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Wir schauen auf Österreich

08.06.2018

Der neue Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer sieht lieber Chancen als Gefahren. Welche Art von Sozialpartnerschaft er sich wünscht, um sie zu heben, warum sich die Pflichtmitgliedschaft lohnt und wie er mehr Freiräume für Unternehmen schaffen will, erklärt er im Interview.

Als Wirtschaftsminister haben Sie sich vor allem das Thema Digitalisierung groß auf die Fahnen geschrieben. Welche Themen werden Sie jetzt in Angriff nehmen? Ich bin davon überzeugt, dass Österreichs Wirtschaft und Gesellschaft wieder mehr Freiräume brauchen. Dafür benötigen wir eine Senkung der Steuer- und Abgabenlast. Dadurch können Betriebe leichter Investitionen tätigen und Mitarbeitern soll mehr vom Brutto übrig bleiben. Ich möchte, dass sich unsere Unternehmen und Mitarbeiter darauf konzentrieren können, Produkte und Dienstleistungen mit dem höchsten Qualitätsanspruch zu entwickeln und diese auf die internationalen Märkte zu bringen. Dafür müssen sie aber von sinnlosen Auflagen befreit werden, die sich in den letzten Jahren eingestellt haben. Doch das sind nicht die einzigen Rahmenbedingungen, die sich rasch verbessern müssen.

Wo brennt es aus Ihrer Sicht gerade noch besonders? Die Unternehmen brauchen jetzt vor allem eine exzellente, digitale Infrastruktur. Und sie benötigen das entsprechende Know-how. Oberste Priorität hat darum eine neue Bildungsstrategie, an der wir intensiv arbeiten. Dabei geht es um einen Masterplan für die berufliche Aus- und Weiterbildung. Wir wollen die duale zu einer trialen Ausbildung weiterentwickeln. Das bestehende, sehr gut funktionierende System wollen wir um eine digitale Komponente erweitern. 

Jeder Lehrberuf schult dann zusätzlich digitale Fertigkeiten? Genau. Jede Berufsausbildung enthält in Zukunft digitale Komponenten, die erlernt werden müssen. Wir wollen dabei aber nicht nur digitale Fertigkeiten vermitteln, sondern auch digitale Kanäle zur Wissensvermittlung nutzen. Viele junge Menschen arbeiten, kommunizieren und spielen jeden Tag mit Smartphones – warum sollte man dann nicht das spielerische Element nutzen, um ihnen Wissen zu vermitteln?

Umfasst die Strategie auch Menschen, die bereits im Berufsleben stehen? Ja, wir brauchen natürlich auch ein Angebot für die Menschen, die bereits im Arbeitsleben stehen. Das ist der große Wunsch des Mittelstandes. Alle 2,6 Millionen Arbeitskräfte müssen auf das nötige Qualifikationsniveau gebracht werden. Um das zu schaffen, schweben mir neue, integrierte Campuslösungen vor, die Lehrlinge und bestehende Mitarbeiter in den Regionen weiterqualifizieren. Dafür wollen wir eine Bildungsinvestitionsinitiative starten und ein Investment im dreistelligen Millionenbereich tätigen. 

Digitale Agenda, Blockchain-Agenda, Nachhaltigkeits-agenda: Sie haben als Wirtschaftsminister einige Initiativen auf Schiene gebracht, an denen die WKO maßgeblich beteiligt ist. Können Sie diese jetzt mit noch mehr Druck weiterführen? Es gibt eine Reihe von Themenstellungen, die immer von Regierung und Wirtschaftskammer gemeinsam bearbeitet werden müssen. Ich kenne jetzt beide Welten: den unternehmerischen Alltag und auch die Regierungsarbeit. Das ist sicher ein Vorteil, um die Projekte voranzutreiben.

Sie haben sich dennoch dicke Bretter vorgenommen, über die seit vielen Jahren diskutiert wird. Bei neuen Personen an der Spitze wird gerne nach 100 Tagen eine erste Zwischenbilanz gezogen. Was wollen Sie bis dahin konkret geschafft haben? Es geht mir nicht darum, etwas innerhalb von 100 Tagen zu schaffen. Wir wollen vielmehr eine Reihe von Programmen sehr nachhaltig auf den Weg bringen. Was allerdings rasch fertig sein soll, ist unser Bildungsstrategieplan. Wir haben auch vor, schon bald eine Gesamtinnovationsstrategie vorzulegen. Ich nütze also die ersten Wochen und Monate für eine strategische Neuaufstellung und natürlich auch, um bestehende Reformprojekte durchstarten zu lassen oder anzupassen. 

