Direkt zum Inhalt

Künstliche Intelligenz: Auf die Bremse steigen

11.05.2018

Wir wissen, dass die Wirtschaft ständig wachsen muss. Dafür sind Innovationen der beste Weg. Jetzt aber werden seltsame Dinge erfunden. Dinge, die die Spezies Mensch überflüssig machen. Eine kritische Analyse.

Etwas Neues wird erfunden. Alle wollen es haben, geben Geld dafür aus und kurbeln die Wirtschaft an. So entsteht Wachstum. So weit, so gut. Doch diesmal ist die Sache nicht zu Ende gedacht. Weil uns Robotik, Internet of Things (IoT) und vor allem die künstliche Intelligenz überflüssig machen. Zuerst als Arbeitskräfte. Ein Produktionsroboter schafft mehr als hundert Arbeiter. Das hatten wir schon: Die Dampflok machte Pferdekutschen überflüssig, der PC Sekretärinnen. Und trotzdem sind heute mehr Menschen in Beschäftigung denn je, weil jede Innovation auch neue Jobs schuf. Nur ein paar Unbewegliche bleiben immer auf der Strecke. Ein paar tausend Grafiker und Reprografen nach der Mac-Revolution, ein paar tausend Fotolaboranten nach der Digitalfotografie. Ihre eigene Schuld, wenn sie sich nicht neu orientieren konnten. Peanuts.

Diesmal schaut es anders aus. Die vielgerühmte digitale Revolution, der Heilsbringer des beginnenden 21. Jahrhunderts, fegt nicht bloß über einzelne Berufsgruppen, sondern über alle hinweg. Zuerst über die Blue-Collar-Worker, dann über die unteren Ebenen der White-Collar-Worker. Jetzt wird mehr und mehr klar, dass kein Beruf verschont bleibt, ganz gleich, wie lang man dafür studieren musste. Ob Arzt, Anwalt oder Steuerberater – künstliche Intelligenz kann alles besser.

Wohin mit all den Aussortierten? Die haben nun endlich Zeit für ihre wahren Leidenschaften, jubeln Sozialromantiker: Stricken, Töpfern, Gemüse anbauen. Für die Reise um die Welt reicht das Geld nicht mehr, das dank der antizipierten Großzügigkeit des Staates dann verteilt wird: in Form eines bedingungslosen Grundeinkommens nämlich. Wobei bisher niemand die Frage beantworten konnte, woher der Staat dieses Geld nehmen soll. Als Lösungen wurden bisher eine Maschinensteuer präsentiert, welche die Unternehmen bezahlen sollen, und eine drastische Erhöhung der Mehrwertsteuer, welche die Konsumenten bezahlen sollen. Beides befriedigt nicht wirklich: In diesem Szenario hat das Gros der Menschen nur noch Geld für das Allernötigste. Der Konsum wird einbrechen und damit die Produktion. Wachstum wäre damit also vom Tisch.

DAS KOLLEKTIVE STREBEN NACH GLÜCK

Was sollen die künftig Joblosen also mit ihrer Zeit anfangen? Sich weiterbilden und neue Geschäftsideen austüfteln, sagen die Pragmatischen. Reflektieren und der blinden Jagd nach Geld, Macht und Vergnügen abschwören, sagen die Philosophen: Die Menschen würden Dinge tun, die sie glücklich machen. Schon Epikur, der Glück als höchstes Gut definierte, empfand das Streben danach als die härtestmögliche Arbeit. Wir wissen heute, dass das Glücksgefühl von zwei Faktoren abhängt. Erstens vom Erreichungsgrad der eigenen Erwartungen. Wer sich heute einen VW Golf leisten kann und von einem Tesla Model S träumt, ist unglücklich, weil er sein Ziel vermutlich nie erreichen wird. Träumt er heute hingegen nur davon, seinen Golf in zwei Jahren gegen ein neueres Modell einzutauschen, hat er gute Chancen, dies zu erreichen, und er fühlt sich glücklich und zufrieden. Wie wird es ihm wohl gehen, wenn er sich gar kein Auto mehr leisten kann?

Der zweite Glücksfaktor ist die Biochemie. Noch einmal Epikur: Frei interpretiert, meinte er, wir seien dann glücklich, wenn wir nur angenehme Empfindungen hätten und uns unangenehme erspart blieben. Und wir reagieren nicht auf die tatsächlichen Ereignisse der äußeren Welt, sondern nur darauf, wie sie sich anfühlen. Wir leiden also nicht, weil wir unseren Job verlieren, sondern weil daraufhin unsere Endorphine versiegen und sich eine Depression breitmacht. Umgekehrt sind wir nach einem Lottogewinn nur kurz glücklich, weil der zugehörige Dopaminstoß rasch abklingt. Daraus lässt sich ein wunderbares Geschäftsmodell entwickeln: ein Hormonstatusmesser, der immer genau das aus unserem täglichen Hormoncocktail nachschießt, was dem Körper gerade fehlt. Und schon sind die einen in einem immerwährenden Glückszustand, während sich die anderen wegen klingelnder Kassen die Hände reiben. Aufmerksamen Lesern ist natürlich aufgefallen, dass nach diesem Prinzip alle Suchtgifte funktionieren. Wer also künftig nicht in permanentem Drogennebel dahinvegetieren will, hat noch eine Möglichkeit: mit den Maschinen gleichzuziehen.

