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Zeit für eine lohnende Pause

13.07.2015

Der Sommer bietet Zeit für Reflexion und Integration. Damit das geht, muss man einfach nur nichts tun, meint unser Kolumnist Harald Koisser.

Gustav Klimt suchte sommerlichen Rückzug und Inspiration am Attersee, hier im Bild mit Emilie und Helene Flöge.

ls Schüler und Student habe ich den Sommer geliebt, dieses Meer aus Nichts. So weit, so unendlich. Keine Verpflichtungen, außer die selbstauferlegten. Die allerdings gab es.

In meiner Jugend war ich ein recht passabler Schachspieler, und das habe ich dem Sommer zu verdanken. Da bin ich schon vor dem Frühstück am Schachbrett gesessen und habe mich an Fischer, Kasparow und anderen Großmeistern erfreut. Ich habe Schachpartien nachgespielt und gehofft, dass das Berühren der Steine und das Nachvollziehen von Spielzügen irgendwie Genialität in mich einsickern ließe. Und genau so war es auch. Ich habe ein Auge für Stellungen bekommen. Ich habe begonnen, Eröffnungen zu lernen. Ihre Vielfalt und ihr Temperament haben mich fasziniert. Ich habe die Schärfe und Verwicklung bevorzugt, nicht unbedingt aus jugendlichem Ungestüm, sondern weil es mir entgegengekommen ist. Ich war kein großer Stratege, sondern eher Taktiker. Ich habe immer wieder diese plötzlichen, erstaunlichen Einfälle am Brett gehabt, die aufgepoppt sind wie Lichter von plötzlich heranrauschenden Autos auf der nächtlichen Landstraße. Ich habe gewusst, dass ich das kann, also habe ich verwickelte Stellungen gesucht, welche taktische Schläge begünstigten. Das Licht ist nach fünf Zügen in der Ferne verschwunden und ich bin mit zwei Bauern mehr und einer Gewinnstellung da gestanden, die es bloß noch souverän abzuwickeln galt. Oder eben nicht, weil manchmal war mein Blick von Wahn getrübt. Da durfte ich lernen, ruhiger zu werden, reflexiver.

 

Lohnende Pausen

Das waren meine Sommer. Unendliche Weiten der Selbsterkenntnis und Reflexion. Ich habe Schachpartien geträumt, weiße und schwarze Felder haben in der Nacht vor meinen Augen getanzt. Dann habe ich gewusst, es ist Zeit aufzuhören, hinauszugehen, nichts zu tun. Ein Bier mit Freunden am See, Fußballspielen im Strandbad, mehr nicht.

Später als Unternehmer habe ich diese Sommergestaltung beibehalten. Ich habe im Sommer Bücher gelesen und Workshops besucht und dann – nichts getan, einfach nichts. Nichts ist so wichtig wie dieses Nichts. Dieses Nichts ist der Raum, in dem das Gelernte verarbeitet und integriert werden kann. Im Sporttraining nennt man das eine „lohnende Pause". Man tut nichts mehr, aber der Puls ist immer noch im Leistungsbereich, und der Körper hat einen vollen Trainingseffekt. Nennen wir es vielleicht die unternehmerische Drei-Felder-Wirtschaft. Auf einem Feld wird voll angebaut, auf dem zweiten wird probiert und geübt, und das dritte liegt brach. Auf allen Feldern zugleich voll anzubauen und den Boden auszulaugen, ist keine gute Idee. Aber das wissen heute nicht einmal mehr die Landwirte. In der Schule habe ich noch von der Drei-Felder-Wirtschaft gehört, heute gibt es sie kaum mehr.

Viele fallen von der Produktivität in die Erschöpfung, was ja durchaus verständlich ist. Aber man kann sich der Erschöpfung auch in ihrer produktiven Form hingeben. Ich habe mir nach einer ereignisreichen Zeit im Unternehmen ein Seminar gegönnt. So habe ich als junger Unternehmer, aufgeladen von einem erfolgreichen Herbst und Frühling, im Sommer eine Ausbildung zum Sportjugendleiter begonnen. Dort habe ich trainiert und gelernt, Jugendliche im Sport zu begleiten. Im Anschluss, habe ich nichts getan, bin einfach auf Urlaub gefahren. Und alles ist eingesickert in mich wie Regenwasser in den Berg. Ich habe eine Latte macchiato am Ufer des Arno getrunken und bin durch das Nonnental in Madeira gewandert. Und währenddessen ist alles eingesickert in mich und hat mich angefüllt, während ich einfach bei mir war und „nichts" getan habe. Die Ausbildung zum Sportjugendleiter hatte scheinbar nichts mit meiner Werbeagentur zu tun, doch ich hatte gelernt, wie man Kinder durch ein Training begleitet, ich hatte von der „lohnenden Pause" gelernt und kann Ihnen jetzt, so viele Jahre später, davon erzählen.

 

Die Zukunft kommen lassen

Der Sommer ist die Zeit der Reflexion, aber man sollte es damit nicht übertreiben. Es braucht auch die Zeit der Integration! Das aktive Ruhegeben nach Arbeit und Lernen. Es kann dann zu dem interessanten Phänomen kommen, dass die Zukunft, über die man so viel mit Krampf nachgedacht hat, ganz von alleine in gewünschter Form kommt. Sie entsteht plötzlich wie von selbst und ohne Anstrengung, genau dann, wenn man nichts tut. Alles kommt auf einen zu, man muss es nur gelassen greifen, so wie ein Tellerchen beim Running Sushi. Kein Grund, irgendwohin zu laufen und sich zu verausgaben. Es rollt von alleine langsam heran.

Glück, Zufall, Kismet? Aber nein, das ist die lohnende Pause. Die Ernte nach der Anstrengung. Wir denken in unserer Kultur andauernd, dass wir etwas tun müssen, um unser Glück zu verdienen oder erfolgreich zu sein. Stimmt auch. Was wir nämlich ab und zu tun müssen, ist – nichts. Darauf vergessen wir gerne. Nutzen wir also den Sommer für einen kleinen Impuls, für Momente der Reflexion über Strategien und neue Produkte und dann – für Integration. Geben wir der Zukunft eine Chance, indem wir sie nicht herbeiziehen, sondern einfach kommen lassen.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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