Sie haben gesagt: „Ich gebe sehr viel Lob, aber ich gebe auch Kritik.“ Wo müssen sich Ihre neuen Mitarbeiter auf Kritik gefasst machen? Mir geht es immer um konstruktive Kritik. Ich glaube, dass wir uns drei Leitlinien verschreiben sollten. Die österreichische Wirtschaft ist sehr bunt und divers. Unsere Betriebe sind auch bedingungslos qualitätsorientiert. Und wir sind wahnsinnig kreativ und innovativ in der Wirtschaft. Wir brauchen also diese Buntheit und das Know-how auch in der Vertretungsarbeit. Das macht uns stark. Und weil sich unsere Mitgliedsbetriebe jeden Tag neu erfinden müssen und einen Exzellenzanspruch stellen, müssen wir diesen auch an uns selbst stellen. In der Arbeit als Interessenvertretung, in der Bildungsarbeit und der Servicearbeit. Dort gibt es immer Luft nach oben. Das wird Ziel unserer Arbeit sein. Dafür werden wir auch Geld in die Hand nehmen. 

Die WKO ist in starken Landesorganisationen organisiert. Wie leicht ist es da, von Wien aus eine Linie reinzubringen? Ich habe das Gefühl, dass es einen gemeinsamen Exzellenzanspruch gibt, dem sich auch die Landesorganisationen verschrieben haben. Da passt kein Blatt zwischen uns alle. Wir wollen alle die besten Rahmenbedingungen für die Wirtschaft schaffen. Und wir sind uns auch einig, dass wir die starke Außenwirtschaftsorganisation brauchen, um international noch erfolgreicher auf die Märkte zu gehen. Klar ist, dass wir unsere Services stärker digitalisieren und dafür die Mitarbeiter vermehrt in der persönlichen Betreuung einsetzen wollen.

Sie haben die Pflichtmitgliedschaft außer Frage gestellt. Wie wollen Sie das den Unternehmen schmackhafter machen? Ich halte die historisch verbrieften Freiheitsrechte für die Wirtschaft für enorm wichtig. Ich sehe es darum auch weniger als Verpflichtung, sondern als gesetzliche Grundlage, damit wir uns alle gemeinschaftlich, solidarisch in einer Wirtschaftsvertretung organisieren können. Nur so können die Unternehmer nicht auseinanderdividiert werden. Natürlich muss aber das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmen. Das sage ich als Unternehmer. 

Und das stimmt aus Ihrer Sicht? Ja, denn man muss auch eine größere Sicht einnehmen. Wenn etwa Unternehmen im Export gefördert werden, sichern diese auch Arbeitsplätze von Zulieferern in der Region. Diese sorgen für regionalen Konsum und sichern so wieder andere Unternehmen und damit Jobs ab. Weil es diese Zusammenhänge gibt, ist es mir wichtig zu zeigen, dass wir alle Teil der Wirtschaft sind. Die Wirtschaftskammer übernimmt darum nicht nur für die Mitgliedsbetriebe, sondern auch für deren Mitarbeiter und für alle Familien und das gesamte Land Verantwortung. Dadurch wird klar, dass wir alle im selben Boot sitzen.

Bislang wurde es allerdings oft anders gelebt: da die Wirtschaftskammer, dort die Arbeiterkammer. Wohin muss sich die Sozialpartnerschaft entwickeln, um diesem gesamtheitlichen Ansatz zu entsprechen? Ich würde sie gerne in Richtung einer Zukunftspartnerschaft weiterentwickeln. Wir sollten uns den großen Fragen des Landes widmen – zusätzlich zu einer betrieblichen perfekt funktionierenden Sozialpartnerschaft und der Tarifpartnerschaft. Wir stehen vor demografischen Herausforderungen, Fragen der Pflege, der Digitalisierung und der Bildung. Um sie zu meistern, müssen wir gemeinsam und ideologiefrei vorgehen. Dabei will ich die besten Köpfe des Landes einbinden. Im Sinne eines offenen Innovationsansatzes, muss der Wettbewerb der Ideen zählen. Ich habe die entsprechende Einladung ausgesprochen und möchte zu viert – zusammen mit AK, Landwirtschaftskammer und Gewerkschaft – versuchen, die großen Zukunftsfragen außer Streit zu stellen. 

