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Wie sich die Chefetage zum Erfolg fastet

13.10.2020

Wenn es rundherum zu viel wird, kann die Kunst des bewussten Verzichts und des Loslassens hilfreich sein. Was bei der Reinigung und Erneuerung von Zellen, der sogenannten Autophagie, funktioniert, klappt auch in Unternehmen. Führungskräftecoach und Bestseller-Autorin Nathalie Karré und Helga Pattart-Drexler, Head of Executive Education der WU Executive Academy, haben sich angesehen, wovon sich Führungskräfte trennen sollten, um diesen Effekt optimal nutzen zu können.

"In der Enthaltsamkeit beim Fasten oder Meditieren, erhält man mehr Klarheit, mehr Kraft und Energie", meint Führungskräftecoach und Bestseller-Autorin Nathalie Karré.

Wir werden überflutet: von Reizen, schlechten Nachrichten, Workload und Fremderwartungen. Gerade Führungskräfte sind derzeit an vielen Fronten gleichzeitig gefordert: Corona-Krise, Home Office, ein Wandel bei den Arbeitsprozessen und im Führungsverständnis, neue technologische Anforderungen und dazu kommt noch das Tagesgeschäft mit Quartalszielen und ein enormer Erfolgsdruck. Was übrig bleibt, ist häufig das Gefühl, alles irgendwie schaffen zu müssen. Die Lösung liegt hier paradoxerweise im Weniger und nicht im Mehr – also im bewussten Verzicht im Denken, Sagen und Tun: „Wir haben oft die Angst, dass, wenn wir auf etwas verzichten, uns etwas verloren geht“, sagt Helga Pattart-Drexler, Head of Executive Education an der WU Executive Academy.

Dabei liegt im Verzicht immer ein Gewinn – an mehr Fokus, mehr Qualität im Tun, mehr Raum für neue Ideen und Lösungen. Das bestätigt auch Nathalie Karré, Managing Partner von Accelor – the Transformation Company. Seit mehr als zwei Jahrzehnten begleitet sie Menschen und Organisationen in Veränderungs- und Entwicklungsprozessen, an der WU Executive Academy absolvierte sie den Executive MBA.

Wie Zellreinigung funktioniert – im Körper wie im Unternehmen

In ihrem Bestseller „Der Jungbrunnen-Effekt“ propagiert sie das 16-Stunden-Fasten: Durch Phasen der Enthaltsamkeit und des bewussten Verzichts auf Essen haben die Zellen im Körper die Möglichkeit, sich zu erneuern. Ähnlich können auch Führungskräfte in ihrem Unternehmen eine Zellauffrischung vorantreiben. „In der Enthaltsamkeit beim Fasten oder Meditieren, erhält man mehr Klarheit, mehr Kraft und Energie, eine intensivere Wahrnehmung. Alles, was man einschränkt, nimmt man danach verstärkt wahr“, so Karré. Dann setzt die Autophagie, die Abfallvernichtung und Reinigung ein: Der Körper verbrennt belastende Rückstände in den Zellen und repariert sie.

Ähnlich der Autophagie können Führungskräfte bei sich, in ihrem Team und im Unternehmen einen Reinigungsprozess in Gang setzen und so Raum und Kraft für Neues schaffen – wenn sie sich bewusst von Folgendem trennen:

  1. Energiefresser im Unternehmen

Gerade in großen Unternehmen haben sich häufig Projekte, Prozesse und Strukturen angesammelt, die – manchmal aus machtpolitischen Gründen, manchmal aufgrund mangelnder Reflexionsfähigkeit – weiterverfolgt werden, obwohl sie niemand vermissen würde. Dabei binden sie Ressourcen, Arbeitszeit und Arbeitskraft. Das System mit zu vielen Projekten und Tools vollzustopfen, sorgt für Verzögerungen, Überforderungen, Ineffektivität und Frust im Team. „Energiefresser gemeinsam mit den eigenen Mitarbeitern zu identifizieren und mal ordentlich zu entrümpeln, schafft Raum, Zeit und Energie für neue Projekte und effektivere Abläufe frei“, sagt Helga Pattart-Drexler.

