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Woerle wirkt weiter

10.03.2021

Bei der Salzburger Traditions-Käserei ist Nachhaltigkeit seit fünf Generationen ein gelebtes Prinzip. Warum der neue Geschäftsführer besonders auf Artenvielfalt setzt und wie der Betrieb eine enkeltaugliche Zukunft schaffen möchte – ein Portrait, das zum Nachahmen einlädt.

CO₂-Reduktion, Regionalität, Artenvielfalt : Gerrit Woerle hat sich viel vorgenommen.

Ich esse jeden Tag Käse“, lacht Gerrit Woerle, „und sicher mehr als ein Durchschnittsmensch. Das ist DNA-bedingt.“ Gerrit Woerle ist seit Jänner des Jahres Geschäftsführer der gleichnamigen Käserei aus dem Salzburger Land. Jeden Tag verkostet er den eigenen Käse, der am Vortag produziert worden ist. Das sind immerhin 25 unterschiedliche Sorten mit verschiedenen Rezepturen und Reifegraden. Und dann interessiert ihn auch noch, was es von anderen Betrieben Neues am Markt gibt.

KLEINE STRUKTUR, GROSSER SCHATZ

Das Unternehmen existiert seit 1889 und versorgt jetzt bereits in der fünften Generation das Land mit Käse. Mit seinen fruchtbaren Böden sind der Flachgau und das angrenzende Mondseeland heute eine der größten zusammenhängenden Heumilchregionen Österreichs und somit die Lebensgrundlage von Woerle – ein besonderer Schatz, für den die Familie dankbar ist und dem sie sich stets verpflichtet fühlt. Diese Verpflichtung teilt sie mit ihren Lieferanten. Dazu gehört, dass bei den Bauernfamilien durchschnittlich 25 Kühe am Hof wohnen. Diese Kleinstrukturiertheit soll eine persönliche Mensch-Tier-Beziehung herstellen, einfach weil man sich so um jede einzelne Milchkuh kümmern und frühzeitig gesundheitliche Probleme erkennen kann. Die Bauern setzen selbstverständlich keine Antibiotika zur vorbeugenden Behandlung ein, und seit mehreren Jahren fördert Woerle Homöopathie im Stall.

„Ein Unternehmen, das so alt ist, schaut auf Beständigkeit und denkt generationenübergreifend", Gerrit Woerle, GF Woerle.

Die Lieferanten werden aber nicht von Woerle direkt kontrolliert. „Unser Verhältnis zu den Bauern basiert auf Vertrauen“, sagt Gerrit, „und wir merken es ohnehin an der Milchqualität.“ Die wird im Labor überprüft, und „wir haben allerbeste Qualität“. Das erlaubt es dem Unternehmen heute, alte Rezepturen zu verwenden und naturbelassenen Käse zu machen, ohne Zusatzstoffe oder Nachbehandlung.

Alle Zulieferbetriebe befinden sich in nur 50 km Umkreis, was sozusagen die Paradiesvorstellung von Regionalität ist. Dementsprechend eng ist der Kontakt mit den Bauern. Vater Gerhard Woerle kennt immer noch jeden einzelnen beim Namen. Kein Wunder, sind doch auch viele der Landwirtschaftsbetriebe ebenfalls schon in der fünften Generation begeisterte Woerle-Bauern. Das Familiäre ist auch dem neuen Chef wichtig, und das gilt für Lieferanten und MitarbeiterInnen gleichermaßen. Eine gewisse Herausforderung bei so vielen Leuten im Betrieb, aber „alle wissen, dass meine Tür immer offen ist“, sagt Gerrit. Darum war es ihm auch so wichtig, als junger Mann den Betrieb von allen Seiten kennenzulernen. Er hat diverse Tätigkeiten ausgeführt und mit eigenen Händen Käse gemacht. Er wollte das wahrlich be-greifen. „Man muss wissen, wo man herkommt“, sagt er und weiß zugleich auch, wo er hin will.

