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Wirtschaft neu denken

31.08.2020

Wirtschaftswachstum um jeden Preis – dieses Denken wird in Zeiten von Umwelt- und Gesellschaftskrisen immer mehr kritisiert. Doch was sind die Alternativen?

Nach dem coronabedingten Lockdown kämpft die heimische Wirtschaft mit schweren Einbußen, vor allem kleine Unternehmen bangen um ihre Existenz. Die Regierung stellt Finanzhilfen in Milliardenhöhe in Aussicht und spricht davon, dass die Wirtschaft nun wieder angekurbelt werden müsse. Tatsache ist aber, dass viele nun den Gürtel enger schnallen müssen.

Dass Konsum die Lösung aller Probleme ist, steht nicht erst jetzt in der Kritik. Denn alles, was gekauft wird, muss auch produziert werden – und das geht mitunter zulasten der Umwelt und leider vielfach auch auf Kosten von Arbeitern, die in den Herstellerländern schamlos ausgebeutet werden. Ein Sys­tem, das endloses Wachstum predigt, auf einem Planeten, dessen Ressourcen begrenzt sind – das kann auf Dauer nicht funktionieren. Im Jahr 1972 erschien der erste Bericht des Club of Rome mit dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“. Die Schlussfolgerung lautete: „Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“ Um diese künftigen Entwicklungen zu unterbinden, sprach sich der Club of Rome für eine Begrenzung des industriellen Wachstums aus. Fast ein halbes Jahrhundert später hat sich jedoch nicht viel geändert.

Viele Experten sehen die Wurzel aller Probleme im vorherrschenden Kapitalismus, der freien Marktwirtschaft ohne staatliche Eingriffe sowie dem neoliberalen Wettbewerbs- und Konkurrenzdenken. Immer lauter wird die Forderung nach einer Transformation, einem kompletten Systemwandel. Doch wie könnte der aussehen? 

Vom Renditefokus zum Bruttonationalglück

„Die Corona-Krise bietet die Chance für ein Umdenken, da sämtliche Paradigmen auf den Kopf gestellt wurden“, meint Harald Koisser, Autor und Lektor an der Bertha von Suttner-Privatuniversität. Dort wird der erste Lehrgang für „Welt­anschauliches Wirtschaften“ angeboten, der Module wie ­„Gemeinwohl-inspiriertes Wirtschaften“ oder „Moderne Spiritualität und Achtsamkeit“ enthält. „Ich denke, dass sich gerade etwas ändert, dass wir langsam aber sicher wegkommen vom blinden Konsumismus“, sagt Koisser. Für Unternehmer bedeute dies, mit der Unsicherheit leben zu lernen. „Sie müssen nun anders mit Ressourcen umgehen, auch mit den eigenen, inneren Ressourcen.“ Die Erde als sich selbst erneuerndes System könne Vorbild für Unternehmen sein. „Wir alle müssen lernen, im Einklang mit der Natur zu ­leben.“

Auch für die deutsche Politökonomin und Transformationsforscherin Maja Göpel ist Weitermachen wie bisher keine Option. In ihrem Buch „Unsere Welt neu denken“ veranschaulicht sie unser verkehrtes Denken anhand des BIP: „Das Brutto­inlandsprodukt umfasst nur den Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres in einem Land hergestellt oder angeboten werden. Wie viel Wertverlust und Schadschöpfung sich hinter der Zahl verbirgt, bleibt verborgen.“ Als Beispiel nennt Göpel ein Tankerunglück, das dazu führt, dass Firmen das Öl vom Strand entfernen – wodurch Dienstleistungen erbracht werden, die das BIP ansteigen lassen. Eltern, die nach der Geburt ihres Kindes eine Zeit lang zu Hause bleiben, senken dagegen das BIP. „Denn das Wohlgefühl des Kindes und der Eltern, die ihr gemeinsames Leben zusammen beginnen, zählt hier nicht.“

Das kleine südasiatische Land Bhutan geht hier einen ­anderen Weg und hat bereits vor einigen Jahren das „Bruttonationalglück“ (Gross National Happiness) eingeführt. Die vier Säulen des GNH: Die Förderung einer sozial gerechten Gesellschaft und Wirtschaft, Bewahrung und Förderung kultureller Werte, Schutz der Umwelt und eine nachhaltige Entwicklung, positive Regierungs- und Verwaltungsstrukturen. 

