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Wir müssen uns selber retten

04.06.2019

Für den Verbund-Vorstand Wolfgang Anzengruber ist CO2 ein riesiges Problem, das wir rasch in den Griff bekommen müssen. Mit welchen Lösungsansätzen man den zunehmenden Energiehunger stillen könnte und warum Klimaschutz nicht nur für Gutmenschen wichtig ist, erklärt er im Interview.

Verbund-Vorstand Wolfgang Anzengruber

INTERVIEW STEPHAN STRZYZOWSKI

Der Mai war zum Leidwesen der meisten Österreicher von ungewöhnlicher Kälte und viel Regen geprägt. Für Ihr Geschäft mit der Wasserkraft sind kräftige Niederschläge aber positiv. Können Sie bereits konkrete Auswirkungen aufgrund des Klimawandels beobachten? Wir analysieren schon seit Jahren, ob sich das Wasserangebot über das gesamte Jahr ändert. Derzeit können wir noch nicht feststellen, dass sich in Summe etwas verändert. Wo wir aber sehr wohl Veränderungen sehen, ist in der Saisonalität des Wassers.

Konzentrieren sich starke Niederschläge und Trockenperioden? Ja, die Winter sind nicht mehr so kalt. Wir haben auch trockenere Sommer. Die Saisonalität des Wasserangebots ändert sich dadurch. Wir sehen auch, dass manche Phänomene sehr lokal auftreten. Gerade im vorigen Jahr hatten wir im Norden an der Donau massiv Niedrigwasser, während wir zur gleichen Zeit Überschwemmungen im Süden hatten. In den hochgelegen Erzeugungen bei den Pumpspeicherkraftwerken sehen wir, dass die Gletscher zurückgehen. Damit kommen auch öfter Muren auf uns zu. Diese beiden Phänomene haben unmittelbaren Einfluss auf unser Geschäft.

Stichwort Innovation: Sehen Sie technische Lösungsansätze, um dem Klimaproblem bei der Energieerzeugung Herr zu werden? Es gibt verschiedene Ansätze. CO₂ kann beispielsweise zur Methanolherstellung verwendet werden. Wir müssen es binden und verwenden. Davon, es wieder in die Erde zu pumpen, halte ich wenig. Wir werden bestimmt auch in Zukunft CO₂-emittierende Sektoren haben. Wenn wir es aber binden und nutzen können, haben wir einen Fortschritt gemacht. Wir sollten uns allerdings nicht nur mit der Anpassung befassen, sondern auch mit der Vermeidung. Es ist ein Kombinationsblumenstrauß, den wir brauchen werden. Darum sind auch die fossile Industrie und die Brennstofferzeuger gefordert mitzutun.

Müsste sich dafür auch unsere Lebensweise massiv verändern? Wir emittieren in Österreich zehn Tonnen CO₂ pro Kopf, mit den Importen sind es sogar 15. Wir müssten pro Person auf eine Tonne kommen, um unsere Ziele zu erreichen, und davon sind wir sehr weit entfernt. Wenn wir es aber nicht selber machen, werden wir irgendwann dazu gezwungen werden, und zwar von den Umständen. In diesem Druck zu handeln liegt auch eine Chance; das kann ein Konjunkturprogramm sein. Diese Entwicklung löst Innovation und Wirtschaft aus. Es bringt aber sicher nichts, die Industrie zu vertreiben.

Nun gibt es ambitionierte Pläne, wie die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen, die auch darauf abzielen, den Klimawandel einzudämmen. Was trägt der Verbund dazu bei? Wir haben schon vor zehn Jahren gesagt, dass wir ein Co₂- freies Unternehmen werden wollen. Darum haben wir Kraftwerke abgegeben und geschlossen. Wir stehen heute bei 95 % Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Die restlichen rund 5 % kommen aus zwei thermischen Kraftwerken: Das Steinkohlekraftwerk in Mellach wird nach der Heizperiode 2019/2020 den Kohlebetrieb einstellen und dann haben wir noch ein Gas-Kombikraftwerk. Das werden wir noch länger zur Netzstützung brauchen. Es ist aber nicht im Dauerbetrieb, es dient nur als Back-up, quasi als Feuerwehr. Bei unseren Dienstautos gehen wir auch stärker zu Elektromobilität über.

Die Mission 2030 der letzten Bundesregierung will zu 100 % Grünstrom bis 2030 und eine Co₂-Reduktion von 36 %. Ist das realistisch? Eines vorweg: Wir wollen auf alle Fälle die Potenziale, die wir in Wasser, Wind und Sonne sehen, noch stärker nutzen. Es gibt auch noch Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung bei bestehenden Anlagen. Wichtig für die Erreichung der Ziele ist auch eine enge Zusammenarbeit mit der Industrie, wo wir fossile Brennstoffe durch erneuerbare Energien substituieren müssen. Im Mobilitätsbereich, der auch ein großer Emittent ist, sind wir bei der Elektromobilität engagiert. Insgesamt ist die Zielsetzung sicher höchst ambitioniert; eine leichte Fingerübung ist das nicht.

