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1975 bis 1985: Schuss ins Konjunkturdunkel

01.01.1975

Die bis Mitte der 70er-Jahre blühende Wirtschaft knickt langsam ein. Um einen Konjunkturaufschwung zu erreichen, setzt die Regierung Kreisky auf Konsumsteigerung, Investitionen in die Verstaatlichte und Erhaltung der Vollbeschäftigung um fast jeden Preis. Energiekrise, aufmüpfige BürgerInnen und ein wachsendes Budgetdefizit bewegen die Gemüter. Skandale vor allem in der Bauwirtschaft verdeutlichen die wachsende Misswirtschaft.

Nach der eben überstandenen großen Energiekrise macht sich in der zweiten Hälfte 1974 ein Exportrückgang bemerkbar. Gerade noch an der Treibstoffrationierung vorbeigeschrammt, ist die Zahlungsbilanz zur Jahreswende wegen der hohen Energiekosten schwer belastet. Der Ölschock und dass so etwas jederzeit wieder passieren könnte, sitzt allen noch in den Gliedern. „Wie schwierig wird das neue Jahr?“ fragt daher „die wirtschaft“ am 7. Jänner 1975 17 namhafte österreichische Unternehmen, wie Manner, Semperit oder Wagner-Biro. Die sind sich einig: Die Gefahr der Rezession besteht sowohl in Österreich als auch international, die Stabilisierungsmaßnahmen der Regierung Kreisky wirken kaum. Inzersdorfer sieht überhaupt nur „Symptomkuren“ und meint: „Jeder, allen voran der Staat, lebt schon viel zu lange über seine Verhältnisse und hofft auf die besseren Verhältnisse des anderen. Oder anders ausgedrückt: Die eigene und gegenwärtige Leistung müsste dem Verbrauch adäquat sein und nicht die (erhoffte) zukünftige Leistung, noch dazu des anderen.“ Damit ist die 1975 allgemein herrschende Stimmung unter den wirtschaftlich denkenden Köpfen Österreichs punktgenau beschrieben. Die C. Reichert Optische Werke AG erkennt gar keine Stabilisierungsmaßnahmen und formuliert höflich: „Unsere Stellungnahme würde Kritik an der österreichischen Regierungspolitik bedeuten.“ Damit ist wohl Kreiskys „Austro-Keynesianismus“ gemeint, ein Mix aus expansiver Budget-, Hartwährungs-, sozialpartnerschaftlich wachstumsorientierter Lohn- und Preispolitik und Nutzung der Verstaatlichten als Beschäftigungsmotor. Auf Dauer lässt sich jedoch das Wirtschaftstief nicht „durchtauchen“. Die „Insel der Seligen“ treibt etwas verzögert, jedoch zielsicher Richtung Konjunkturkrise. 30 Jahre nach Kriegsende erleben die Österreicher zum ersten Mal wieder eine tiefe Rezession, die Erinnerungen und Ängste wach werden lässt.

Geliehene Zukunft
Um soziale Errungenschaften wie die Arbeitszeitverkürzung auf 40 Stunden pro Woche (eingeführt 1975), die Erhöhung des jährlichen Mindesturlaubs auf vier Wochen (ab 1977), die  zur „Vollbeschäftigung“ beitragen sollen, aber auch den kostenlosen Zugang zum Bildungssystem und Investitionssteigerungen der Verstaatlichten weiterhin betreiben zu können, muss sich der häufig als „Medienzampano und Sonnenkönig“ betitelte Kanzler Bruno Kreisky einiges einfallen lassen. Die Sparpakete sind geboren: Das erste soll 14 Milliarden Schilling einbringen und wird 1977 beschlossen. Auslöser ist das bis dahin höchste in einem Monat erreichte Außenhandelsdefizit von rund 8,7 Milliarden Schilling im November 1977. Da nicht mit einer Aufschwungphase der Weltwirtschaft zu rechnen ist, braucht man budgetären Spielraum für die Beschäftigungspolitik. Den soll unter anderem die „Luxussteuer“ schaffen, ein auf 30 Prozent erhöhter Mehrwersteuersatz für langlebige Konsumgüter (wie Neuwagen, Pelze, Schmuck, HiFi-Anlagen), der die Importe dämpfen (oder wenn das nicht wirkt, zumindest dem Fiskus Mehreinnahmen bescheren) soll.