Neue Ansätze im Check

Auch an anderen Orten werden neue Konzepte getestet: In Spanien wurde ein „minimales Grundeinkommen“ eingeführt, eine Art Mindestabsicherung, um die Armutsbekämpfung auszubauen. Neuseeland denkt über die 4-Tage-Woche nach, und die Stadt Amsterdam plant den Übergang zur Kreislaufwirtschaft: recyceln, reparieren und teilen statt besitzen. Der Vorteil: Anders als bei einer globalisierten Lieferkette werden Arbeitsplätze vor Ort gefördert und die Umwelt geschützt.
Ein weiterer Ansatz ist die Gemeinwohlökonomie. In diesem Modell dient die Wirtschaft nicht mehr der Geldvermehrung, Ungleichheiten bei Einkommen, Vermögen und Macht halten sich in Grenzen. Der Umweltverbrauch bleibt innerhalb der Regenerationsfähigkeit natürlicher Ökosysteme und der planetaren Grenzen. „Zu Beginn wurde der Gemeinwohl-Gedanke belächelt, heute erfährt er großen Zuspruch“, sagt Harald Koisser. Unternehmen mit Gemeinwohl-Bilanz sind etwa der Kräuter- und Teehersteller Sonnentor oder Schachinger Logistik.

Unter dem Stichwort Degrowth läuft eine Denk­richtung, die auf eine Reduktion von Konsum und Produktion abzielt. Bei entsprechender Umsetzung soll der Weg frei werden für mehr soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und Wohlbefinden. Die Vision einer Degrowth-Gesellschaft beinhaltet eine Relokalisierung der Wirtschaft, die gerechtere Verteilung von Einkommen und Ressourcen, ­Suffizienz sowie soziale und technische Innovationen.

Kostenwahrheit und Steuerreform

Ein erster Schritt in diese Richtung wäre die sogenannte Kostenwahrheit, etwa bei Flugpreisen: „Im Ticketpreis stecken, neben allen anderen Kosten, selbstverständlich auch jene für das Kerosin, das nötig ist, um die Passagiere ans Ziel und wieder zurück zu bringen“, schreibt Maja Göpel. „Was es kostet, das Kohlendioxid, das bei diesem Flug anfällt, wieder aus der Erdatmosphäre zu entfernen, ist jedoch nicht im Preis inbegriffen. Das, was wir für ein Produkt bezahlen, entspricht also nicht dem, was das Produkt in Wirklichkeit kostet.“ Dazu kommt, dass im Gegensatz zu Diesel, Benzin oder Heizöl für den Flugtreibstoff Kerosin keine Mineralölsteuer eingehoben wird. Kein Wunder also, dass das klimaschädliche Fliegen so billig sein kann, oft billiger als die weitaus ökologischere Bahnfahrt. Kostenwahrheit wäre auch Teil einer ökosozialen Steuerreform, wie sie von vielen Experten und Umwelt-NGOs gefordert wird, etwa vom österreichischen Umweltdachverband. Das Konzept sieht unter anderem eine Senkung der Lohnnebenkosten sowie eine höhere Besteuerung des Energie- und Ressourcenverbrauchs vor. 

Ob und wie ein Systemwandel vonstattengehen kann, ist offen. Sicher ist jedenfalls, dass die Schwächen der gelebten Praxis immer deutlicher sichtbar werden – womit auch der Ruf nach einem Wandel noch lauter werden wird. 

Autor/in:
Susanne Wolf
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