. Vielen bleibt nur, ihr Geschäftsmodell wirklich drastisch zu verändern. Die Alternative ist die Schließung des Betriebs oder der Verkauf. In den Nachrichten liest man fast täglich über Insolvenzen in der Hotel- und Gastronomiebranche.

Motel One wird in 2020 voraussichtlich einen Verlust von 80 Millionen Euro machen. Laut Gründer Dieter Müller erlebt die Gruppe so etwas zum ersten Mal. Doch es gibt etwas, das allen gemein ist: Ingo Peters, Direktor des Vier Jahreszeiten Hotels in Hamburg, sagte kürzlich in einem Interview, dass die deutlich niedrigere Belegung sie dazu zwinge, komplett umzudenken. Eine Belegung wie in diesem Jahr ist für die meisten Häuser einfach nicht mehr kostendeckend. Allgemein sagt man, dass je nach Hotelart ein Minimum von ungefähr 60-65% Belegung nötig ist, um zumindest die Kosten zu erwirtschaften. Erst danach macht man Gewinne. Die größten Kostentreiber sind die Pacht und natürlich die Personalkosten.

Wie lange müssen die Hotels mit einer niedrigeren Auslastung rechnen?

Das ist sehr schwer vorauszusagen. Viele auf den Hotelmarkt spezialisierte Analysefirmen prognostizieren aber, dass für 2020 und die Folgejahre an den meisten Orten und Städten noch mit Belegungen deutlich unter 50% gerechnet werden muss, oft sogar eher in die Richtung 30-40%. Dass viele Betriebe dadurch gezwungen sein werden zu schließen, das tut mir in der Seele weh. Ich bin seit weit über 30 Jahren in der Hotelbranche, habe eine Ausbildung und die Hotelschule absolviert, arbeite seit langer Zeit auf der Softwareseite weltweit mit Ketten und Hotels zusammen und zähle etliche Hoteliers zu meinen Freunden. Was gerade passiert, ist mit nichts zu vergleichen, was wir bisher kannten.

Welche Alternative empfehlen Sie, wenn man eine Schließung noch umgehen kann?

Es gibt in einer Reihe von Ländern innovative Vorreiter für neue Hotelmodelle, die andere Wege gehen, oft durch Leute und Konzepte getrieben, die bereits in anderen Industrien erfolgreich waren. Sie setzen zum Beispiel auf voll automatisierte Hotels, die mit wenigen oder keinen Mitarbeitern vor Ort auskommen können. Solche Hotels arbeiten bereits mit Belegungen von 20, 30 oder 40% durchaus profitabel und produzieren deutliche Gewinne. In Deutschland sind das zum Beispiel Limehome, Stayery oder Cosy, die auch unsere Kunden sind. Sie haben bereits bei ihrem Aufbau die komplette Riege an veralteten Legacy-Technologien ignoriert und setzen auf moderne Cloud-Plattformen, die ihre Konzepte auch wirklich unterstützen.

Für neue Hotelgruppen und Hotels scheint das schlüssig. Aber was hilft den bestehenden Hotelbetrieben, die aktuell in Schwierigkeiten sind?

Je länger man mit seinem Betrieb erfolgreich gearbeitet hat, desto schwieriger ist es, seine Arbeitsweise zu ändern. Für ein traditionelles Hotel ist ein komplettes Umdenken sicher ein schmerzhafter Prozess. Doch als Alternative zur Schließung oder zum Verkauf ist es für die meisten der einzige Weg.

Was genau schlagen Sie vor?

Ein erster Schritt könnte sein, sämtliche F&B-Outlets und Restaurants zu schließen oder an dritte Betreiber zu geben. Außerdem alle alten Technologie-Systeme mit hohen Wartungs- oder Vertragskosten sofort zu kündigen und abzuschalten. Das alles jedoch nicht willkürlich und aktionistisch, sondern mit einem Plan, ein neues Produkt für einen veränderten Markt zu schaffen und neue Zielgruppen anzusprechen. Freigewordene, vorhandene Räumlichkeiten kann man neu definieren und wichtige Bausteine, die man für den Betrieb noch benötigt - wie das Housekeeping - outsourcen. 

Das alles mit dem Ziel im Kopf: Wie kann ich mein Hotel mit einer fortlaufenden Belegung von unter 40% mit Gewinn betreiben? Aus meiner Erfahrung heraus besteht der einzig mögliche Schlüssel in der Automatisierung über Technologie. Das erfolgreiche Hotel der Zukunft wird ein von Technologie getriebenes Hotel sein. Es wird nicht jedem leicht fallen, sein Hotelkonzept, das über Jahrzehnte hinweg so gut funktioniert hat, hinter sich zu lassen und in allen Bereichen komplett neu zu denken. Doch dieser Weg kann den Betrieb retten.

Welchen positiven Ausblick können Sie uns bieten?

Da ich selbst als Hotelier gearbeitet habe, fühle ich mit der ganzen Industrie. Ich bin aber auch ein großer Optimist und sehe positiv in die Zukunft. Eine solche riesige Krise birgt immer auch große Chancen, wenn man sich auf die neuen Gegebenheiten einlässt. Um uns herum verändert sich gerade alles in einer viel höheren Geschwindigkeit als bisher gewohnt. Die Schwachstellen in den Industrien sind so sichtbar wie nie. Mit neuen Situationen, schnell lernen umzugehen, das kennen wir aus der Software-Entwicklung sehr gut. Wir erfinden uns in unseren Start-up Firmen tagtäglich neu. Deshalb kennen wir auch die Wege, die die Hotellerie in die Zukunft bringen kann.

Dieses Interview wurden uns freundlicherweise von Lermann Public Relations in München zur Verfügung gestellt. Wir haben es ein wenig überarbeitet.

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