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Wissensvermittlung am Lagerfeuer

03.09.2019

Wie wird in einem Unternehmen Wissen weitergegeben? Durch das Meister-Prinzip, reden am Lagerfeuer, laut denken. Wissensmanagement mal anders. 

Das leidige Thema kommt zur Sprache: In Österreich fehlen rund 170.000 Fachkräfte. Die demografische Entwicklung verschärft das Problem, denn die Babyboomer gehen in Pension und geburtenschwächere Jahrgänge rücken nach. Der Weggang von Personal kann ein Unternehmen gefährden und hat Auswirkungen auf die Qualität von Produkten und Dienstleistungen. Wo wachsen die Fachkräfte nach?

Ich sitze mit einem anderen Harald am Lagerfeuer – Harald Lerchner, er macht „Unternehmensberatung x anders“ und meint, man müsse auch den Fachkräftemangel mal anders sehen. Viel hängt auch daran, dass das Wissen nicht bewahrt wird. Es ist ein Schatz, aber unserer Kultur fehle das Bewusstsein für den Wert von Wissen. Eine neue Maschine, die schneller ist als die alte. Das kann sich jeder ausrechnen und das versteht jeder. Aber Wissen? Was ist denn das?

„Problemspezifisch angewandte Information“, sagt Lerchner. Also mit anderen Worten: Erfahrung. Das ist etwas, was jeder Mensch für sich selbst erwirkt. Bekanntlich lassen sich Erfahrungen nicht vererben. Erfahrungen muss man selber machen. Die Oma hat ihren Gugelhupf immer nach Gefühl gemacht und er war immer herrlich. Was macht man da als wissbegieriges Enkerl, wenn man den Gugelhupf genauso an seine eigenen Enkerln weitergeben mag? Man kann die Oma bitten, das Rezept aufzuschreiben. Und wenn das nicht geht: zuschauen, mitmachen. Ein Gefühl für das Gefühl von der Oma bekommen. In der Firma sind das auch oft Kochrezepte, und es ist auf Dauer verheerend, wenn der alte Sepp das nach Gefühl so toll macht, aber niemand es aufschreibt oder nachmachen kann.

Harald Lerchner erinnert an das Meister-Prinzip. Da sind die Nachfolger mit den Meistern mitgegangen und haben ihre Erfahrungen aus dem Beobachten gemacht. Lerchner setzt manchmal das Prinzip des lauten Denkens ein. „Der Meister“ soll, wenn er etwas tut, einfach laut mitsprechen. Ist der Nachfolger nicht da, so wird es eben am Mobiltelefon aufgenommen.

Wie ist denn der normale Tagesablauf? Was passiert denn so? Was waren besondere Ereignisse? Wie habt Ihr das gelöst? Wen habt Ihr kontaktiert? Welche Provisorien habt Ihr gebaut? Das alles sind durchaus übliche Fragen von Neulingen oder Nachfolgern, die vielleicht fachliches Know-how mitbringen, aber von den spezifischen Spielregeln nichts wissen.

So verständlich habe ich noch nie über Wissensmanagement geplaudert. Das Wort macht ja vor allem KMU echt fertig. Da entstehen sofort Bilder teurer Wissensdatenbanken. Harald Lerchner lacht: „Schau, wir sitzen hier am Feuer wie es Menschen seit Tausenden von Jahren machen. Zusammensitzen, reden, voneinander lernen. Durch das Geschichtenerzählen lernen wir.“

Wissensmanagement als narrative Übung. Das erscheint mir sehr menschenkonform. „Natürlich muss man Wissen strukturieren, um es zu retten“, betont Lerchner. Aber das ist nichts anderes, als einem Kochbuch eine Struktur und ein Inhaltsverzeichnis zu geben. Gerade bei strategisch relevanten Positionen im Unternehmen lohnt es, solche Strukturen gezielt zu erstellen, weil der Aufwand um ein Vielfaches geringer ist, als nach dem Weggang des Wissensträgers alles neu aufzubauen. Aber im Prinzip wäre es schon so, dass er als Berater durch gezielte Fragestellungen das Wissen, auf das es wirklich ankommt, aus den Leuten herausholt.

Manchmal scheitert es allerdings an der Architektur. Lerchner erinnert sich an eine kleine gesellige Küche in einem Unternehmen, wo mittags gekocht und Geschichten erzählt wurden. Nach einem Umbau war die Küche so, dass sich dort niemand mehr lange aufhalten wollte. Wissensvermittlung radikal abgeschnitten. Die Menschen brauchen Lagerfeuer, Küchen, Spielplätze.

Autor/in:
Harald Koisser
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