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Zeit(ohn)mächtig?

08.09.2014

„The time is out of joint.“ Die Zeit ist aus den Fugen geraten. So klagte schon Shakespeares Hamlet vor mehr als 400 Jahren. Diese Zeiterfahrung ist also keineswegs neu. Neu ist hingegen das Gefühl, dass die jeweils eigene Lebenszeit zunehmend aus den Fugen gerät und sich der subjektiven Steuerungsmöglichkeit entzieht. Zersplittert in einem Meer von Handlungsoptionen und kurzatmigen Lebenstakten.

Der Autor ist dem widersprüchlichen Umgang mit Zeit in einer empirischen Forschungsarbeit nachgegangen – mit Fokus auf eine Zielgruppe an den Schalthebeln der Macht: Top-ManagerInnen. Die spannenden Erkenntnisse aus intensiven Gesprächen liegen auch als Buch unter dem Titel „Zeit – Macht – Ohnmacht. Top-ManagerInnen im rasenden Zeitdilemma“ vor. Hier einige pointierte Auszüge.

Einflussreich, aber zeitarm
Eine Erkenntnis lautet: Positionsmacht macht zwar hochgradig wirkmächtig und monetär potent. Aber nur bedingt zeitmächtig, eher zeitarm. Es bestätigt sich ein Axiom des Ökonomen Staffan Linder schon aus den 1970er-Jahren: „Je erfolgreicher Sie sozial und ökonomisch werden, umso sicherer geht Ihnen die Zeit aus, werden Sie zeitanämisch, droht Ihnen der Temporalkollaps.“ Ein Top-Manager der Gegenwart bestätigend dazu: „Ökonomisch Erfolgreiche haben keine Zeit.“

Limitierende Zeithierarchien
Top-ManagerInnen pendeln gewissermaßen zwischen gradueller Zeitmacht & Zeitohnmacht. Warum? Weil beispielsweise übergeordnete Zeithierarchien limitierend wirken – etwa die Logik des (ökonomischen) Sachzwanges. Oder wie es ein Firmeninhaber ausdrückt: „Ich kann nichts mehr anderes machen, ich muss produzieren!“ Zugleich durchlöchert eigener Druck die Zeitmacht. Etwa unbedingter Erfolgswille oder Erfüllung hoher Selbsterwartungen: „Man läuft hinter der eigenen Karotte her.“

Erfolgsstrategien
Relative Zeitmächtigkeit steht u.a. mit 3 Erfolgsstrategien im Zusammenhang: 1. Pflege von Ritualen & Auszeiten, 2. Selbstdisziplin und 3. ein mehrdimensionales Selbst- & Lebenskonzept.

1. Rituale schaffen Zeit
Die konsequente Pflege von Ritualen wirkt entlastend, Struktur und Halt gebend. In einer zunehmend unwägbaren, verdichteten und beschleunigten Arbeitswelt vermitteln Rituale das Gefühl von Fassbarkeit, Sicherheit, Haltbarkeit. Auch von Zeitlosigkeit. Und sie fungieren als Zeitinseln und Puffer zum „harten“ Management-Alltag. Die aktive Beschäftigung bspw. mit Kunst oder Musik spielt dabei eine prominente Rolle – auch weil sie Freiheit vermittelt, entlastend wirkt oder einfach Spaß macht. Ebenso wie regelmäßige Stille-Zeiten frühmorgens zur geistigen Klärung und Sammlung.

2. Disziplin schafft Zeit

Ein hohes Maß an Selbstdisziplin, Reflexion und Faszination ist eine unbedingte Voraussetzung für (Zeit-)Erfolg – letztlich auch für ein Gefühl von „Zeit(selbst)ermächtigung“. Ohne Disziplin keine Karriere! Der vielfache Preis: Wenig Spielraum, der diszipliniert getaktet werden muss. Disziplin ist individuell sehr unterschiedlich ausprägt, auch auf verschiedene Lebensbereiche und -phasen bezogen. Das Statement von Brigitte Ederer, ehem. Siemens-Top-Managerin, scheint einleuchtend und allgemeingültig: „Jeder, der eine außergewöhnliche Karriere gemacht hat, hat eine hohe Disziplin – ob er Sportler war, Künstler oder Manager ist. Anders geht´s gar nicht.“

3. Werte schaffen Zeit
Ein Lebens- und Wertekonzept, das auf mehreren Pfeilern ruht, scheint eine äußerst solide Basis für souveräne (Zeit-)Gestaltung. Wie z.B. der Dreiklang von familialen Unternehmensprinzipien, sozialem Engagement und Kunstförderung. Oder eine Balance von Karriere und Familie. Bemerkenswert das Bekenntnis eines Top-Managers: (Zeit-)Souveränität habe auch mit Werte-Bewusstsein zu tun. So sei eine einseitige Selbstdefinition über Besitz und Beruf eine allzu brüchige Lebensbasis. Er spricht damit wohl Sten Nadolny, Autor des Bestsellers „Die Entdeckung der Langsamkeit“, aus der Seele: „Ruhm und Lächerlichkeit sind nah verwandt. Mit Ehre haben beide nichts zu tun.“

Fazit
Auch – oder gerade – mächtige ManagerInnen ringen um Zeit. Denn wer Macht hat, hat nicht automatisch auch mehr Zeit(-Macht). Eher macht Macht umso zeitärmer: „Ich hätte gerne mehr Zeit. Aber das ist Luxus, den ich mir nicht leisten kann.“ So eine Top-Managerin. Allerdings gilt ebenso: Wer Zeit hat, ist zwar „reich“, aber keineswegs per se mächtig. Oder irgendwie doch?

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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