GLÜCKLICHE KUH, GUTE MILCH

Weiterhin in die Welt hinaus! Mit der hierzulande eher unbekannten Marke „ Happy Cow“ ist das Unternehmen jetzt schon in 75 Ländern der Welt präsent. Da hat Vater Gerhard Woerle in den 80er Jahren, als der Markt in Österreich noch streng reguliert war, darauf geschaut, dass Woerle nicht, wie viele andere Käsereien damals, unter die Räder kommt. „Wir müssen raus aus Österreich“, hat er gesagt und ist damals belächelt worden. Heute hat das Unternehmen 350 Mitarbeiter und macht 130 Millionen Umsatz. Die Happy Cow macht Woerle also durchaus happy. Für den neuen Chef ist das ein sehr passender Name, nicht nur weil „Woerle“ in vielen Ländern niemand aussprechen kann, sondern weil darin ein Grundsatz verpackt ist: Die Kuh muss glücklich sein. Das Unternehmen lebt schließlich von guter Milch.

Nachhaltigkeit, dieses „Modewort“ (Gerrit Woerle), muss in dem Unternehmen nicht lange erklärt oder implementiert werden: „Ein Unternehmen, das so alt ist, schaut sowieso auf Beständigkeit und denkt generationenübergreifend.“ Der Gründer Johann Baptist Woerle hat schon 1889 gesagt: „Schaut’s auf die Leut’, schaut’s auf die Natur, schaut’s aufs Wasser.“ Damit ist auch im Jahr 2021 alles klar für Gerrit und seine Leute. Woerle wirkt weiter. So lautet ein Spruch der Firma. Und das heißt, das Erbe hochzuhalten, in Kreisläufen und für die Enkel zu denken. Im hauseigenen Labor arbeiten 25 Leute, die „vom Rohstoff Milch bis zum Supermarktregal schauen, das alles passt“.

ARTENVIELFALT FÖRDERN

Bis ins Jahr 2030 will Woerle jetzt in einem großen Projekt tausend Rettungsinseln für Insekten schaffen. Da geht es um Biodiversität oder konkreter: um die Wildbienen. Weil ohne Bienen gibt es keine Gräser und ohne Gräser sicher keine gesunden und glücklichen Kühe. „Unsere Heumilchwiesen sind von Natur aus ein Paradies der Artenvielfalt – die Grundlage allen Lebens“, sagt Gerrit Woerle, „um das weiter zu fördern, wollen wir gemeinsam mit unseren Bauern und Konsumenten zusätzliche kleine Rettungsinseln schaffen“. Viele Wildbestäuber fliegen nur wenige hundert Meter, um Partner zu finden. Wenn sie auf diesem Flug keine naturbelassenen Flächen mit stärkenden Blüten und Pollen finden, dann kehren sie um – und bleiben „kinderlos“. Der Genpool wird schwächer, die Insektenart droht auszusterben. Jetzt aber soll in einem wissenschaftlich begleiteten Projekt die größte landwirtschaftlich genutzte Artenvielfaltsregion Österreichs entstehen. „Außerdem wollen wir vom Energiebedarf herunterkommen.“ Daher wird Woerle alle seine Bauern unterstützen, wenn sie CO₂-Einsparungen durchführen wollen. Komplett CO₂-neutral werden – das wird nicht funktionieren. Da ist die Kuh dagegen. Aber „wir wollen so nah wie möglich herankommen“.

Die Plastikverpackung seines Käses beschäftigt Gerrit Woerle ebenfalls. Er prüft gerade, ob es eine Cradle-2-Cradle-Verpackung gibt, also eine Verpackung, die komplett kreislauffähig ist. Die Verpackung ist wichtig für die Haltbarkeit des Käses. Das absolut „Unnachhaltigste ist es, Käse wegzuschmeißen oder schimmeln zu lassen. Das Lebensmittel muss doch wertgeschätzt werden. Da steckt so viel Arbeit drin.“ Der CO₂- Fußabdruck von Lebensmittelvernichtung wäre enorm im Vergleich zu der Plastikverpackung.

Autor/in:
Harald Koisser
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