„Es bringt sicher nichts, die Industrie zu vertreiben.“

Keine leichte oder eine unmögliche Fingerübung? Rein technisch machbar ist es. Der Aufwand ist aber enorm und auch die langen Verfahrensdauern sollten wir nicht vergessen.

Wer wird denn die enormen Aufwendungen tragen? Das würden wir schon investieren, aber es muss wirtschaftlich sein. Das ist ein wesentlicher Punkt. Wir investieren in erneuerbare Produktion nur, wenn sie wirtschaftlich sinnvoll ist. Wir sind keine Non-Profit-Organisation. Deswegen ist es eine wesentliche Herausforderung für die Bundesregierung, die Rahmenbedingungen so zu schaffen, dass die Potenziale wirtschaftlich genützt werden können.

Was kann sie dazu beitragen? Wenn man die Potenziale wirtschaftlich nützen soll, muss man das auch begünstigen oder die anderen benachteiligen – ganz einfach.

Aber Ökosteuern sind aktuell nicht geplant? Ich kenne die nächste Steuerreform noch nicht im Detail. Aber wir brauchen eine Bepreisung für CO₂, zum Beispiel einen Mindestpreis. Denn was passiert, wenn wir das nicht haben? Aus heutiger Sicht werden wir Strafzahlungen leisten müssen und Zertifikate kaufen. Wir haben auch nach wie vor hohe fossile Importe, für die wir viel Geld ausgeben. Und wir werden die Folgewirkungen auf der Klimaseite spüren. Und das ist nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein ökonomisches Problem.

„100 prozentigen Schutz gibt es nicht.“

Sie plädieren also für größere Investitionen in Prävention? Natürlich. Wir denken immer, wir müssen die Erde retten, dabei müssen wir uns selber retten. Das ist für unsere Gesellschaft essenziell und nicht nur für Gutmenschen!

Bei allen Bemühungen, die wir hier in Österreich unternehmen: Betrachtet man das Thema global, zeigt sich, dass vor allem China, die USA und Indien laufend neue Kohlekraftwerke aufbauen oder auf Gas und Öl setzen. Machen wir uns hier in Europa angesichts dieser Tatsache mit neuen Öko-Auflagen vielleicht einfach nur den Markt kaputt und gehen trotzdem am Ende mit dem Rest der Welt unter? Es ist komplex. Wesentlich ist, dass wir kein Wohlstandsreduzierungsprogramm veranstalten. Wir wollen unseren Wohlstand halten und steigern. Darum muss man auf die Wirtschaftsgefüge Bedacht nehmen. Die zweite Seite ist aber: Wenn wir warten, bis alle so weit sind, passiert sehr lange nichts. Und nach 150 Jahren, in denen wir Europäer fossile Treibstoffe genutzt haben, um diesen Wohlstand zu erreichen, müssen wir jetzt auch den Entwicklungsländern eine Chance geben, Wohlstand aufzubauen. Wir sollten hier als Vorreiter auftreten. Innovativ und Vorreiter zu sein hat noch keiner Nation geschadet.

Es ist eine Sache, Energie aus Erneuerbaren zu produzieren, aber genauso wichtig ist die Frage der Speicherung. Zeichnen sich hier neue Lösungen ab? Der Nachteil der neuen erneuerbaren Energie ist, dass sie volatil ist. Sonne, Wind und Wasser können nur Energie liefern, wenn sie gerade verfügbar sind. Das heißt: Der Speicherbedarf wird massiv steigen, einfach, weil wir saisonal verschieben müssen. Man muss die Sonnenenergie in den Abend bringen. Der effizienteste Speicher, den wir heute kennen, ist der Pumpspeicher mit 80 % Wirkungsgrad, wo man Wasser den Berg raufpumpt und runterlässt, wenn man Strom braucht. Aber das wird nicht reichen.

Vermutlich auch deswegen, weil es nicht überall Berge gibt. In Holland wär das definitiv nicht möglich. Deswegen ist ja auch Wasserstoff so ein Thema. Den kann man speichern. Gleichzeit entwickeln sich die Kapazitäten der Batterien weiter. Irgendwann wird es leistungsfähige Batterien für zu Hause geben, wo man die Fotovoltaikproduktion für die Abendstunden, wenn man zu Hause ist, speichern kann. Wir brauchen aber auch Power-to-Gas-Lösungen. Und über all dem steht: Intelligenz.

