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Eine ARA-Studie

Wirtschaftsfaktor Abfall

31.03.2020

Kreislaufwirtschaft bedeutet mehr, als nur Abfälle zu recyclen. Der Nachhaltigkeits­trend kann mutigen Unternehmen zu innovativen Geschäfts­lösungen verhelfen.

2,5 Milliarden Tonnen. So schwer ist der Abfall, der jedes Jahr allein in der ­Europäischen Union anfällt. Das Potenzial, das in diesem riesigen Abfallberg steckt, wird auch von heimischen Unternehmen bisher nur ansatzweise genutzt. Obwohl: Was Mülltrennung und Abfallwirtschaftsmanagement betrifft, liegt Österreich im Spitzenfeld. Die Abkehr vom traditionellen, ­linearen Wirtschaftsmodell – auch bekannt als „Wegwerfwirtschaft“ – hin zur nachhaltigen und ressourcenschonenden Kreislaufwirtschaft schont aber nicht nur die Umwelt. Diese Trendumkehr befeuert auch innovative, gewinnbringende Geschäftslösungen – sofern es sich die Unternehmen trauen.

Gesetze als Stolperstein?

Grundsätzlich stehen die österreichischen Unternehmen der Kreislaufwirtschaft positiv gegenüber, wie eine Studie der Altstoff Recycling Austria (ARA) aus dem Vorjahr zeigt. Drei von vier Unternehmen setzen bereits erste Kreislaufwirtschaftsschritte oder planen, dies zu tun. Dazu zählen sie in erster Linie Reduktion von Abfällen, Recycling von Gütern und Verpackungen sowie Verbesserung des Abfallmanagements. 63 Prozent der befragten Unternehmen erachten es als wichtig für ihr Geschäft, sich als nachhaltiges Unternehmen zu positionieren. Doch die Unsicherheit ist groß. Rund ein Drittel der Unternehmen sieht die komplexe Gesetzgebung als größtes Hindernis bei 
der Umsetzung der ­Kreislaufwirtschaft, für 29 Prozent stellen hohe Kosten ein Hemmnis dar.

Recycling oft zu teuer

Wie die Umstellung zur Kreislaufwirtschaft gelingen kann, zeigt der Getränkekonzern Vöslauer vor. Im Werk in Bad Vöslau soll schon ab heuer CO₂-neutral produziert werden. Darüber hinaus werden alle verwendeten PET-Flaschen künftig ausschließlich aus Recycling-Material bestehen. Eine Flasche zu 100 Prozent aus wiederverwertetem Material herzustellen, gelang Vöslauer als erstem Unternehmen in Österreich im Jahr 2018. Der Weg dahin war nicht einfach. „Die erste und größte Herausforderung, die es zu lösen galt, war die Produktion von Gebinden mit einem gleichbleibend geringen Materialeinsatz und einer Flaschenqualität, die auch Mineralwasser mit Kohlensäure standhält“, erklärt Herbert Schlossnikl, ­Geschäftsführer der Vöslauer Mineralwasser GmbH. Womit viele Unternehmen ebenfalls konfrontiert sind: Recycling ist derzeit oft noch teurer, als neue Rohstoffe einzusetzen. Dazu ­Schlossnikl: „Aktuell ist es noch so, dass das Ausgangsmaterial für die Herstellung von rePET teurer in der Beschaffung ist als sogenanntes Virgin Material. Deshalb sind auch wir als Unternehmen gefordert, Kreislaufwirtschaft zu einem effizienten Modell der Produktion weiterzuentwickeln.“

Wer Kreislaufwirtschaft Ernst nimmt, berücksichtigt Wiederverwendung, Reparatur und Recycling bereits im Design- und Herstellungsprozess eines Produkts. „In der Kreislaufwirtschaft spielt ja nicht nur die Menge an eingesetztem Recyclingmaterial, sondern auch die Recyclingfähigkeit eine wesentliche Rolle, weshalb wir bei Vöslauer auf ‚Design to Recycle‘ setzen, also die Wiederverwertbarkeit der verwendeten Materialien“, erklärt Schlossnikl.

