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„Wir sind fett, träge, wir stinken“

10.03.2015

Hans Peter Haselsteiner erklärt, wie er die richtigen Geschäftspartner findet, wieso ihm sein soziales Engagement ein wenig unangenehm ist und warum wir keine bessere Politik verdienen.  

Interview: Daniel Nutz
 

Mit dem Lift geht es in das 14. und letzte Stockwerk des Glasgebäudes auf der Wiener Donauplatte. Es ist die Chefetage des Bauriesen Strabag. Auf der Gegensprechanlage vor einer dicken Glaswand stehen weiterhin Hans Peter Haselsteiners Initialen „HPH". Auch eineinhalb Jahre nach seinem Rückzug als Vorstandsvorsitzender ist Haselsteiner als nunmehriger Generalbevollmächtigter sehr oft hier.

Herr Haselsteiner, ich war gar nicht sicher, Sie hier noch anzutreffen – nachdem Sie sich doch aus dem Tagesgeschäft der Strabag zurückgezogen haben.

Sie treffen mich noch hier, weil ich gerne tue, was ich hier mache. Für mich ist Arbeiten keine Einschränkung der Lebensqualität.

 

Gönnen Sie sich zumindest etwas mehr Zeit für Ihre Hobbys. Sie fahren doch gerne Heli-Ski?

Ja, ich gehe jetzt öfter Ski fahren. Aber der größte Unterschied zu früher ist, dass ich die ständige Belastung nicht mehr spüre. Das verändert das Empfinden des Tagesablaufes. An vorderster Front zu sein ist schon anstrengend. Wenn man oben steht, merkt man, dass Probleme und nicht die Freuden an die Spitze delegiert werden.

 

Das heißt, Sie sind jetzt fröhlicher?

Ich kann sagen, es geht mir besser, und ich kann mich jetzt auch entspannter geben und auch genießen, was ich habe. Dabei gibt es zwei Fixpunkte: einerseits die Dankbarkeit gegenüber den Mitarbeitern, denen ich meinen Erfolg verdanke, und andererseits die Dankbarkeit gegenüber der glückhaften Fügung, die manche meiner Entscheidungen zum Besseren hin gelenkt hat. Viele Menschen glauben ja, sie allein haben ihren Erfolg geschaffen. Das gilt vielleicht für einen Bildhauer, Maler oder Dichter. In allen anderen Bemühungen ist man auf ein Miteinander angewiesen.

 

Wie finden Sie die richtigen Mitstreiter?

Ich halte weniger von Analysen, sondern viel mehr von Gefühlen. Mir geht es darum zu erkennen, wer mein Gegenüber ist und wie er tickt. Es ist immer das Gleiche: Egal ob Kunst, Soziales oder hartes Geschäft – wichtig sind die Persönlichkeiten, die Menschen hinter einem Projekt. Danach bewerte ich mein Engagement.

 

Sie lassen also das Bauchgefühl entscheiden?

Es ist ein bisschen mehr als Bauchgefühl. Es kann schon sein, dass ich vier oder fünf Termine brauche, bis ich ein Bild von jemandem habe. Es trägt nicht jeder sein Herz auf der Zunge. Ich unterhalte mich so lange mit den Menschen, bis ich glaube, mir in meiner Einschätzung sicher zu sein. Die Trefferquote ist nicht hundert Prozent, aber im Grunde war das immer ein erfolgreiches Modell.

 

Lassen Sie uns über Geld sprechen. Sie haben ein großes Vermögen angehäuft. Was bedeutet Geld für Sie?

Ich sage es mal pathetisch: Mit Geld verantwortungsvoll umzugehen ist eine der schwierigsten Aufgaben eines jeden Menschen. Es geht darum, den eigenen Egoismus zu überwinden. Ich sehe darin eine Verpflichtung. Denen es gelingt, dieser Verantwortung nachzukommen, die bekommen eine sehr große Dividende zurück. Man erlangt ein Mehr an Lebensqualität und Erfüllung.

 

Sie unterstützen diverse Projekte wie die Flüchtlingshilfe von Ute Bock, die VinziRast für Obdachlose in Wien ebenso wie bedürftige Kinder in Rumänien. Der renommierte amerikanische Psychologe Dan Gilbert hat herausgefunden: Wer Geld für andere einsetzt, ist letztlich glücklicher. Können Sie das bestätigen?

