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Zurück zur Gemeinschaft

23.11.2017

Florian Wiplinger verfolgt eine große Vision: Er will die Art, wie wir leben, arbeiten und wohnen, neu organisieren. Dörfliche Strukturen und Lebensweisen erleben dabei eine Renaissance. Ein Porträt

Florian Wiplinger

Bei Resilidence können Investoren einen Wohnraum finanzieren, den Unternehmer für ihre Mitarbeiter mieten.

 

 

Florian Wiplinger will eine Lösung für Burnout und Fachkrfätemangel bieten.

 

TEXT: MARKUS MITTELMÜLLER

„Ich werde in einer großen Familie alt. Es wird jedoch nicht meine eigene Familie sein.“ Bereits mit 14 Jahren hatte Florian Wiplinger seinen Lebensplan verfasst. Dazu gebracht hat den heute 66-Jährigen eine ärztliche Fehlbehandlung – vier Stunden lang war Wiplinger als Kind klinisch tot. Er selbst bezeichnet dieses Erlebnis als „Nachschulung“ – als Moment, in dem er erkannt hat, was er im Leben erreichen will. Auch die Grundidee zu seinem Projekt Resilidence, das er als sein Lebenswerk sieht, waren in diesem Lebensplan vorhanden. Als Ort, der generationenübergreifendes Wohnen und Arbeiten ermöglicht.

RESILIENZ TRIFFT AUF RESIDENZ

Doch was genau steckt hinter der Idee des Oberösterreichers? Das Konzept auf den Punkt zu bringen ist nicht einfach, da es eine Antwort auf mehrere aktuelle Herausforderungen und Probleme bieten soll: vom Burnout bis Fachkräftemangel, von einer Belebung der Regionen bis zum umsorgten Leben in allen Altersstufen. „Resilidence ist ein Weg, wie wir zukünftig leben, arbeiten, wirtschaften und uns versorgen“, so der Unternehmer. Die Wortkreation besteht aus Resilienz, der Widerstandsfähigkeit, und Residenz, dem komfortablen Wohnen.

WOHNRAUM MIT ZEITNUTZUNG SCHAFFEN

Ein Kernelement ist dabei die Frage, wie Unternehmen den War for Talents für sich entscheiden können und Fachkräfte an sich binden. Der Schlüssel dazu liegt in einem speziellen Wohnangebot, dem „Wohnraum mit Zeitnutzung“, wie es Wiplinger nennt. Und so stellt er es sich vor: Investoren finanzieren einen Wohnraum, den die Unternehmen mieten. Den Mitarbeitern werden die Wohnungen dann als Sachleistung zur Verfügung gestellt. „Die Investitionen rechnen sich durch eine angemessene Verzinsung und durch das gewonnene Fachpersonal. Ein wichtiger Beitrag für das Employer-Branding, mit dem sich die Unternehmen von Mitbewerbern abheben können“, erklärt Wiplinger. Eigentlich nichts Neues, denn das Konzept von Mitarbeiterwohnungen existiert schon lange. Von der ÖBB bis zur Voest bieten viele Unternehmen ihren Angestellten diesen Vorteil an. „In diesen Wohneinheiten ist die Kommunikation falsch gelaufen“, entgegnet aber Wiplinger. Aufgrund der Tatsache, dass die Mieten in den althergebrachten Mitarbeiterwohnungen nicht steigen dürfen, seien diese auf lange Sicht nicht finanzierbar. „Es geht um eine Abkehr von Wohnburgen und sterilen Arbeitsstätten – hin zu einer coolen Erlebniswelt“, skizziert er seine Vorstellungen. Das Konzept richtet sich an junge wie auch an erfahrene Fachkräfte. „Für die Generation 50+ ist Resilidence attraktiv, weil es ihnen auch eine Versorgung im Alter garantiert. Die jungen, karriereorientierten Menschen werden dagegen durch unser System von ungeliebten Arbeiten wie der Haushaltsführung entlastet. Sie können somit mehr Energie und Zeit in ihren Beruf investieren“, erklärt Wiplinger.

VORTEILE DÖRFLICHER STRUKTUREN NUTZEN

Sein Ideal in Bezug auf das Zusammenleben in den Resilidence- Resorts erinnert an dörfliche Strukturen. Über einen Club soll Freiwilligkeit gefördert werden. Wiplinger erklärt: „Personen können über diesen Club gemeinschaftliche Dienste – wie Oma-Opa-Dienste, Talenteförderung oder auch Garten- und Kleintierversorgung – anbieten und werden dafür bezahlt. Diese bezahlte Freiwilligkeit fördert die Gemeinschaft und die Verbindung von Jung und Alt.“

Seit 2012 baut Wiplinger Strukturen auf, um sein Projekt auch tatsächlich umsetzen zu können. Dass es funktionieren kann, zeigen ähnliche Unternehmungen, mit denen der Oberösterreicher auch kooperiert. Wie der Verein Neustart Schweiz, der ein Konzept entwickelt hat, das eine Nachbarschaft mit rund 500 Personen vorsieht. Ziel ist, möglichst viele Räume gemeinschaftlich zu nutzen – von einer Bibliothek über gemeinsame Küchen bis hin zu Spielräumen für Kinder – um ressourcenschonend zu leben. Ein anderes Beispiel bietet das Projekt Neue Nachbarschaften Vorarlberg, eine genossenschaftlich organisierte Bau-, Wohn- und Unternehmensform, die ebenfalls auf das Motto „privat wohnen, gemeinschaftlich leben“ setzt. 2018 soll es dann bei Resilidence so weit sein, dass das Pilotprojekt vertragsreif vorliegt. Gemeinsam mit Wiplinger arbeitet ein Freiwilligenteam aus Soziologen, Architekten, Steuerberatern und Unternehmern daran, diese Vision umzusetzen.

ÜBER DEN TELLERRAND SCHAUEN

Dass Wiplinger kein reiner Sozialromantiker oder Träumer ist, beweisen seine bisherigen unternehmerischen Erfolge. Schon als 21-Jähriger hat er den elterlichen Betrieb übernommen. „Der erste Lehrling, den ich 1972 eingestellt habe, arbeitet heute noch in der Firma“, erzählt Wiplinger stolz. Den Unternehmer zeichnet vor allem eines aus: sein soziales Engagement. „Unternehmen, die nur auf ihre Zahlen schauen, werden nicht unsere Partner werden“, so Wiplinger. Er will mit seinem Projekt auch die ländlichen Regionen in Österreich wieder beleben. Resilidence- Resorts können auch innerhalb eines bestehenden Ortes, Marktes oder einer Kleinstadt entstehen, wobei die bereits vorhandene Infrastruktur genutzt wird. „Bewohnerinnen und Bewohner der Resilidence-Resorts können zum Beispiel Patenschaften mit Landwirten aus der nahen Umgebung eingehen. Das können Patenschaften über Teile eines Feldes, über verschiedene Früchte oder auch Tiere sein. Die Resilidence- Bewohner helfen am Bauernhof aktiv mit und erhalten dafür ihre Lebensmittel ab Hof“, meint Wiplinger.

Wirft der Unternehmer einen Blick in die Zukunft, so weiß er bereits jetzt, wann er sein Projekt als gelungen bezeichnen kann. „Wohnen in 20 Jahren zwei Prozent der Bevölkerung in Resilidence-Resorts, ist es ein Riesenerfolg“, so Wiplinger. Und relativiert im gleichen Atemzug: „Aber ich sehe auch schon einen Anteil von 0,2 Promille als Erfolg an.“

 

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