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Wien im Wettbewerb

20.09.2010

Was der Wirtschaftsstandort Wien braucht, wird jedes Jahr akribisch vom FBA-Infrastrukturreport erhoben. Für die WIRTSCHAFT analysiert Report Autorin Kathrin Kornfeld in einem Überblick die wesentlichsten Bereiche.

Für Fachleute steht außer Frage, dass eine leistungsfähige Infrastruktur einen zentralen Erfolgsfaktor für Wirtschafts- und Arbeitsstandorte darstellt. Doch sehen das die Wiener auch so? Wer spontan auf der Straße nachfragt, erhält neben sehr ehrlichen Aussagen wie „Woher soll ich das wissen?“ durchaus auch Statements, die konkrete Hinweise für die Infrastrukturdebatte liefern. Beispielsweise „Mir ist wichtig, dass ich schnell in die Arbeit und wieder zurück komme“ oder „Mein Smart-Phone soll überall und jederzeit Internetzugang haben“. Auf den ersten Blick mag der direkte Zusammenhang zwischen diesen Wünschen, einer adäquaten Infrastruktur und der Qualität des Wirtschaftsstandortes nicht erkennbar sein – doch die Verknüpfung ist unmittelbar vorhanden. Ohne intelligente Verkehrskonzepte für den öffentlichen sowie den Individualverkehr kann das steigende Verkehrsaufkommen nicht zufriedenstellend bewältigt werden. Ohne ausreichende Glasfasernetze und zu wenig Bandbreiten, wird das Potenzial neuer Kommunikationstechnologien nicht zur Gänze ausgeschöpft. Und was schon Otto Normalverbraucher als wichtig erachtet, ist für viele Unternehmer sogar von existenzieller Bedeutung. Sei es als User im Unternehmensalltag oder als Geschäftsmann, der in diesem Raum sein Business möglichst reibungslos abwickeln will.

Entscheidungsfaktor Infrastruktur
Von einer höheren Warte aus betrachtet, sind infrastrukturelle Einrichtungen die Lebensadern zur Versorgung einer Region, einer Stadt. Die Bandbreite reicht dabei von der Daseinsvorsorge bis zur Anbindung an internationale Verkehrs- und Datennetze, die vor allem für die Wirtschaft von Bedeutung sind. Entscheiden doch internationale Unternehmen nicht zuletzt auch anhand der Infrastrukturqualität über den Standort ihres Headquarters. Grundsätzlich gilt, dass eine erstklassige Infrastruktur Volkswirtschaften und Wirtschaftsregionen mit Zukunftsmärkten verbindet und damit die Attraktivität eines Standortes für Investoren sichert. So gesehen übernimmt die Infrastruktur eine ganz wesentliche Rolle, denn im zunehmendeneuropäischen und globalen Wettbewerb der Städte und Regionen muss sich Wien behaupten und optimal positionieren. Mitbewerber wie Prag, Budapest und Bratislava sind nicht nur durch ihre räumliche Nähe unmittelbare Konkurrenten. Die osteuropäischen Wirtschaftsregionen setzen beispielsweise auch bei Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) gleich auf die jüngste Generation von leistungsfähigen Infrastrukturtechnologien (Glasfaser- statt Kupferkabel) und sichern sich dadurch nachhaltige Standortvorteile.

Herausforderungen der Stadt
Wo Wien international gesehen steht und welche konkreten Maßnahmen gesetzt werden müssen, erhebt alljährlich die Initiative Future Business Austria. Seit 2009 wird neben der Aufbereitung gesamtösterreichischer Aspekte auch die Bundeshauptstadt hinsichtlich ihrer Infrastrukturqualität beleuchtet. Die Publikation vereint Daten, Fakten, internationale Vergleiche sowie Anliegen aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung, die in zukunftsträchtige Forderungen an die Wiener Landesregierung münden. Der aktuelle Report richtet eine klare Ansage an die Entscheidungsträger: Der Standortfaktor Infrastruktur benötigt ein integriertes strategisches Gesamtkonzept. Diese Forderung entspricht auch dem Tenor der Wiener Wirtschaft. Muss doch die Bundeshauptstadt insbesondere auf europäischer Ebene im Bereich Infrastruktur strategisch kooperieren. Im Standortwettbewerb befinden sich nämlich nicht nur Städte, sondern mittlerweile ganze Regionen. Vorhandene strategische Ansätze, so die Kritik, werden oft nicht ausreichend umgesetzt.

