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Wir können dem System vertrauen

28.11.2016

Ewald Nowotny, Gouverneur der Österreichischen Nationalbank, ist überzeugt, dass viele Lehren aus der Wirtschafts- und Finanzkrise gezogen wurden. Zwar haben die EU und der  Euro aktuell kein gutes Image, doch für Nowotny überwiegen die Vorteile eindeutig.

Wir wissen nicht, ob es den Euro noch lange gibt, ob Bargeld abgeschafft wird, die Länder an ihren Schulden zerbrechen, etc. Sind diese Sorgen berechtigt?
Ja, Sorgen sind berechtigt: Die EU steht vor Herausforderungen politischer, ökonomischer und sozialer Natur. Wir haben das Thema Brexit, ein schwaches Wachstum und die Fragen der Flüchtlingsströme am Tisch. Jedoch: Der Euro hat sich in der Krise als Stabilisierungsfaktor bewährt und gerade kleine Länder vor noch größeren Problemen bewahrt. Die Bedeutung von Bargeld für die Bevölkerung zeigt sich immer wieder in OeNB-Studien. Aus meiner Sicht ist eine Abschaffung von Bargeld oder des Euro völlig unrealistisch. Im Moment sehen viele nur die Probleme, man muss aber bewusst machen, welche Vorteile wir mit der EU haben. 

Die ungleiche Verteilung von Geld, Bildung und Chancen nimmt zu. Sollte etwas dagegen unternommen werden?
Wie auch die jüngste Tagung des International Monetary Fund gezeigt hat, werden Fragen der Einkommens- und Vermögensverteilung von zunehmender Bedeutung für politische und ökonomische Stabilität. Primär sind Finanz- und Einkommenspolitik angesprochen, aber auch Zentralbanken müssen – nicht zuletzt als Bankenaufsicht – Entwicklungen der Einkommens- und Vermögensverteilung analysieren.

Viele Unternehmer beklagen, kaum noch Zugang zu Krediten zu haben.
Die geldpolitischen Maßnahmen des Eurosystems sollen die Refinanzierung für Banken mit Zentralbankgeld vereinfachen und die Kreditvergabe der Banken ankurbeln. Geben die Banken die güns­tigen Bedingungen zur Refinanzierung weiter, können Unternehmen einfacher und günstiger Kredite aufnehmen und investieren. Die aktuellen Ergebnisse der regelmäßig durchgeführten Umfrage über das Kreditgeschäft zeigen: Das günstige Zentralbankgeld belebt die Kreditvergabe der Banken bereits.

Was läuft aktuell in der Geldpolitik falsch und was richtig?
Die aktuelle Geldpolitik der EZB, Niedrigzinsen und unkonventionelle Maßnahmen, sehe ich als einzig sinnvolle Alternative in einer Situation mit geringem Wirtschaftswachstum, niedriger Inflation und Deflationsrisiken. Wir wollten ein Abrutschen in die Deflation verhindern. Das ist gelungen. 
Die Maßnahmen sollen die Kreditvergabe der Banken und die Wirtschaft ankurbeln und die Inflationsrate auf etwas unter zwei Prozent bringen. Die Geldpolitik alleine ist jedoch keine hinreichende Maßnahme für eine Stimulierung der Wirtschaft. Die EZB tut, was sie kann, aber die Politik muss mit fiskalpolitischen Maßnahmen und Strukturreformen unsere Maßnahmen 
flankieren.

Vor welche Herausforderungen stellt uns die Globalisierung in Sachen Geldsystem?
Die Stabilität unseres Finanz- und Geldsystems ist das ­Wichtigste. Das ist die Lehre aus der Krise. Da ist auch viel geschehen. Die Fiskalregeln der EU wurden adaptiert. Es wurde versucht, die Bankenaufsicht zu vereinheitlichen und zu verschärfen. Die EZB überwacht nun die wichtigsten Banken. Das Finanz­system ist zwar seit 2008 stabiler geworden, aber es gibt noch viele Probleme. 

Sparen ist durch die aktuelle Zinspolitik sehr unattraktiv geworden. Sollte sich daran wieder etwas ändern? 
Man muss die derzeit niedrigen Zinsen im Zusammenhang mit der Inflation sehen. Was für die Sparer zählt, ist die Realzinsrate, also die nominelle Zinsrate minus der Inflation. Diese war auch früher oft sehr niedrig, oft sogar negativ. Ich gehe davon aus, dass die nominalen Zinsen am Sparbuch in Österreich nicht negativ werden. Die Menschen sind freilich nicht nur als Sparer betroffen, sondern auch als Darlehensnehmer für einen Wohnbaukredit. Gesamtwirtschaftlich dürften die positiven Einkommenseinflüsse die negativen sogar überwiegen.

Ewald Nowotny

Kann: Sich nicht vorstellen, dass der Euro abgeschafft wird.
Ist: Der Meinung, dass die positiven Einflüsse der niedrigen 
Zinsen gesamtwirtschaftlich die negativen überwiegen.
Macht: Unternehmern Hoffnung, dass die bisherigen Maß-
nahmen der EZB die Kreditvergabe der Banken ankurbeln wird.
Will: Dass auch die Politik der Länder ihre Hausaufgaben macht und steuerpolitische Maßnahmen und Strukturreformen setzt.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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