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Vier Fäuste für ein Halleluja

29.09.2004

[caption id="attachment_85" align="alignleft" width="230" caption="Beim Verkauf des Billa-Konzerns an die deutsche Rewe kam es zum Bruch zwischen Karl Wlaschek (li.) und Veit Schalle. Als Schalle im Vorjahr in die Pension verabschiedet wurde, zeigten sich die beiden wieder versöhnlich. Foto: Kronenzeitung/Jöchl, Rewe"][/caption]

Rückblick. Karl Wlaschek und Veit Schalle machten aus dem „Billigen Laden“ ein Handelsimperium und sich selbst zu reichen Männern.

Billa ist untrennbar mit Karl Wlaschek verbunden. Der mit der „Goldenen Ehrenmedaille von Wien“ Ausgezeichnete gilt als eine der großen Gründerfiguren der heimischen Wirtschaftsgeschichte und Paradebeispiel für die rare Spezies des österreichischen „Selfmademan“. Im Vorjahr, mit 88 Jahren, hat sich der medienscheue Billa-Gründer und Immobilienkaiser entschlossen, sein Leben zu dokumentieren und seine Memoiren („Der Bessere gewinnt“) zu veröffentlichen. Der Unternehmer wurde am 4. August 1917 in Wien geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er unter dem Pseudonym „Charly Walker“ als Pianist und Bandleader tätig. 1953 begann er als Kaufmann und legte mit einer kleinen Parfümerie, die er als Einzelgesellschaft eintragen ließ, den Grundstein für eine expansive Handelsgruppe. Knapp sieben Jahre später nannte er schon 45 Lebensmittelgeschäfte sein Eigen, die ab 1960 unter dem Namen Billa – für „Billiger Laden“ – firmierten. Bis zum Verkauf des Billa-Handelsriesen mit damals 50 Milliarden Schilling Jahresumsatz im Sommer 1996 für geschätzte 15 Mrd. S (1,1 Mrd. Euro) an die deutsche Rewe hat es Wlaschek – praktisch nur aus Eigenmitteln – auf ein Handelsimperium mit 18.000 Mitarbeitern und 1.340 florierenden Filialen gebracht, die unter der Konzernholding BML Vermögensverwaltung AG (für Billa Merkur Libro) zusammengefasst waren. Daneben zählten zu der von Rewe übernommenen BML die Marken Mondo und Emma, die Parfümerie-Kette Bipa, ferner die Billa-Auslandstöchter in Ungarn, Polen, Tschechien, Slowakei, Italien und Deutschland. Nachdem es ihm nicht gelungen war, bei der Privatisierung der damals zweitgrößten Bank des Landes, der Creditanstalt (CA), zum Zug zu kommen, begann Wlaschek in Immobilien anzulegen und dürfte mittlerweile der größte private „Hausherr“ des Landes sein. Sein Realitätenbesitz wird ausschließlich über zahlreiche Stiftungen mit klangvollen Namen („Amisola“, „Estrella“, „Ermione“) gemanagt. Heute besitzt Wlaschek neben acht herrschaftlichen Palais in der Wiener Innenstadt weit über hundert Objekte in ganz Österreich. Auch die beiden Bürotürme nördlich der Donau (Andromeda, Ares) zählen zu seinem Immobilienbesitz. Das Vermögen von Karl Wlaschek wird auf etwa 3,4 Mrd. Euro geschätzt.

Schwieriger Übergang
Der Verkauf von BML an die deutsche Rewe-Gruppe ging aber nicht ohne Schrammen über die Bühne. In der Wiener Neudorfer Schaltzentrale von BML rätselten zunächst die Mitarbeiter über den Inhalt der Verträge mit Rewe. Keiner wüsste, was bei dem Verkauf tatsächlich ausverhandelt wurde, hieß es. Zudem dachte Wlascheks zweiter Mann, Veit Schalle, lautstark über einen möglichen Absprung nach, da er von den Verkaufsabsichten bis zum Schluss nicht informiert worden war. Doch es kam anders. Schalle, 1942 in Klagenfurt geboren, hatte eine Bilderbuchkarriere vom Verkäufer zum Vorstandsvorsitzenden des Handelskonzerns hinter sich und übernahm nun, unter dem neuen Eigentümer, die Position des Generalbevollmächtigten, die er bis zu seiner Pensionierung im Sommer 2005 innehatte. Schalles Ära markieren viele Innovationen, die den österreichischen Lebensmittelhandel geprägt und Rewe Austria zur Nummer eins gemacht haben. Der Aufsichtsrat der Rewe Austria würdigte die unternehmerischen Leistungen von Schalle als ein „Lebenswerk, das eine sichere Basis für die erfolgreiche Weiterentwicklung des Marktführers im österreichischen Lebensmittelhandel bietet“. Eine Tradition seines Mentors Wlaschek führte Schalle allerdings – fast – bis zum Schluss seiner Ära fort: die Informationssperre gegenüber Medien. Erst nach unnachgiebigem Insistieren im Zusammenhang mit der „Neuburger-Affäre“ gelang es LK-Handelszeitung, als erster Fachzeitung, Schalle im Herbst 2004 zu einem Interview zu bewegen. Bereits Stunden nach Erscheinen gingen Auszüge daraus online durch die gesamte heimische Medienlandschaft. Damit war der Damm gebrochen. Kurz darauf richtete Rewe Austria erstmals in der Unternehmensgeschichte eine eigene Presseabteilung ein. „Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und möchten unsere positiven Leistungen besser an die Öffentlichkeit transportieren. Eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit ist dafür die Grundvoraussetzung“, sagte Veit Schalle.


Autor/in:
Redaktion.Handelszeitung
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