  1. Macht und Ego

Gerade in traditionellen, sehr hierarchisch strukturierten Unternehmen würden Machtverhältnisse zementiert und die, die am lautesten schreien, mit dem Aufstieg belohnt. „In solchen Strukturen nutzen Menschen oft die Leistung, Ergebnisse und Netzwerke anderer zu ihrem Vorteil“, sagt Nathalie Karré. Dass einzelne Führungskräfte sich Lorbeeren für die Leistungen ihres Teams abholen, müsse der Vergangenheit angehören, meint auch Helga Pattart-Drexler. Sich mit lauter Mini-Mes zu umgeben, die das eigene Verhalten bestätigen, sei kontraproduktiv. „Führungskräfte sollten nach Mitarbeitern Ausschau halten, die besser und anders sind als sie“, sagt Karré. Denn nicht der Vorteil für den Einzelnen zähle: „Erfolg setzt sich schließlich aus der Summe der Leistungen aller im Team zusammen.“ Wichtig sei laut Nathalie Karré, „sich zurückzunehmen und den Mitarbeitern und ihren Meinungen Raum zu geben.“ Das führe auch dazu, dass man „wirksam für andere wird, wie es Management-Vordenker Fredmund Malik schon lange propagiert“, so Pattart-Drexler.

  1. Blockierende Glaubenssätze

Oft sind Führungskräfte von ihren eigenen Glaubenssätzen geprägt. „Nicht selten werden Experten zu Führungskräften befördert – wegen ihres ausgezeichneten Fachwissens, nicht aber wegen ihrer Führungskompetenz – trotzdem mit einem riesigen Hebel für zehn, 50, hundert Mitarbeiter“, so Nathalie Karré. Sich zu verabschieden von althergebrachten Praktiken, sei unbedingt notwendig, wie etwa „die Idee, als Führungskraft kein Feedback zu benötigen“, sagt Karré. Eine Führungskraft, die nie ehrliches Feedback erhält, könne kaum zu einer positiven Unternehmenskultur beitragen. „Führungskräfte müssen lernen, sich selbst ständig zu hinterfragen und zu reflektieren. Ich kann nur wachsen und mein Team mit mir, wenn wir uns die eigenen blinden Flecken regelmäßig ansehen“, sagt auch Helga Pattart-Drexler. „Leider sparen wir alle oft mit Lob und Anerkennung, gerade aber Führungskräfte brauchen positives Feedback. Aber: Konstruktives Feedback zu geben und anzunehmen, will gelernt sein“, sagt sie.

  1. Emotionaler Stress

Der Arbeitsalltag ist gerade für Führungskräfte fordernd. Mit Selbstmanagement und Emotionsregulierung können stressbedingte Disbalancen ausgeglichen werden. Dazu gehöre, Emotionen zwar anzuerkennen, sie aber nicht unkontrolliert an anderen Menschen auszulassen und sich bei überbordendem Stress ausgleichende, beruhigende Aktivitäten zu suchen. Neun von zehn erfolgreichen Top-Managern würden meditieren, sagt Nathalie Karré. „Wer in sich selbst ruht und sein Leben in Balance hält – dazu gehören Arbeit, Freizeit, Familie, Gesundheit und Zeit für sich selbst – der kann auch anderen Entwicklungsräume erlauben“, sagt die Expertin. Wie gehe ich gut mit mir um und wie gehe ich gut mit anderen – mit Mitarbeitern, Kooperationspartnern – um? „Ich bekomme im Coaching mit: viele Menschen gehen mit sich selbst nicht gut um, mit anderen besser“, so Karré.