Wiens Entscheidungsträger befürchten nun, mitunter auch aufgrund der Wirtschaftskrise und der notwendigen Einsparungen, dass Infrastrukturinvestitionen reduziert werden können. Dazu kommt, dass der teure Föderalismus in Österreich die Planung und Integration lokaler, regionaler, nationaler und europäischer Infrastrukturprojekte auch im Raum Wien hemmt. Allesamt Punkte, die der Mehrheit der Wiener Manager ein Dorn im Auge sind. Ist doch das Infrastrukturbewusstsein der befragten Manager laut der Erhebungen des Wiener Infrastrukturreports 2010 außerordentlich hoch. Die Infrastruktur eines Wirtschaftsraumes lässt sich in verschiedene große Bereiche gliedern. Das Zusammenspiel und der Status quo der einzelnen Segmente verrät die Qualität des Standortes.

IKT für die Zukunft
So ist zum Beispiel die IKT-Infrastruktur in Wien im europäischen Vergleich nach wie vor überdurchschnittlich zu bewerten. Der Vorsprung zur Konkurrenz wird allerdings nach und nach kleiner. Von der lokalen Politik fordern Wiener Manager deshalb den Auf- und Ausbau von Bandbreiten, Anwendungen zur Integration sozial Benachteiligter, den Ausbau der Infrastruktur aus einer Hand mit Zugang für alternative Anbieter und die Aufhebung der Telekom-Regulierung. Über die Grenzen hinaus gedacht, ist vor allem durch gemeinsame IKT-Projekte und -Cluster die Vernetzung mit Mitteleuropa zu stärken.

Energie für Wien
Rund 500 Energie-Erzeugungsanlagen produzieren für Wien Strom und Wärme. Die derzeitige Verfügbarkeit von Strom beträgt 99,99 %, Ausfälle beschränken sich auf wenige Minuten pro Jahr. Auch im europäischen Vergleich ist Wien im Bereich Energie „gut“ zu bewerten. Die Orientierung an die Besten führt jedoch zu konkreten Forderungen. Wiener Manager erwarten von der Wiener Politik vor allem die Forcierung erneuerbarer Energien sowie von Energieeffizienz. Ein bedeutendes Handlungsfeld in Wien ist der Wohnbau – Stichwort Fernwärme und -kälte. Handlungsbedarf besteht aber auch bei den Investitionen in die Energie-Infrastruktur. E-Mobility und die damit verbundene Frage nach der Kosten-Nutzen-Relation bildet ebenso einen zukünftigen Schwerpunkt. Eine zentrale Vision ist die Interaktion mit den Kunden auf Basis des elektronischen Gaszählers (intelligente Tarife etc.) und sollte nicht aus dem Blickfeld geraten.

Verkehr: Masterplan benötigt
Die Pkw-Fahrten der Wiener werden bis 2020 um etwa 140.000 bis 150.000 pro Tag, bis 2030 um etwa 200.000 pro Tag zunehmen. Die Stadt muss dieser Herausforderung mit intelligenten Verkehrskonzepten, telematikgestützter Lenkung des Individualverkehrs und schnelleren öffentlichen Verkehrssystemen begegnen. Dies entspricht auch den Ergebnissen des Wiener FBA Infrastrukturreports, der die Forderungen der Wiener Manager abbildet. Gefordert werden der Ausbau und die Modernisierung des Straßennetzes allgemein sowie die Förderung öffentlicher Verkehrsmittel, auch dahingehend, dass der Umstieg von Auto zu Öffis erleichtert wird. Wiener Manager möchten, dass die Stadt als transeuropäischer Knoten weiterentwickelt wird, was ganz klar in die Forderung nach dem verstärkten Ausbau nach Osteuropa mündet. Wien benötigt also einen Masterplan Verkehr für die Region Wien und Niederösterreich, inklusive Einbettung in ein europäisches Konzept.

