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Wir brauchen ein souveränes Geldsystem

28.11.2016

Christian Felber, Vater der Gemeinwohl-Bewegung, Gründer von Attack und Initiator einer genossenschaftlich organisierten Bank für Gemeinwohl, sieht grundlegende Probleme im derzeitigen Geldsystem – auch wenn so manches schon in Gang gekommen ist.

Durch die Panama-Papers, die Steuer-Rückzahlungsforderung an Apple und die Bahamas-Leaks wurde uns wieder vor Augen geführt, dass das globale Geldsystem alles andere als gerecht ist. Wo sehen Sie den größten Änderungsbedarf?
Ich sehe zwei Hauptprobleme, von denen sich die meisten anderen ableiten. Das eine ist, dass wir das Mittel Geld mit dem Zweck des Wirtschaftens verwechseln: Wir streben nach Rendite, Profit und BIP-Wachstum. Doch das macht uns weder glücklicher noch menschlicher oder ganzheitlich reicher, sondern kulturell, ethisch und ökologisch ärmer – und korrupter. Das zweite Hauptproblem ist, dass die Spielregeln für das Geldsystem nicht wirklich demokratisch zustande kommen. Wenn die Menschen das Geldsystem direkt, also souverän, mitbestimmen könnten, würden sie es do­mestizieren und in den Dienst des Gemeinwohls stellen.

Sie haben vor zwei Jahren in Ihrem Buch „Geld. Die neuen Spielregeln“ konkrete Vorschläge für eine alternative Geldordnung gemacht. Was davon hat sich erfüllt?
Ansätze gibt es in großer Zahl: Für Banken gelten etwas höhere Eigenkapitalvorschriften. Die EU hat eine „Abwicklungsrichtlinie“ verabschiedet. Das Derivate-Problem wurde angegangen. In der OECD ist ein Abkommen zum automatischen Austausch von Steuerdaten in der Pipeline. Aber Hand aufs Herz: Wurde schon eine Steueroase geschlossen? Wie viele systemrelevante Banken wurden abgewickelt? Und hat sich die Ungleichheit verringert?

Sie sehen also noch Handlungsbedarf? Wo genau?
Überall. Zentralbanken sollten unter dem Stichwort Vollgeld-Reform die alleinige Ausgabestelle von Geld werden. Geschäftsbanken sollten auf Gemeinwohl-Orientierung umschwenken und Kredite nur noch für reale Investitionen vergeben dürfen, die das Gemeinwohl nicht schädigen. Die Ungleichheit müsste begrenzt und die Dollarhegemonie durch eine Weltreserverwährung ersetzt werden.

Welche Forderungen wären am schnellsten umzusetzen?
Island und die Schweiz werden in Kürze zeigen, ob sie die Vollgeld-Reform durchziehen. Bei Inkrafttreten des OECD-Datenaustausches könnten die ersten Regierungen auf den Geschmack der Bedingung des freien Kapitalverkehrs an Steuerkooperation kommen. Auch eine Größengrenze für Banken halte ich nicht für unrealistisch, weil wir sonst nie aus der „too big to fail“-Problematik herauskommen.

Welche Veränderungen im Geldsystem würden KMU wieder zu mehr Handlungsspielraum und Erfolg verhelfen?
Dürften Kredite nur noch für nachhaltige Realinvestitionen vergeben werden, wäre Fremdkapital en masse vorhanden. Würden Großbanken verschwinden, wäre die KMU-KundIn wieder KönigIn. Und über die Schließung von Steueroasen wäre mehr Steuergeld für die Regional-, Struktur- und Arbeitsmarktpolitik vorhanden, ebenso mit dem Ende der Bankenrettungspolitik.

Sie gründen gerade eine Bank für Gemeinwohl. Was sind die wichtigsten Punkte, welche die Bank anders machen will? 
Es wird eine „ethische Bonitätsprüfung“ geben, die der finanziellen vorgeschaltet wird und über Kreditkonditionen entscheidet. Die Bank wird keine Gewinne ausschütten und die ­SparkundInnen über die Wirkungen des Zinssystems informieren. Und durch On­line-Mitbestimmung reduziert sich Demokratie nicht auf die Generalversammlung. Die Holding hat bisher drei Millionen Euro von über 4000 GenossenschafterInnen gesammelt. Wir bauen die Bank stufenweise auf und beginnen mit Gemeinwohl-Prüfung, Crowd-Investing und Partner-Banken für Kredite. Am Ende des Prozesses steht die Vollbankenlizenz.

Was sind die größten Gefahren, wenn sich nichts ändert?
Von einer „globalen finanziellen Kernschmelze“ über serielle Staatsbankrotte bis zu neuen Kriegen ist alles denkbar.

Christian Felber

Will: Dass Geld dem Wohl der Menschen dient.
Kritisiert: Dass das Geldsystem nicht wirklich demokratisch zustande kommt.
Fragt: Warum bisher noch keine Steueroase geschlossen 
wurde.
Erhielt: 2014 auf der Frankfurter Buchmesse für sein Buch „Geld. Die neuen Spielregeln“ den getAbstract International Book Award.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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