  1. Kontrolle für alles

„Relax, nothing is under control.“ Dieser Spruch hat sich spätestens seit der Corona-Krise mehr als bewahrheitet. „Wir können uns nicht mehr für alles absichern, nicht mehr alle Faktoren in Entscheidungen einbeziehen und daher weder planen noch kontrollieren“, sagt Helga Pattart-Drexler. Kontrolle gibt zwar vermeintlich Sicherheit, ist in der Wirtschaft – und Gesellschaft – des 21. Jahrhunderts eine Illusion. Mit schlechten Erfahrungen würde man auch dazu neigen, ähnliche Erfahrungen wieder zu vermeiden. Häufig haben Führungskräfte immer noch Angst vor einem Gesichtsverlust, wenn Fehler passieren. „Endlich stehen wir nun – paradoxerweise wegen Corona - vor der Situation, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern mehr vertrauen, allerdings wird nun reglementiert, wie der Heimarbeitsplatz genau auszusehen hat“, sagt Nathalie Karré, „Das ist absurd.“ Die Learnings aus der Corona-Zeit müssten in die gemeinsamen Arbeitsprozesse in Zukunft integriert werden.

  1. Falsche Verantwortung

Sich für alles verantwortlich fühlen und für die Mitarbeiter entscheiden zu müssen, Experte für alles sein und alles wissen zu müssen: diese Glaubenssätze stammen noch aus Command & Control-Führungsmustern. „Es kann und muss auch nicht alles von Führungskräften abgedeckt werden“, sagt Helga Pattart-Drexler. Führungskräfte müssen heute zunehmend das große Ganze im Auge behalten: das Zusammenspiel des Teams, die strategische Ausrichtung, die Ziele des Projekts, der Abteilung, des Unternehmens. Micro-Management belastet und stresst nicht nur die Führungskraft, sondern auch die Beziehung zu den Mitarbeitern. Verantwortung abzugeben wird also zur Notwendigkeit, um den Kopf für die Menschen- und Strategieführung freizuhaben. Eine Studie von Wayne Baker zeigt deutlich: Dort, wo Menschen andere mit Wissen versorgen, sie ermutigen, Energie ins System hineinbringen und lösungsorientiert agieren, steckt die meiste Leistung in Unternehmen. „Solche Menschen arbeiten lösungsorientiert, bestärken andere, geben Feedback und stehen ein für etwas Größeres als sie selbst“. Genau so könnten Führungskräfte Mitarbeiter dabei unterstützen, zu wachsen.

  1. Hohle Phrasen

Leitbilder und auf Wänden gepinnte Werte-Gebote sind zwar nett, greifen aber zu kurz. „Sobald Werte in den Unternehmen tatsächlich auch gelebt werden, haben Führungskräfte eine gemeinsame Richtung und das Engagement der Mitarbeiter steigt“, sagt Nathalie Karré, die als Consultant auch Unternehmen in ihrem Kulturprozess im Rahmen der „Great Place to Work“-Auszeichnung begleitet. Ergebnisse einer werteorientierten Kultur seien evident: „weniger Krankenstände, geringere Burnout-Raten, ein höheres EBIT und besser passende Bewerbungen auf offene Stellen.“ Führungskräfte seien hier als Umsetzer der Wertekultur gefragt – schließlich hätten sie Vorbildfunktion.

  1. Blaupausen und Rezepte

Da sich Mitarbeiterführung darauf konzentriert, dass Menschen sich entwickeln und entfalten können und Eigenverantwortung übernehmen, müssen Führungskräfte auch lernen, situativ zu führen. „Jeder Mensch ist anders. Manche benötigen mehr Freiraum und entscheiden gern selbst, andere brauchen mehr Führung und Struktur“, so Helga Pattart-Drexler. Nach dem Gießkannenprinzip alle gleich zu führen, sei wenig sinnvoll und sogar kontraproduktiv. Sich mit der Persönlichkeit der Mitarbeiter auseinanderzusetzen, sei eine der wichtigsten Führungsaufgaben überhaupt, sagt Nathalie Karré.

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