Direkt zum Inhalt

WIENISLAVA

14.04.2019

Keine anderen Hauptstädte Europas liegen so nah beieinander wie Wien und Bratislava. Die Bahnindustrie und Logistiker arbeiten daran, dass die Verbindung wieder so eng wird wie einst in der Kaiserzeit – damit die Wirtschaft auf beiden Seiten profitiert.

Am Wiener Donaukanal ist seit Ende März für jedermann sichtbar, dass es eine enge Verbindung zwischen Wien und Bratislava gibt: Dort hat der nagelneue Schnellkatamaran angedockt, der in rund 75 Minuten über Wasser von Stadtzentrum zu Stadtzentrum der beiden Städte braust. Seit 2006 ist der „Twin City Liner“ in Betrieb. Ähnlich lang dauert es heute mit der Bahn – obwohl Wien und Bratislava so nah beieinander liegen wie keine anderen Hauptstädte Europas. Entsprechend oft ist in der Wirtschaftspolitik und in Positionspapieren von Beratern von einer „Twin City“ die Rede, die ihre Vorteile für die gesamte Region erkennen und stärken müsse. Doch sehr lange lag Wien in der gefühlten Realität näher an Rom, Paris und Berlin als an Bratislava. Hier setzt in den letzten Jahren eine Kehrtwende ein – was auch bei den Logistikern auf beiden Seiten der Grenze spürbar wird.

Die historische Nähe zur Slowakei muss man im Osten Österreichs niemandem erklären. Bereits in der Kaiserzeit ging die Preßburger Bahn in Betrieb, die direkt zwischen der einstigen Hauptstadt der Monarchie und der Metropole auf ungarischer Seite verkehrte, noch nach 1945 fuhren hier die letzten Züge. Heute verkehrt auf dieser Strecke die Wiener S7 – aber die Verbindung der Kaiserzeit gibt es nicht mehr. Den öffentlichen und den Güterverkehr auf der Schiene zu verbessern, sei deshalb heute das Nadelöhr in der Stärkung der „Twin City“, lautet die drängendste Empfehlung in einer aktuellen Studie des Wiener Instituts für internationale Wirtschaftsvergleiche. Denn profitieren können tatsächlich beide, so das Institut weiter: Wien als ein forschungsintensiver Standort und der wirtschaftlich sehr stark wachsende Großraum Bratislava, der vor allem dank enormer Investitionen der Autoindustrie und hier vor allem von Volkswagen nach lokaler Kaufkraft inzwischen zu den zehn stärksten Regionen Europas gehört. Entsprechend engagieren sich sowohl die Wirtschaftskammer als auch die Industriellenvereinigung für einen besseren Ausbau.

Logistiker und Anbieter von Logistikimmobilien reagieren bereits auf beiden Seiten der Grenze. Hierzulande wirbt das Logistikzentrum Wien-Nord mit seiner Lage direkt an der Wiener Außenring-Autobahn S1 und den schnellen Verbindungen nach Bratislava, Brünn und Györ. Auf slowakischer Seite hat etwa Go Asset schon über 50.000 m2 an Logistikfläche entwickelt und vor Kurzem ein eigenes Büro eröffnet. Auch der große Logistiker Cargo-Partner mit Sitz in Fischamend bei Wien hat seine Kapazitäten in der Slowakei im Jänner erneut ausgebaut und verfügt am Standort Dunajska Streda nun über Lager mit Intermodal-Option mit einer Gesamtfläche über 18.300 m2. Die Niederösterreicher sind heute der einzige Logistiker in der Slowakei, die direkt an einen Containerumschlagplatz angebunden sind, der über die schnellste intermodale Route aus den Häfen Hamburg, Bremerhaven, Rotterdam, Koper und Triest versorgt werden kann.

FEHLENDE HAUSAUFGABEN

Was allerdings noch Jahre fehlen wird, ist eine gute Bahnverbindung. Heute ist die eingleisige Strecke zwischen den Städten voll ausgelastet. Die ÖBB investieren gerade über eine halbe Milliarde Euro in den zweigleisigen Ausbau und die Elektrifizierung, was die Fahrzeit in vier Jahren um 25 Minuten verkürzen soll. Bis 2030 sei ein durchgängiger zweigleisiger Ausbau möglich, heißt es bei den ÖBB. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es den guten Willen von beiden Seiten braucht. Wie es bei der ÖBB Infrastruktur heißt, gibt es bis heute kein Verbindungsgleis vom Bahnhof Bratislava-Petrzalka zum Hauptbahnhof Bratislava, der auf der anderen Donauseite liegt – obwohl die Slowaken das mehrmals angekündigt haben. „Da haben die Slowaken ihre Hausaufgaben nicht gemacht“, so ein leitender Manager der ÖBB.

Bei seinen Auftritten in der Öffentlichkeit betont ÖBBChef Andreas Matthä noch etwas anderes: Gerade für den Güterverkehr müsse die Breitspur bis nach Wien ausgebaut werden, statt von Osten kommende große Gütermengen auf den letzten 400 Kilometern umladen zu müssen. Das ist wiederum nicht nur für die Region Wien-Bratislava wichtig, sondern für Chinas globales Megaprojekt „Neue Seidenstraße“ – ein Vorhaben, das in Europa auf alles andere als einhellige Zustimmung stößt. Aber das wäre wieder eine andere Geschichte.

 

Autor/in:

PETER MARTENS

Werbung

Weiterführende Themen

Madlberger
21.04.2020

Österreichs Transportwirtschaft prescht, unterstützt von der Logistikvereinigung BVL und GS1 Austria, und „gecoacht“ von Ernst & Young, mit einem innovativen EDI-Logistik-Modell vor. Dieses ...

Meldungen
17.04.2020

Seit Anfang März 2020 testet die Österreichische Post AG den Einsatz von Solarpanelen in ihrem Fuhrpark. Die auf den Dächern von LKW montierten Solarmodule erzeugen Strom, welcher direkt in die ...

Die Logistikbranche: grundsätzlich an Krisen gewöhnt und flexibel aufgestellt
Stories
09.04.2020

Die Logistikbranche ist an Krisen gewöhnt und hochflexibel aufgestellt. Zum Glück. Wie gut sie allerdings selbst durch die aktuelle Corona-Pandemie steuern wird, kann noch niemand vorhersagen. ...

Meldungen
30.03.2020

Zukünftiges Vorstandsteam um Burkhard Eling übernimmt ab dem 1. Januar 2021. Bernhard Simon und Michael Schilling wechseln 2021 in den Verwaltungsrat. 

Interviews
20.03.2020

Der TU-Professor und Geschäftsführer von Fraunhofer Austria, Wilfried Sihn, sieht enorme ...

Werbung