Möbel mieten statt kaufen

„Die meisten Unternehmen fangen mit Materiallösungen an. Das ist einfacher, als sich ein neues Geschäftsmodell zu überlegen.“ Karin Huber-Heim ist Expertin für Corporate Sustainability, Business Innovation und leitet eine Forschungsgruppe am Bertalanffy Institut für Systemwissenschaften mit Fokus auf „Circular Systems Research“. Sie sieht in der Kreislaufwirtschaft einen maßgeblichen Innovationsfaktor, der derzeit noch allzu oft ungenutzt bleibt. Positive Beispiele dafür gibt es jedoch schon. Wie die Möbelkette Ikea, die seit dem Vorjahr in der Schweiz Möbel nicht nur zum Kauf, sondern auch zur Miete anbietet. Huber-Heim geht davon aus, dass Leasing-Modelle wie diese auch zur Steigerung der Produktqualität beitragen: „Man kommt dadurch automatisch zu länger haltbaren Produkten“.

Kleider aus Abfall

Ein Gedanke, der auch bei der Lenzing AG, einem weltweit führenden Hersteller von Spezialfasern aus Holz, aufgenommen wurde. Jährlich werden rund 50 Millionen Tonnen an Bekleidung weggeworfen. In einer Kooperation mit dem spanischen Textilkonzern Inditex, zu dem Modemarken wie Zara gehören, verarbeitet Lenzing Stoffabfälle zu Fasern, aus denen dann wiederum Kleidungsstücke produziert werden. Dass die Kreislaufwirtschaft durch Reparaturen oder Umbauten auch neue Arbeitsplätze schaffe, sei laut der Nachhaltigkeits-Expertin Huber-Heim ebenfalls noch zu wenig in den Köpfen verankert. „Immer mehr Prozesse werden digitalisiert, hier könnten neue Jobs entstehen.“

Von den strengen Gesetzen in der Abfallwirtschaft profitiert hat der steirische Anlagenbauer und Umweltspezialist Komptech. Das Unternehmen ist ein führender internationaler Technologieanbieter von Maschinen und Systemen für die mechanische und biologische Behandlung fester Abfälle und für die Aufbereitung holziger Biomasse als erneuerbarer Ener­gieträger. Die Produktpalette von Komptech umfasst mehr als 30 unterschiedliche Maschinentypen. „Durch die strengen Gesetze sind wir als Hersteller gefordert, uns ständig weiterzuentwickeln. Zusammen mit Deutschland ist Österreich ein Leuchtturm in diesem Bereich“, erklärt Geschäftsführer Heinz Leitner. Die Exportquote von Komptech von 97 Prozent unterstreicht diese Aussage.

Potenziale sieht Leitner noch bei bestimmten Recycling-Graden: „Bei Papier, Metall und Glas sind wir schon sehr gut. Die stoffliche Verwertung von Altholz oder Kunststoff könnte noch besser werden“. Entscheidend ist für ihn auch, wie Werkstoffe verwendet werden. „Kunststoff ist ein toller Werkstoff, nur setzen wir ihn schlecht ein. Denn verschmutze Kunststoffe – wie bei der Fleischverpackung – können nicht recycelt werden“, erklärt Leitner.

Echter Wirtschaftsfaktor

Einen kommenden Trend in der Kreislaufwirtschaft sieht der Geschäftsführer im Betreiben umweltschonender, innovativer und digital vernetzter Maschinen – mit weniger Emissionen, schallreduziert und mit langer Betriebsdauer. Diese können auch zu einem hohen Preis verkauft werden. Womit auch Huber-Heim bestätigt wird, die überzeugt ist: „Die Kreislaufwirtschaft ist ein echter Wirtschaftsfaktor“.

Text: Markus Mittermüller

 

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