Ich bekomme viel Anerkennung und Respekt. Das ist erfreulich. Aber die Dankbarkeit der Betroffenen macht mich nicht glücklich – sie ist mir vielmehr peinlich und unangenehm. Es ist doch beschämend, dass es solche Not in unserer Welt gibt: Menschen, die vollkommen unschuldig in gewisse Situation hineingeboren werden und ein unwürdiges Leben führen müssen. Wenn wir schon nicht in der Lage sind, eine Gesellschaft zu schaffen, in der es so etwas nicht gibt, wäre es eine Schande, nicht zumindest kleine Schritte zu unternehmen.

 

Stichwort soziale Gerechtigkeit. Sie zählen zu den wenigen Reichen, die für Vermögens- und Erbschaftssteuern eintreten.

Ach bitte, es ist doch eine Tatsache, dass die vermögensbezogenen Steuern in Österreich weit hinter allen international vergleichbaren Werten liegen. Wir sollten uns Gedanken machen, ob das gut ist. Ich denke, dass es richtig ist, Vermögen als Steuergrundlage zu betrachten. Den Standpunkt, Vermögen sei aus versteuerten Gewinnen wohl erworben und müsste daher steuerfrei bleiben, teile ich nicht.

 

Trotz Ihrer Argumente scheint das in Österreich ein schwieriges Thema zu sein. Selbst die von Ihnen unterstützten Neos sind gegen eine Erbschaftssteuer.

Es ist mehr als legitim, neue Steuern abzulehnen und zu sagen, wir wollen keine Erhöhung der Steuerquote. Die soll es auch nicht geben. Ich bin übrigens auch der Meinung, dass es keine Vermögenssubstanzsteuer geben darf. Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine solche letztlich schädlich für die Volkswirtschaft ist. Bei den Vermögenstransfersteuern sollte dagegen etwas getan werden. Wenn es in meinem Hosensack klingelt, dann ist es doch argumentierbar, dass ich einen Teil davon abtrete. Erben ist doch kein Menschenrecht! Bei Vermögenstransfersteuern wäre zumindest eine Anpassung an den internationalen Median überfällig.

 

Mit konservativen Ideen haben Sie wenig gemein. Gibt es dennoch eine Prägung, die sie aus Ihrem katholischen Tiroler Umfeld mitbekommen haben, in dem Sie aufgewachsen sind?

Es ist doch so, dass der Geprägte oft nicht weiß, was ihn geprägt hat. So geht es auch mir. Wenn ich Ihnen jetzt was sagen würde, dann richtete ich mir etwas zurecht. Aber wahrscheinlich spielte die liberale Weltsicht und die Lebenserfahrung meiner Mutter eine Rolle. Und natürlich prägt die christliche Soziallehre. Das Gesellschaftsbild meiner Kindheit erscheint heute vielleicht als eingeengt. Aber im Vergleich mit der Nazizeit war meine Kindheit Ende der 1940er-Jahre natürlich verhältnismäßig offen. Man durfte – fast – alles sagen und wurde nicht verfolgt. Verglichen mit heute, wuchs ich natürlich in einer stockkonservativen Gesellschaft
auf.

 

Sie waren im Jahr 1968 aktiv?

Ich war nicht aktiv. Die ganze Sache war ja in Österreich sehr bescheiden. Natürlich war ich Sympathisant. Die Ablehnung der tradierten Autoritäten, die Einführung der Pille und das damit veränderte Sexualverhalten und das sich geänderte Rollenverhältnis zwischen Männern und Frauen waren revolutionäre Umbrüche, die meine Generation fasziniert haben.

 

Wie haben Sie Ihre Kinder erzogen?

Meine Söhne würden sagen, ich habe sie nicht erzogen, sondern die Aufgabe meiner Frau überlassen. Das stimmt bis zu einem gewissen Grad. Ich habe versucht, mich möglichst wenig in ihr Leben einzumischen, ihnen möglichst wenig Zwang aufzuerlegen. Ich hätte mir gewünscht, dass sie etwas weniger verwöhnt aufgewachsen wären. Aber glücklicherweise hat auch heute für keinen von ihnen Geld eine zu große Bedeutung.

 

Als Freimaurer stehen Sie in der Tradition der Aufklärung. Wo ziehen Sie im wirtschaftlichen Handeln ethische Grenzen?