WIR BASTELN EINEN ÜBERMENSCHEN

Mit den Maschinen gleichzuziehen ist ernst gemeint. Nur wer mit den physischen oder kognitiven Fähigkeiten intelligenter Maschinen mithalten kann, wird künftig „employable“ sein – und Chancen auf ein höheres Einkommen haben. Die moderne Wissenschaft kennt schon heute drei Optionen. Erstens: Sie schreibt den Gencode um, optimiert das biochemische Gleichgewicht und richtet die Gehirnströme neu aus. Das alles kann sie bereits. Und sie schafft eine Klasse von Übermenschen, die den gewöhnlichen weit überlegen ist.

Zweitens: Cyborgs. Dazu verschmilzt sie organische Menschenkörper mit nichtorganischen Maschinenteilen, etwa künstlichen Sinnesorganen, Gliedmaßen und natürlich künstlicher Intelligenz. Letztendlich muss diese Schöpfung gar nicht mehr wie ein Mensch aussehen.

Was uns zum dritten Punkt führt, wenn die Wissenschaft den humanen Anteil so lange reduziert, bis sie eine rein nichtorganische Schöpfung vor sich hat. Die ist auch nicht mehr an die Grenzen der realen Welt gebunden. Sie kann genauso gut in den virtuellen Weiten des Netzes leben und dieses natürlich kontrollieren. Was sie dann mit der unnützen Menschheit macht, bleibt ihr überlassen. Vermutlich dasselbe, was der weiße Mann mit „unterlegenen Rassen“ zu tun pflegte.

WAS IST ALSO BÖSE AN DER INDUSTRIE-4.0-FABRIK?

Das sind also die Szenarien, wenn wir naiv dem Technologieund Wachstumsglauben nachrennen. Wir erinnern uns: Etwas Neues wird erfunden, alle wollen es haben, geben Geld dafür aus und kurbeln die Wirtschaft an. Robotik, IoT und künstliche Intelligenz sind grundsätzlich nichts Schlechtes. Zum Unterschied zu früheren Innovationen aber hängen sie zusammen und haben das Potenzial, uns ganz schnell über den Kopf zu wachsen.

An dieser Stelle kommen immer zwei Argumente. Das erste: Diese Technologien würden nur das ausführen, wofür- Menschen sie programmiert haben. Nun, dass das nicht notwendigerweise etwas Gutes sein muss, beweisen Facebook und die Cambridge-Analytics-Affäre.

Das zweite Argument: Es gehe ja nur um abgegrenzte, überschaubare Applikationen zum Wohle der Menschheit. Was ist schon Böses an einer Industrie-4.0-Fabrik? Gar nichts, aber sobald die Algorithmen ihre Überlegenheit erkennen, können sie sich eigene Ziele stecken – und sich mit ihresgleichen vernetzen. So, dass es keinem der dummen Menschen auffällt. Im Netz hängen sie ja schon.

Noch einmal: Fortschritt ist gut. Wachstum ist gut. Aber wenn diesmal alles erstens zusammenhängt und uns zweitens auf den Kopf fallen kann, sollte es richtig durchgedacht werden. Kann bitte jemand auf die Bremse steigen?

Autor:
Mara Leicht

Werbung

Weiterführende Themen

Stories
11.06.2018

Der Kostenfaktor allein entscheidet künftig nicht mehr über die Aufstellung der Firmenflotte. Vielmehr sparen Digitalisierung, Corporate Carsharing und E-Mobilität Geld und steigern die Effizienz ...

Stories
08.06.2018

Die einen halten die Blockchain-Technologie für maßlos überschätzt, andere heben sie in den Himmel. Viele KMU suchen Orientierung. die wirtschaft hat sich auf die Suche nach Chancen und Risiken ...

Stories
08.06.2018

THE GOOD THE BAD AND THE UGLY

Stories
08.06.2018

Viele Unternehmer haben noch keinen Plan, wie sie die Digitalisierung konkret angehen sollen. Aktuelle ­Förderprogramme sollen nun Orientierung und Abhilfe schaffen. Ein Überblick.

"Damit ein System erkennen kann, worauf es ankommt, braucht es Menschen."
Interviews
08.06.2018

Für den neuen T-Systems-CEO Peter Lenz ist die Sache klar: Es gibt keinen Grund, sich vor Künstlicher Intelligenz zu fürchten – nur den Menschenverstand dürfe man nicht ausschalten. Wie sie unsere ...

Werbung