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„Wir haben die Relation verloren“

15.07.2015

Reden wir über Erfolgsdruck. Skisprung-Olympiasieger und Jungunternehmer Toni Innauer über lehrreiche Tiefschläge, den gesunden Stresslevel und die Erfolgsgier am Finanzparkett.

Interview: Daniel Nutz

Herr Innauer, Sie waren erfolgreicher Olympionike und Spitzenfunktionär. Nun sind Sie Jungunternehmer. Was reizt Sie daran?

Mein Tätigkeitsfeld ist sehr vielfältig. Es geht von Coachings und Vorträgen über TV-Expertisen bis hin zu Autorentätigkeiten. Die Quintessenz dabei ist, Know-how aus dem Spitzensport für die Wirtschaft aufzubereiten. Um das zu machen, brauchte ich eine Struktur, die mir die Firma gibt. Unternehmer war ich außerdem mein Leben lang noch nie. Es reizte mich, das auszuprobieren.

 

Was bedeutet Erfolg für Sie?

Erfolg ist immer etwas Persönliches. Es kann die Lösung von Aufgaben oder die Erfüllung von Pflichten sein. Sozusagen das Überwinden von Widerständen.

 

In Ihrem letzten Buch „Am Puls des Erfolgs" kritisieren Sie den Erfolgsdruck in unserer Gesellschaft.

Wir leben sicher in einer überhitzten Erfolgsgesellschaft. Dabei sollte der Erfolg ein positives Nebenprodukt einer Entwicklung und von Leistung sein. Leider driften diese beiden Dinge immer wieder auseinander. Erfolg kann letztlich auch mit Glück zustande kommen. Das weiß man aus dem Sport. Bei uns Skispringern ist es der Wind, beim Fußball die Torstange. Worauf man fokussieren kann, ist die Steigerung der eigenen Leistung. Das kann man über leistungsbestimmende Parameter steuern, die letztendlich zum Erfolg führen. Außer es wird betrogen.

 

Doping und Betrug werden in der Wirtschaft akzeptiert, während es im Sport sofort eine moralische Diskussion gibt. Sehen Sie das auch so?

Ich glaube, dass es im Sport eine noch größere Doppelmoral gibt als im Wirtschaftsleben. Dort hängen Leute den Moralapostel raus und schreien laut, wenn irgendwer bei unlauteren Tätigkeiten erwischt wird. Wenn um den eigenen Erfolg geht, sind aber alle Mittel recht.

 

Aber hier wie dort sollte es Spielregeln geben.

Man kann Wirtschaft und Sport durchaus vergleichen. Global gibt es in beiden Bereichen eine Harmonisierung der Spielregeln und Standards. Beim Doping haben wir mittlerweile ein Rechtssystem, das zivilrechtliches Vorgehen ermöglicht und das Betrügen schwerer macht. Die Analogie zur Wirtschaft ist, dass verschiedene Nationen für unterschiedliche Spielregeln eintreten. Russland führt beispielsweise keine Dopingkontrollen durch, wenn im eigenen Land eine Gewichtheben-WM stattfindet. Das Gleiche gilt für die Kontrolle von Arbeits- und Sozialstandards in Asien. Es schaffen sich jene einen Wettbewerbsvorteil, die weniger Moral an den Tag legen.

 

Manager dürfen – im Gegensatz zu Sportlern – dopen.

Es gibt die Theorie, dass vor dem Ausbruch der Finanzkrise der Kokain-Konsum bei den Tradern der Investmentbanken exorbitant hoch gewesen sei. Das führte zur Bereitschaft, sich von seinem Gefühl abzuspalten und somit unglaubliche Risiken einzugehen. Die Risikobereitschaft steigt, wenn man gedopt ist. Ausbaden muss diese Entscheidungen dann die Gesellschaft.

 

Dopingtests bei Trader sind wohl utopisch. Ein globales Regelwerk für Finanztransaktionen auch?

Das hat man doch in der Diskussion um die Transaktionssteuer gesehen. Das globale Finanzkasino kann da sicher uneingeschränkt handeln und ist an nichts gebunden.