Es gibt diese berühmte rote Linie. Sie ist nirgends schriftlich definiert. Sie heißt, jeder Mitarbeiter muss jede Entscheidung so begründen, dass selbst sein Erzfeind nicht behaupten kann, die Handlung sei nicht im Interesse der Unternehmung und Aufgaben-erfüllung geschehen. Mit anderen Worten: Es darf nicht argumentierbar sein, dass eigene oder Interessen Dritter verfolgt werden.

 

Neue Mitarbeiter Ihres Unternehmens müssen darum Ethikseminare besuchen?

Wir haben diese Kurse und Compliance-Regeln genauso wie viele andere börsennotierte Unternehmen auch. In meiner kleinbürgerlichen Welt mag anständiges Verhalten vielleicht die größte Selbstverständlichkeit sein. Die Zeiten haben sich aber geändert. Früher waren solche Kodizes nicht notwendig. Was man heute den Menschen ins Bewusstsein bringen muss, galt zu meiner Zeit als allgemein anerkanntes Wertegerüst. Darüber musste man nicht reden. Alle, die sich nicht daran hielten, waren Outlaws, mit denen man nichts zu tun haben wollte.

Warum ist das heute anders?

Es fehlen die Vorbilder. Die Kirchen haben versagt. Familien spielen nicht mehr die Rolle von früher, und der Einfluss von Massenmedien mit bescheidener Qualität und ohne jeglichen Anspruch, ethische Grundsätze zu vermitteln, prägt maßgeblich die Gesellschaft. Dazu kommt, das Geld zum alleinigen Gradmesser von Erfolg und Sozialprestige aufgestiegen ist. Speziell für die Jungen ist es natürlich eine Katastrophe, wenn nur mehr jene zu Vorbildern taugen, die das Maximum an Geld scheffeln. Ein Schlüsselereignis war darüber hinaus das Jahr 1989. Nachdem der Kapitalismus, wenn man so sagen will, den Kommunismus besiegt hat, wurde fälschlicherweise ein System samt all seinen Schwächen geadelt. Die Politik war zu schwach und vielleicht einseitig beeinflusst, um das zu verhindern. Heute fliegen uns die Folgen um die Ohren, insbesondere die Konsequenzen ungezügelter Spekulationen der Finanzmärkte.

 

Lassen sich Moral und wirtschaftlicher Erfolg vereinbaren?

Ja, natürlich! Und viele erfolgreiche Menschen leben das vor. Trotzdem wäre es wünschenswert, wenn ein allgemein anerkanntes Wertegerüst stärker ins Bewusstsein der Menschen rücken würde. Dann würde vielleicht nicht eine ganze Generation von intelligenten jungen Menschen Investmentbanker werden wollen.

 

Wie hat man sich als moralisch einwandfreier Unternehmer zu verhalten?

Man sollte einen Wertekanon befolgen, auch wenn es hin und wieder den unternehmerischen Erfolg beeinträchtigt. Man kann damit etwas vorleben und dafür werben, dass es andere auch tun. Ich glaube an diese Verpflichtung. Wenn man die Möglichkeiten dazu hat, muss man auch einen öffentlichen Beitrag leisten, indem man Standpunkte vehement vertritt. Nur dadurch kommt ein gesellschaftsrelevanter Prozess zustande. Nur zu murren hilft doch nichts. Es kommt darauf an, dass wir Debatten führen. Das Streitgespräch, die Diskussion unter Menschen, bringt uns weiter und nicht das gottgläubige Akzeptieren von Gegebenheiten, wenn diese kritikwürdig sind.

 

Man hat den Eindruck, die Diskursfähigkeit in der Politik ist nicht so weit ausgeprägt. Verstehen Sie als ehemaliger Politiker diese Kritik?

Die Politik ist nur die Spitze. In der Politik äußert sich die Trägheit der ganzen Gesellschaft vielleicht am deutlichsten. Sie spiegelt letztlich die Gesellschaft wider. Eine saturierte, fett daliegende Gesellschaft hat jene Politik, die sie verdient: Wir sind fett, träge, wir stinken. Und genau diese Politik haben wir. Ich habe lange gegen die Erstarrung gekämpft. Ich bin vielleicht ermüdet, glaube aber immer noch, dass wir diese überwinden werden.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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