Als höchster Unternehmervertreter müssen Sie die Interessen der 517.000 heimischen Betriebe schützen. Wer oder was bedroht sie aktuell? Ich versuche immer Chancen zu sehen und nicht nur Bedrohungen. Ein Beispiel dafür ist der digitale Wandel. Unsere Unternehmen können die neuen technischen Möglichkeiten dafür verwenden, die eigenen Geschäftsmodelle neu aufzustellen, neue Produkte zu entwickeln und damit zu punkten. Zudem wird die zunehmende Virtualisierung auch die Sehnsucht nach realen Erlebnissen fördern und nach einem Ausgleich. Das ist eine gigantische Zukunftsoption für den heimischen Tourismus und die Freizeitwirtschaft. Ein anderes Beispiel ist die große Energie und Ressourcenproblematik. Sie bietet eine perfekte Option für unseren Umwelttechnologie-Sektor. Eine Bedrohung für uns alle, aber eine Chance für die Wirtschaft, sie zu meistern. Oder denken wir an die Frage des demografischen Wandels. Da setze ich auf junge Unternehmen mit neuen Ideen, die sozialpolitische Fragen mit betriebswirtschaftlichen Herangehensweisen lösen. Das sind nur drei Beispiele, wie man aus Herausforderungen Chancen machen kann. 

Alle drei Beispiele benötigen ein funktionierendes, digitales Backbone – und davon sind wir noch weit entfernt. Sie selbst haben gesagt: „Wenn wir keine topdigitale Infrastruktur bekommen, sind wir in Zukunft mausetot.“ Können Sie in diesem Bereich Druck machen? Zu der Aussage stehe ich nach wie vor! Die digitale Infrastruktur ist eine echte Existenzfrage für unsere Wirtschaft. Viele unserer Geschäftsmodelle und Produktideen, die in Industrieunternehmen, Mittelständlern und Start-ups entwickelt werden, benötigen diese Infrastruktur. Ich bin darum froh, dass die Bundesregierung dem Thema eine große Priorität einräumt und dass die 5G-Strategie verabschiedet wurde. Und ich hoffe, dass wir hier das Gebot der Stunde sehen und die Chancen nutzen, zu den Schnellsten in Europa zu gehören. Die Voraussetzungen sind da, und ich werde mich dafür einsetzen, dass rasch die politischen Entscheidungen fallen und dafür, dass genügend Geld investiert wird. 

Die Digitalisierung verändert auch unser Arbeits- und Privatleben. Die Bereiche verschwimmen immer mehr. Wie wirkt sich das auf unser gesamtes System aus? Ich sehe die Notwendigkeit für einen öffentlichen Diskurs darüber, was Arbeit ist. Klar muss sein, dass wir alle Teil der Wirtschaft sind. Und dass die Grenzen verschwimmen. Das ändert nichts am Nutzen der Vertretungen. Etwa im Konsumentenschutz und im Arbeitnehmerschutz ist es gut und richtig, die Interessen zu wahren. Aber trotzdem verändern sich in manchen Bereiche die Modelle, wie wir sie kannten. Das sehen wir gerade an der Debatte rund um die Arbeitszeit. Sie ist ein Beispiel dafür, dass es neue, entkrampfte Herangehensweisen braucht. Und dass es klug ist zu erkennen, dass wir alle im selben Boot sitzen. Ich habe das Gefühl, dass diese Wahrnehmung auch mehr und mehr in der Bevölkerung ankommt. Das ist Teil der Realität. Die Menschen in Österreich erkennen das. Sie sind viel schlauer, als mancher Politiker glaubt.

Bei fast jeder Rede von Unternehmervertretern werden KMU als das Rückgrat der Wirtschaft gepriesen. Welche abgedroschene Phase werden wir von Ihnen nicht hören, und was ist Ihre zentrale Message, die wir noch oft hören werden? Ich glaube, ich habe nie abgedroschene Phrasen verwendet. Mir sind alle österreichischen Betriebe wichtig, deswegen poche ich darauf, dass Wirtschaft für mich unteilbar ist. Wir tragen für die gesamte Republik Verantwortung, weil unsere Unternehmen und ihre Mitarbeiter sowie deren Familien Österreich ausmachen. Deswegen wird man von mir noch oft hören: Wir schauen auf Österreich! 

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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