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ZAHLUNGSMORAL

04.09.2019

Auf offene Rechnung zu liefern kann zum Nervenkrimi werden, wenn die Zahlungsmoral zu wünschen übrig lässt. Welche Länder sich dabei keinen Stress machen und wann Exporteure misstrauisch werden sollten, erklärt Gudrun Meierschitz, Vorständin der Kreditversicherung Acredia.

Gudrun Meierschitz, Vorständin der Kreditversicherung Acredia

INTERVIEW: STEPHAN STRZYZOWSKI

Wo es besonders lange dauert: Spitzenreiter in puncto Zahlungsdauer ist aktuell eindeutig China. Von der Fakturierung bis zum Eingang vergehen durchschnittlich 92 Tage. Im Ranking der Zahlungsdauer folgen auf China Griechenland, Italien und die Türkei. Aber auch Frankreich hat sich auf 72 Tage verschlechtert.

Wo das Ausfallsrisiko besonders hoch ist: Wir erwarten, dass in China vermehrt Insolvenzen und damit Ausfälle auftreten werden. Das liegt daran, dass die chinesischen Gerichte mittlerweile die Insolvenzgesetze stärker durchsetzen. Das birgt ein hohes Risiko. Das Risiko steigt aber auch in allen Ländern, die stark im Ausland verschuldet sind – etwa Türkei und Italien. Und: Auch sehr stark exportorientierte Länder sind anfällig. Wenn die Wirtschaft abflaut, sind Länder wie Österreich stärker betroffen. Wenn die Nachfrage sinkt, gehen schwächere Unternehmen Pleite.

Was die Zahlungsmoral beeinflusst: Wie schnell Rechnungen beglichen werden, hängt mit den kulturellen Gepflogenheiten zusammen. Aber nicht nur. In guten Zeiten neigen Unternehmen dazu, lockerer mit offenen Zahlungen umzugehen, weil sie nicht so stark auf die Liquidität angewiesen sind. Werden die Zeiten aber härter, wird ihr Debitorenmanagement strenger. Der Zahlungsverzug hat sich zum Beispiel 2018 verbessert. Das ist aber ein Indikator dafür, dass sich die Lage verschlechtert.

Wie Zahlungsmoral und Ausfallsrisiko zusammenhängen: Ein langes Zahlungsziel alleine sagt nichts darüber aus, ob die Rechnung tatsächlich beglichen wird. Aufpassen muss man dagegen immer, wenn sich das Zahlungsverhalten selbst ändert. Beginnt jemand die Zahlungsziele hinauszuzögern, wird es kritisch.

Wie Unternehmen mit säumigen Zahlern umgehen sollten: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Bei offenen Rechnungen ist Hausverstand gefragt. Nur weil man jemanden kennt, heißt es nicht, dass man ihm blind vertrauen kann. Zahlungsausfälle passieren nämlich auch bei langjährigen Partnern. Es gilt, wach zu bleiben, und ein strenges Debitorenmanagement ist immer gut. Beim Export eine professionelle Länderexpertise einzuholen und eine Bonitätsprüfung vorzunehmen sorgt ebenfalls für Sicherheit.

Wie sich die Verlässlichkeit neuer Kunden und Partner abschätzen lässt: Früher hat man sich die Rechtsform, das Kapital und wie lange das Unternehmen besteht angesehen. Heute vergibt man sich damit eventuell Chancen. Vor allem wenn es um junge Unternehmen geht, die gute Ideen haben. Da braucht es Mut, aber auch Hausverstand – man sollte natürlich immer prüfen, ob die Sache Hand und Fuß hat, damit man keinem Bestellbetrug aufliegt.

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