Frisches Blut für alte Unternehmen

Start-up
26.09.2016

Von: Alexandra Rotter
Junge und alteingesessene Unternehmen nähern sich so stark an wie nie zuvor. Wenn Etablierte die Start-ups zu einer Frischzellenkur nutzen wollen, gibt es allerdings einige Spielregeln zu beachten.

Disruption – für die einen die Chance, ein neues Google, Facebook oder AirBnB zu werden, für die anderen die Bedrohung schlechthin. Start-ups sind in diesem Spiel die Herausforderer, obwohl sie meist auf wackeligen Beinen stehen – die alteingesessenen Unternehmen sind die Bedrohten. Für Letztere gilt: Egal, wie gut sie gerade im Geschäft sind, das kann sich schon morgen gewaltig ändern, wenn die New der Old Economy mit komplett neuen Geschäftsmodellen die Einnahmen abgräbt. 

Was tun, wenn man zu den Alten gehört? Immer mehr von ihnen wollen die Jungen zu Partnern machen, um sie nicht mehr zu Feinden zu haben und sich selbst eine Frischzellenkur zu verpassen. So hat etwa der oberösterreichische Hightech-Business-Inkubator tech2b verschiedene Formate entwickelt, um beide Welten zusammenzubringen. Bei „Industry meets Start-ups“ werden Start-ups zu Industriebetrieben gebracht. Unter dem Titel „Start-up meets Industry“ werden bestehende Tandems vorgestellt, zum Beispiel das Präsentations-Start-up Presono und seine ersten industriellen Kunden, die sich noch vor der Markteinführung für die Präsentations-Software entschieden haben, darunter die Keba AG und die Hauser GmbH. Der große Vorteil: Noch während der Software-Entwicklung, die im Oktober auf den Markt kommen soll, konnten diese Erstkunden Rückmeldungen zu Zwischenständen bzw. Beta-Versionen des Tools geben.

Start-up-Scouting

Für Primetals, ein Joint Venture zwischen Siemens und Mitsubishi, das Industrieanlagen im Stahlbereich herstellt, sucht tech2b nach kompatiblen Start-ups. Mit www.businessfactory.at wurde dafür sogar eine eigene Website erstellt, über die sich Start-ups bis vor Kurzem für eine Teilnahme bewerben konnten. Was sie bekommen, ist „Raum für Austausch und Begegnung, Know-how und intensives Co-Working“. Gemeinsam wird an Entwicklung und Erfolg der Geschäftsidee gearbeitet. Primetals geht es laut tech2b-Geschäftsführer Markus Manz darum, „auf der Höhe der Zeit zu bleiben und tolle Projekte zu identifizieren und um schnellere Innovation“. Das Fehlen radikaler Innovationen und die typische Behäbigkeit eines Konzerns soll durch diese intensive Zusammenarbeit mit ausgewählten Start-ups ausgeglichen werden. Das Ziel ist eine Beteiligung an den Start-ups und dadurch an deren Wachstum.

Für viele Start-ups sind solche Kooperationen ebenfalls erstrebenswert. Doch es gibt auch einen Interessenskonflikt. Manz: „Die Start-ups wollen zwar einen Nutzen von der Firma, aber möglichst keine Beteiligung abgeben. Die Firmen denken aber schon in Beteiligungen, denn ohne Beteiligung fürchten sie, dass die Start-ups wieder weg sein könnten und sie unnötig Ressourcen hineingesteckt haben.“ Start-ups fürchten oft zu Recht, ihre unbürokratische Leichtigkeit und Schnelligkeit zu verlieren, wenn sie zu stark an einen Konzern angedockt sind. Manz empfiehlt daher eine „minimale Beteiligung im einstelligen Bereich bis höchstens zehn Prozent“. In Ausnahmefällen könnten es bis zu 25 Prozent sein.