Dazu schreibt „die wirtschaft“ am 11. Oktober 1977 in der Coverstory „Was jetzt alles Luxus ist“: „Mittlerweile tun Erzeuger, Handel und Konsument genau das, was zu erwarten war: Die Hersteller prüfen besorgt die Verschlechterung ihrer Wettbewerbsposition, die Händler sehen hilflos zu, wie man ihnen den Markt zerschlägt, und die Käuferschaft stürmt panikartig und im vorverlegten Weihnachtsrummel die Geschäfte.“ Die Kürschner sind zutiefst besorgt, weil durch den nach Ankündigung der Luxussteuer einsetzenden Nachfrageboom zuerst die Werkstätten unter Druck kommen und später ein Umsatzeinbruch vorprogrammiert ist. Noch schwerer wiegt die rückwirkende Beseitigung steuerlicher Abschreibmöglichkeiten für Selbstständige beim Neuwagenkauf und die Einschränkung der Absetzbarkeit betrieblicher Aufwendungen: „Kaufen Sie rasch, bevor Androsch zuschlägt!“ ist das Motto. Unangenehmer Nebeneffekt für Gebrauchtwagenhändler: Sie müssen Gebrauchtwagen en masse auf Halde legen, weil viele Österreicher noch schnell einen Neuwagen kaufen. Auch die Transportwirtschaft bekommt ihr Fett weg: 1978 wird eine Güterbeförderungsabgabe beschlossen, die Frächtern als „mittelalterlicher Straßenzoll“ erscheint.
Allein die Ankündigung der Lkw-Steuer hat zur Folge, dass die oberösterreichischen Steyr-Werke ihre großen Lkws und die Schärdinger Firma Schwarzmüller ihre Anhänger kaum mehr verkaufen können.

Strom kommt – nicht aus Zwentendorf
Das Thema des Jahrzehnts ist die Energieversorgung. Nach dem ersten Ölschock von 1973 (der zweite folgte 1979 nach der Machtergreifung Ayatollah Khomeinis im Iran) forciert man international Kohlekraftwerke und Atomenergie. Auch in Österreich steigt der Strombedarf. Das heimische Stromnetz wird nach wie vor hauptsächlich von Wasserkraftwerken gespeist. Zwischen 1968 und 1978 erhöht sich Österreichs Stromerzeugung um 48 Prozent, 1978 steht einem Import von 2.939 Gigawattstunden (GWh) noch ein Export von 5.702 GWh gegenüber. Der Anteil von importiertem Strom steigt jedoch stetig (von 8 Prozent 1979 auf 12 Prozent 1980). Vertreter der E-Wirtschaft weisen immer wieder darauf hin, dass die Strombeschaffung aus dem Ausland schwieriger wird.

Bereits im September 1955 hat die österreichische Verbundgesellschaft ein Atomkraftwerk mit einer 10.000-kW-Anlage geplant. Das österreichische Atomkraftwerrk soll in Zwentendorf stehen. Schon in der Anfangsphase des Baus gibt es hitzige Diskussionen, vor allem über das Problem der Endlagerung des nuklearen Abfalls. Zwentendorf spaltet das Land in zwei Hälften und wird der Regierung Kreisky beinahe zum Verhängnis. Weil der Kanzler seinen Rücktritt im Fall einer Nein-Mehrheit bei der Volksabstimmung über die Inbetriebnahme von Zwentendorf am 5. November 1978 in Aussicht stellt, stimmt auch eine hauchdünne Schicht von Atomkraftbefürwortern gegen ihre eigentliche Überzeugung und verhilft der Anti-Atomkraft-Bewegung zum Sieg (1,606.777 oder 50,5 Prozent „Nein“-Stimmen).
„die wirtschaft“ nimmt an der Atomdebatte teil: Im Jänner 1978 verweist man in einer Reportage über den Forschungsreaktor Seibersdorf darauf, dass dieser seit 17 Jahren ohne Störung läuft. Unmittelbar vor der Volksabstimmung kritisiert Wirtschaftsverlag-Chefredakteur Karl Pisa unter dem Titel „Zwentendorf-Volksabstimmung: Von der Königs- zur Schnapsidee“ vor allem die Vorgehensweise, die in der Sache seiner Auffassung nach zu wenig informierten Österreicher über Zwentendorf entscheiden zu lassen, als „die Schnapsidee einer Vorwahl zur nächsten Nationalratswahl“. Energiepolitik bleibt ein heißes Thema: 1984 verhindern Proteste von Umweltschützern den geplanten Bau eines Kraftwerks in der Hainburger Au.

IT in Österreich
Dafür schreitet die Computerisierung der Wirtschaft voran. Die Österreicher sind schuld: Eine der ersten volltransistorisierten Rechenanlagen Europas, das „Mailüfterl“, ist an der Technischen Hochschule unter der Leitung von Heinz Zemanek in Wien konstruiert worden. Die Entwicklung der EDV wird in Österreich allerdings aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes jedoch mehr skeptisch als euphorisch betrachtet. „die wirtschaft“ streicht die positiven Seiten hervor – vor allem die Rationalisierungseffekte. Allerdings kommt auch schon das Wort „Blechtrottel“ ins Spiel, nämlich im Zusammenhang mit Wirtschaftskriminalität, die mit Computerunterstützung zu neuen Blüten führte.

