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Wo bleibt die Vernunft?

27.06.2018

Ein Gastkommentar zum 12-Stunden-Tag von Hans Harrer, Vorstandsvorsitzender des Senat der Wirtschaft

Die neue Regierung, und so darf man sie immer noch nennen, da sie erst einige Monate im Amt ist, hat ambitioniert einige Reformen auf den Weg gebracht. Reformen, über die Jahre, wenn nicht Jahrzehnte lang diskutiert wurde, die aber stets unvollendet geblieben sind, wurden angepackt und umgesetzt. Dass man vom politischen Gegner dafür nicht gelobt wird, ist verständlich, zumal dieser über Jahrzehnte den Bundeskanzler und den Sozialminister gestellt hat und stets an der Umsetzung gescheitert ist. Das, was sich aber derzeit in der Frage eines möglichen zeitweisen 12-Stunden-Arbeitstages abspielt, hat nichts mehr mit Oppositions- oder mit Arbeitnehmerpolitik zu tun, das ist nur mehr Klassenkampfrhetorik des vorigen Jahrhunderts. Dass die Sozialpartner noch von der letzten Regierung aufgefordert wurden, eine Einigung über eine flexiblere Arbeitszeit zu erzielen, wird vergessen, denn man will gar nicht erinnert werden, dass man nach sechs Monaten Verhandlungszeit kläglich gescheitert ist.  Aber, und das sei hier festgehalten, nicht weil man sich nicht hätte einigen können, denn dies war angeblich auf Präsidenten-ebene erfolgt, sondern, weil zu guter Letzt die Gewerkschaft mit so überhöhten Forderungen gekommen ist, dass die Wirtschaftskammer die Reißleine ziehen musste, um die Unternehmen nicht zu gefährden. Wann soll sich Österreich denn zukunftsfähig aufstellen, wenn nicht jetzt, wo wir doch nachweislich wegen mangelnder Arbeitszeitflexibilisierung einen Standortnachteil hinnehmen müssen? 

In ganz Europa ist mehrheitlich ein 12-Stunden-Arbeitstag möglich, in manchen nordischen Staaten sogar 13 Stunden, jene Länder also die uns als Sozialparadiese vorgehalten werden. Haben diese keine Arbeitnehmervertreter? Sind dort alle Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen nachweislich im erhöhten Krankenstand? Nein, denn dort verstehen auch die Gewerkschaften, dass man heute in der flexiblen und digitalisierten Welt, die auf „Just-in-time-Lieferung“ angewiesen ist, eben etwas flexibler sein muss, als es noch vor 30 Jahren nötig war. Fühlen sich Jene, die in Österreich seit Jahr und Tag 12 Stunden arbeiten, wie z.B. Krankenschwestern, deshalb ausgebeutet und sind sie permanent krank? Mitnichten, sie begrüßen die Möglichkeit zu anderen Zeiten mehr Freizeit zu haben. Ob das besser hätte kommuniziert werden sollen? Schon möglich, aber dieser ausgerufene Klassenkampf  ist absurd. Ja, es gibt Menschen, die das alles nicht wollen, die nur ihre 8 Stunden abspulen wollen. Die meisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verstehen aber sehr genau, dass ihr Unternehmen nur prosperieren und daher Gehälter bezahlen kann, wenn die Aufträge zeitgerecht abgearbeitet bzw. Kunden serviciert werden. Niemand verlangt einen generellen 12-Stunden-Arbeitstag. Österreich liegt mit dieser neuen Regelung im Mittelfeld der EU-Länder. Neben der Kampfrhetorik sind die zusätzlichen Forderungen nach einer Arbeitszeitverkürzung, einer sechstes Urlaubswoche und das Nachholen eines Feiertages, sobald er auf einen Sonntag fällt, wie sie die neue Gewerkschaftsspitze nun proklamiert, nicht nachvollziehbar und europaweit wohl einzigartig. Wir brauchen eine Politik der Zukunft und keine, die die Vergangenheit konserviert. Nicht die „Alten“, sondern die Jungen brauchen ihre Chance. Kehren wir zurück zur Sprache der Vernunft und verstehen wir doch endlich: Wirtschaft sind wir Alle.

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