Kampf um Start-ups

Markus Manz ortet sogar einen Hype seitens der Industrie: „Da gibt es schon einen Kampf um die Start-ups: Jedes Unternehmen möchte Start-ups haben. Wer keines will, ist fast ein wenig Old School.“ Ähnliches fällt Stefanie Pingitzer, CEO von LilO The Entrepreneur Boutique und Vorstandsmitglied der Austrian Angel Investors Association (AAIA), auf: „Es gibt ein großes Interesse der Corporates an Start-ups. Sie wollen nicht nur produkt- und servicerelevante Informationen, sondern auch die eigenen Mitarbeiter mit dem Gründerspirit vertraut machen und bei ihnen Begeisterung hervorrufen.“ Im Idealfall entsteht eine Win-Win-Situation: Die Unternehmen können lernen, „ineffiziente Abläufe gemeinsam mit dem Start-up zu optimieren, und die Start-ups können ihre Prozesse professionalisieren“. Es gehe vor allem darum, ein anderes Mindset ins Team zu bringen. „Was den Corporates fehlt, ist, die Dinge zu hinterfragen. Es gibt fast schon eine Betriebsblindheit in den Konzernen“, sagt Pingitzer. Sich wie ein Start-up immer wieder zu fragen „Warum ist das so?“, und „Geht das nicht besser?“ sei bei Kooperationen sogar noch wichtiger als eine neue Produktidee. Manch ein Unternehmen, etwa Conrad Electronic, holt sich sogar Start-up-Gründer in den Aufsichtsrat.

Stefan Perkmann-Berger, Gründer von whataventure, berät unter anderem bei Kooperationen zwischen Start-ups und reifen Unternehmen und hat das Online-E-Book „5 Steps To Successfully Collaborate With Start-ups“ geschrieben, das jeder gratis herunterladen kann. Die Partystimmung in Sachen Start-ups ist seiner Ansicht nach vorbei, jetzt hat man realisiert, welch hartes Geschäft dahintersteckt. Der Return on Investment rückt für viele in den Vordergrund, aber der kommt oft nur in kleinen Dosen.

Wichtig ist Perkmann-Berger zufolge, dass sich die Unternehmen ihrer Ziele bewusst werden: „Viele sagen: Start-ups sind cool, ich muss mit denen was machen. Aber sie fragen sich nicht: Welche Rolle spielt Innovation für mich? Und wo sind Start-ups sinnvoll?“ Ein Problem könnte sein, dass man nicht die richtigen Leute im Unternehmen hat oder nicht weiß, wie man eine Geschäftsidee skaliert, also zu einem großen Geschäft machen kann. Ob ein Start-up diese Schwächen ausmerzen kann, muss man überlegen. Eine Möglichkeit etwa für Hidden Champions sieht Perkmann-Berger darin, sich von Gründern dabei helfen zu lassen, wo das eigene, meist spezifische Produkt noch verwendet werden könnte: „Wenn ich in einer Nische bin, macht es Sinn, mir ein Start-up-Ökosystem aufzubauen.“

Sind diese Fragen definiert, reicht es nicht, einfach ein Start-up heranzuholen – zusätzlich muss das eigene Team auf die Kooperation eingeschworen werden – und das ist nicht so einfach: „Ich brauche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die Komplexität kognitiv verstehen. Das schaffe ich nur, wenn ich sie in den Innovationsprozess einspanne.“ Stefanie Pingitzer rät dazu, ein interdisziplinäres Team im Unternehmen zusammenzustellen, das als Ansprechpartner für die Start-ups dient und regelmäßig für Austausch, etwa in Form von Workshops, sorgt. Und: Wer mit Start-ups kooperieren will, sollte sich einiger Dinge bewusst sein: Zum einen sollte die oft konträre Unternehmenskultur akzeptiert werden. Und: Auch die Start-ups wollen etwas von der Kooperation haben – in der Regel sind das der Zugang zum Netzwerk und den Vertriebskanälen, zu Marktforschungsergebnissen und zum Customer Relationship Management. Da sieht Pingitzer noch viel Aufholbedarf, denn die meisten Corporates seien noch nicht bereit und in der Lage, all das zur Verfügung zu stellen.