Schiene und öffentlicher Nahverkehr
Im Infrastrukturteilbereich Schiene bestehen für den Standort Wien klare Prioritäten. Die Wiener Manager fordern den Ausbau der wichtigsten S- und U-Bahnen, eine Qualitätsoffensive der U-Bahnen und Straßenbahnwaggons, eine Verdichtung des U-Bahn-Netzes im innerstädtischen Bereich sowie den Ausbau der Straßenbahnen im 21. und 22. Bezirk. Für den Standort Wien sehen sie eine hohe Priorität beim Ausbau der Südbahnstrecke. Ein Güterumschlag-Terminal im Norden Wiens sowie eine leistungsfähige Bahnverbindung zwischen Wien und Bratislava nördlich der Donau wären dafür nötig. Weiters muss der Wiener Hauptbahnhof optimal mit allen Infrastrukturbereichen, insbesondere mit dem Flughafen, vernetzt sein. Allgemein muss im Schienenverkehr stärker europäisch gedacht und agiert werden.

Luftfahrt für Osteuropa fit machen
Mit vier Fünfteln aller aus Österreich abfliegenden beziehungsweise ankommenden Fluggäste übernimmt der Flughafen Wien eine Schlüsselrolle. Für die Tourismusmetropole und Kongressstadt Wien und für hier angesiedelte internationale Headquarters ist er ein wesentlicher Standortfaktor. Die Wiener Manager fürchten nach dem Austrian-Verkauf um die internationale Drehscheibenfunktion des Flughafens. Ist doch ein attraktiver Hub Richtung Mittel- und Osteuropa für den Standort unverzichtbar und muss erhalten bleiben.

Schifffahrt forcieren
Im Bereich Schifffahrt ist der Güterumschlag für den Wirtschaftsstandort das zentrale Thema. Um nun die Verkehrsträger Bahn, Schiff und Lkw reibungslos zu verbinden, bedarf es einer ausgezeichneten Infrastruktur. Die Anliegen der Wiener Manager gehen genau in diese Richtung: nämlich bessere Anbindung an Schiene und Straße, verstärkte Kooperation mit den Nachbarländern, mehr und bessere Umschlagplätze im Güterbereich. Einen wichtigen Impuls für den Wirtschaftsstandort Wien liefert der im Herbst 2009 völlig fertiggestellte Container-Terminal Freudenau.

Forschungsstandort Wien
Wien ist mit neun Universitäten und fünf Fachhochschulen sowie über 900 außeruniversitären Forschungseinrichtungen ein vielfältiger Forschungsstandort und beherbergt an die 1.000 Forschungsstätten und rund 30.000 Forschende. Doch die Forderungen gehen verstärkt in Richtung internationale Vernetzung. Der Forschungsstandort muss für internationale Wissenschafter attraktiver werden, durch Investitionen in moderne Forschungseinrichtungen, eine bessere Vermarktung heimischer Ergebnisse sowie die Schaffung forschungsfreundlicher Rahmenbedingungen für internationale Unternehmen.

Fügt man alle Teile des Standortpuzzles zusammen schlägt sich Wiens Infrastruktur im europäischen Vergleich überdurchschnittlich gut. Allerdings lauern Konkurrenzstädte und regionen bereits auf der Überholspur. Bereichsüber greifend gilt, dass mehr europäisch gedacht werden muss und dass Infrastrukturentscheidungen aus einem strategischen Gesamtkonzept abgeleitet werden sollten. Um ein breites Bewusstsein für die Bedeutung von Infrastruktur und Standortfaktoren zu schaffen, ist Aufklärungsarbeit zu leisten. Denn: Ein entsprechender Lebensstandard basiert auf einer gut ausgebauten Infrastruktur. Erst diese ermöglicht den Direktflug zum Geschäftspartner, die rasche öffentliche Verbindung von Wien nach Linz oder den schnellen Download großer Datenmengen direkt auf das Mobiltelefon.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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