AKH- und andere Skandale
Die von Bundespräsident Rudolf Kirchschläger als „trockenzulegende politische saure Wiesen“ bezeichneten Skandale kommen zunächst hauptsächlich in der Baubranche ans Licht: Bauring (1976), Rinter-Zelt, WBO (Burgenländische Wohnbaugenossenschaft Ost), die 1982 Konkurs anmelden muss, weil eine halbe Milliarde Schilling aus den Büchern verschwunden ist. Kreiskys Lieblingsprojekt, die Wiener UNO-City, ist zwar nicht unumstritten, wird aber im August 1979 skandalfrei eröffnet. Das Konferenzzentrum ist das bis dahin größte Hochbauvorhaben Österreichs, wobei die Kosten von geplanten 6,6 Milliarden auf 5,7 Milliarden Schilling gedrückt werden können.
Ihren Gipfel erreichen die Bauskandale 1980: Der Neubau des Allgemeinen Krankenhauses in Wien kostet statt der ursprünglich geplanten 4,5 satte 36 Milliarden Schilling. In den Skandal-Strudel ist auch die Steuerberatungskanzlei „Consultatio“ von Hannes Androsch verwickelt, was 1984 mit einer Anzeige Finanzminister Herbert Salchers gegen seinen Vorgänger wegen Steuerhinterziehung endet. Was die Bauwirtschaft kann, schafft auch die Rüstungsindustrie: Eine im Dezember 1976 auf dem Flughafen Wien-Schwechat zurückgehaltene, für Syrien bestimmte Sendung von Gewehren und Munition aus Heeresbeständen führt zur sogenannten „Noricum“-Munitionsaffäre und endet mit der Demission von Verteidigungsminister Karl Lütgendorf.

Pleiten, Pech und Pannen in der Verstaatlichten
Die seit langem schwelende Krise der verstaatlichten Industrie bricht aus – dazu „die wirtschaft“  in einer Coverstory vom März 1978: “...von allen Branchen, die sich seit Jahren in Westeuropa bei einer schleppender werdenden Konjunktur dahinfretten, geht es den Stahl- und Metallbranchen am schlechtesten.“ Die„Konjunkturpferde der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte“ drohen den Bach hinunterzugehen. Die sich verhärtende Verhandlungsposition der Gewerkschaften bei den Lohnrunden sorgt für Unmut, weil es laut „wirtschaft“ „nicht mehr nur um eine Schmälerung der Gewinne, sondern um eine Erhöhung der Verluste geht.“ Die Krise wird mit einem Skandal augenfällig: Die VOEST-Alpine AG versucht der Konjunkturflaute 1979/80 mit der Produktion einer Kanonenhaubitze (GHN 45) zu entkommen, die eine für Österreich aufgrund des Staatsvertrags gar nicht zugelassene Reichweite von über 30 km aufweist, also ausschließlich für den Export bestimmt ist. Das  folgende Debakel reiht sich nahtlos in eine Serie von Managementfehlern ein. Veraltete Strukturen und das Festhalten an traditionellen Produktpaletten, der Hang zu Umsatz- und Beschäftigungsmaximierung statt zu mehr Gewinn und Produktivität führten auch bei anderen Betrieben zu teuren Pannen, wie zum Beispiel bei der Chemie Linz AG, die 1977 ein neues Acrylfaserwerk im Industriegelände Enns in Betrieb nimmt, das schon in den 80er-Jahren zu einer Industrieruine wird. Die Eumig- und Klimatechnik-Pleite (1981) bringen die verstaatlichte Länderbank in schwere Bedrängnis. Auch bei der Steyr-Daimler-Puch-AG zeichnen sich infolge mehrerer großer Auslandsengagements in Griechenland, Polen und  Nigeria ab 1984 schwere Verluste ab.

Thema Frauenpolitik
Für „die wirtschaft“ ist 1975 das Jahr des Denkmalschutzes und das Jahr der Frau – in dieser Reihenfolge. Letzteres wird zwar erwähnt, der Denkmalschutz findet jedoch mehr Niederschlag, weil er die kränkelnde Bauwirtschaft positiv beeinflusst. Sozialleistungen wie die Erhöhung der Geburtenbeihilfe belasten in den Augen der "wirtschaft" Staatskassen und Unternehmer, die mit Kündigungsschutz und Kinderkarenz sowieso keine Freude haben. Vorläufig bleiben Frauen weiterhin eher Gastarbeiterinnen in der Männergesellschaft. Allerdings immer besser gebildete: Zwar haben 1975 noch dreimal so viele Männer wie Frauen Matura. Doch die Expansion des Bildungswesens bedeutet auch, dass im Studienjahr 1974/75 acht Prozent eines Frauen-Altersjahrgangs ein Hochschulstudium beginnen (1967/68 waren es drei Prozent).

„die wirtschaft“ mit neuem Layout
1979 bekommt „die wirtschaft“ ein neues Layout und ein neues Logo. Das bis dahin kantige große „W“ wird gerundet und bekommt mit dem Titel „die wirtschaft“ eine abgerundete Einrahmung, die das „W“ auch optisch mehr mit dem Zeitungstitel zusammenbringt.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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