Sie meinen smarte Stromzähler und Netze? Genau, wir brauchen eine entsprechende Digitalisierung, wir müssen online sein und mit dem Verbraucher die Balance zwischen Erzeugung und Verbrauch halten. Das wird eine zunehmend größere Herausforderung werden, weil wir immer mehr volatile Erneuerbare im System haben. Es gibt viele Mittel, die Werkzeuge sind da. Es braucht aber jetzt eine funktionierende Kombination. Die eine große Königsidee gibt es nicht.

Es gibt immer mehr Menschen, mehr Anwendungen, aber auch mehr Effizienz: In welche Richtung entwickelt sich der Energieverbrauch insgesamt? Er steigt, hat sich aber schon seit Jahren vom Wirtschaftswachstum entkoppelt. Früher war Wirtschaftswachstum immer an steigenden Energiebedarf gebunden. Es geht jetzt darum, dass wir Energie in Summe ohne Lebensqualitätsverlust durch Effizienz reduzieren. Das wird machbar sein. Wir haben heute 20 % Strom im Energiekuchen, er wird sich auf 50 % steigern. Strom wird Teil der Lösung sein. Dort wird es hingehen.

Ein Thema, das neben dem Klimawandel große Gefahren birgt, ist die Reduktion der Biodiversität. Lässt sich der Ausbau der Erneuerbaren in Einklang mit der Natur gestalten? Wir investieren in den nächsten Jahren 280 Millionen in Ökologisierungsmaßnahmen, in Fischtreppen, Umgehungsgewässer und Renaturierungen. Ich kann aber nicht leugnen, dass Kraftwerke einen Eingriff darstellen, aber wir tun auch viel. Das ist unsere Aufgabe. Mag sein, dass Sünden passiert sind. Aber heute berücksichtigen wir alle Faktoren. Wir versuchen so schonend einzugreifen wie möglich.

Die internationale Vernetzung, die Digitalisierung und der Einsatz von erneuerbaren Energien machen den Energiesektor fragiler. Wie sicher ist die Stromversorgung in Österreich? Aktuell ist die Stromversorgung in Österreich sehr sicher. Nur die Eisdecke, auf der wir gehen, wird dünner. Das muss man klar sagen. Es braucht immer mehr Aufwand, um die Sicherheit zu gewährleisten. Cybersecurity ist ein riesen Thema, in das wir viel investieren. Wenn groß angelegte Attacken kommen, gehen sie nicht von Einzelpersonen aus, sondern von kriminellen Organisationen. Darauf muss man sich entsprechend vorbereiten. Aber wir wissen: 100-prozentigen Schutz gibt es nicht. Deshalb ist es auch wichtig, dass wir uns darum kümmern, dass wir möglichst schnell wieder aufstehen können, wenn wir echt einmal umfallen.

Was kann man sich unter „schnell“ vorstellen? Es gibt natürlich nur theoretische Szenarien, weil das niemand ausprobieren will. Dabei hängt die Dauer immer von den Rahmenbedingungen ab, sie reicht von Stunden bis zu Tagen. Damit es schnell geht, benötigen wir Kraftwerke, die ohne Strom starten können. Das sind zum Beispiel Speicherkraftwerke. Sie erzeugen den ersten Strom und helfen dann, die anderen wieder zu starten. Solche Sicherungssysteme braucht man zunehmend. Wir greifen heute jeden Tag ins Netz ein, um die Stabilität zu erhalten. Die Ursache kann in einem ganz anderen Land liegen und dann setzt ein Dominoeffekt ein. Man muss frühzeitig erkennen können, wo Überlastungen einsetzen und wo man Maßnahmen setzen kann, um zu helfen. Das ist ein europäisches Thema.

Wie gut funktioniert die europäische Abstimmung? Ich würde sagen, sie funktioniert besser als in der Politik. Das klappt technisch sehr gut.

Wie finden Sie die Forderung der letzten Regierung, den Atomausstieg in Europa zu betreiben? Nuklearenergie ist keine Alternative. Wir beherrschen den Abfall nicht. Die Halbwertszeit währt zigtausend Jahre und wir haben keine Endlager. Wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass manche Länder stark davon abhängig sind. Die können nicht von heute auf morgen umstellen. Österreich hingegen hat hier eine gute Ausgangslage. Aus dieser Situation heraus zu fordern, dass alle anderen aussteigen sollen, ist legitim, aber nicht ganz so einfach. Tendenziell wissen aber auch die betroffenen Länder, dass sie wegkommen müssen. Atommüll, auf den man 20.000 Jahre aufpassen muss, das ist schon eine lange Planungsperiode.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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