 

Dem Handeln der Trader liegt vermutlich enormer Leistungsdruck zugrunde.

Man kann es auch Gier nennen. Der Trader bekommt eine Belohnung, wenn es am Konto klingelt. Das ist so in den Verträgen festgelegt. Es wird mit Angst und Gier gearbeitet und mit der Lust, immer mehr zu haben als der andere. Dann reicht eine Yacht nicht mehr, und man braucht eine zweite. Dieser Konkurrenzdruck führt dazu, immer mehr haben zu wollen – ohne dabei darauf zu schauen, was man wirklich braucht. Wir haben die Relation verloren.

 

Schneller, höher, weiter ist auch das Motto im Spitzensport. Gelang es Ihnen als Aktiver, diesem Druck zu widerstehen?

Ich habe schon als Sportler mit meinen Trainern über das richtige Augenmaß diskutiert. Nicht jeder kann schließlich Weltmeister werden. Es gibt dafür den Begriff der Eigenleistung. Die ist abhängig vom persönlichen Talent. Man kann sehr befriedigend an der eigenen Entwicklung arbeiten. Wenn man eine entsprechende Entwicklung hinbekommt, entstehen daraus sehr erfüllende Glücksmomente.

 

Ein Unglückserlebnis in Ihrer kurzen aktiven Karriere waren sicher die Olympischen Spiele 1976 in Innsbruck. Sie lagen damals nach dem ersten Durchgang haushoch in Führung, vermasselten aber den zweiten Sprung und verloren die sicher geglaubte Goldmedaille. Lernt man tatsächlich aus solchen Tiefschlägen?

Man bekommt eine große Chance, daraus zu lernen. Durch Reflexion kann man erkennen, was die Ursachen waren. Ich dachte damals, mir kann das nicht passieren. Doch mich erfasste die Nervosität dermaßen, dass ich auch körperlich erschöpfte und schließlich versagte. Ich war der Aufgabe mental nicht gewachsen. Diese Erkenntnis war schließlich auch ein Grund dafür, dass ich später unter anderem Psychologie studierte und versuchte, als Trainer mein Wissen anzuwenden.

 

Prinzipiell hat Stress aber auch eine positive Funktion. Wie geht man richtig damit um?

Es braucht einen gewissen Stresslevel, um die maximale Leistungsfähigkeit zu erreichen. Die damit verbundenen Emotionen und das Erregungsniveau müssen aber noch steuerbar sein. Es gibt aus dem Spitzensport einige Anleihen, wie man diesen Stress regulieren kann. Das Team spielt dabei eine Rolle. Wer sich in seiner Umgebung wohlfühlt, kann mit Stress besser umgehen.

 

Was können Sie aus dem Spitzensport ins Unternehmertum mitnehmen?

In der Wirtschaft wird immer von Ergebnisorientierung gesprochen. Es heißt, man solle ergebnisorientiert arbeiten und sich nicht verzetteln und so weiter. Nun ist man im Spitzensport aber draufgekommen, dass das gar nicht so gut ist. Klar will jeder gewinnen. Aber dabei steht man sich durch das Ergebnisdenken selbst im Weg. Darum ist das prozessorientierte Handeln wichtig. Es geht darum, sich auf das zu konzentrieren, was man auch tatsächlich gut kann. Ein guter Handwerker muss seine Tätigkeit mögen, nur dann wird er eine gute Leistung bringen können.

 

Das führt zum Thema Motivation. Wie kann man sich motivieren?

Es ist wichtig, einen Ausgleich der Antriebe zu finden: Das Streben nach Geld oder Ruhm kann jedenfalls auch ein Antrieb sein, aber sollte eben nicht über allem anderen stehen. Man muss im Handeln einen Sinn sehen. Man braucht sich nur Sportler anschauen, die alles gewonnen haben: Die kommen oftmals in eine Sinnkrise. Das gibt es auch in der Wirtschaft. Deshalb wäre mein Tipp: Ändern Sie immer ein klein wenig an Ihrem Tätigkeitsfeld, damit Sie wieder motiviert sind.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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