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Wie man die Segel setzt

02.05.2021

Ein Schlagwort, viele Facetten. Sabine Herlitschka, Vorstandsvorsitzende des Halbleiterherstellers Infineon Technologies Austria, über Verantwortung.

Was bedeutet Verantwortung für Sie? Als Leitbetrieb haben wir eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Verantwortung, das trifft in Krisenzeiten wie aktuell in der Corona-Pandemie noch stärker zu. Wirtschaftlich im Sinne einer zukunftsfähigen, resilienten und nachhaltigen Entwicklung des Unternehmens für die Stakeholder und Mitarbeiter. Damit geht eine gesellschaftliche Verantwortung für das gesamte Umfeld einher. Verantwortung ist doch ein zentraler Wert unserer Gesellschaft, sowohl für sich selbst wie auch in einem größeren Sinn. Wenn man sinnstiftend wirken kann, dann sollte man das als Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung auch tun.

Wo fängt das Thema an? Wo muss es realistischerweise enden, um sinnvoll wirtschaften zu können? Als Unternehmen sind wir uns unserer Verantwortung bewusst, sie ist Teil unserer Unternehmensphilosophie und -strategie. Unternehmen sind Teil der Gesellschaft, sie entwickeln und produzieren Güter und Leistungen für die Menschen, generieren Wertschöpfung und können Arbeitsplätze und damit Zukunft für Menschen schaffen. Mit ihrem Wissen und Tun erzeugen Unternehmen konkreten gesellschaftlichen Mehrwert. Und deshalb ist es umso wichtiger, Strategien zu entwickeln, die bei der unternehmerischen Kernkompetenz ansetzen. Bei uns als Infineon bedeutet das, mit technologischem Wissen konkrete Lösungen für die großen gesellschaftlichen Herausforderungen wie Klimawandel, Digitalisierung oder Sicherheit zu schaffen. Also dazu beizutragen, dass das Leben für uns alle grüner, einfacher und sicherer sein kann. Gesellschaftliche Erwartungen, vor allem an große Unternehmen, sind massiv gestiegen, auch weil der Staat in vielen Bereichen nicht mehr alle Aufgaben erfüllen kann. Diese Grenzen in der Verantwortlichkeit verschwimmen immer mehr bzw. greifen oftmals stärker ineinander.

„Von Verpflichtungen halte ich wenig.“

Wie schafft man es, seinen Impact umfassend zu bedenken und dennoch agil und rasch handeln zu können? Dazu braucht es die richtigen Ziele, eine gute Vorstellung davon, wie man diese Ziele erreichen kann, und – ganz wesentlich – die konkrete Umsetzung. Hier haben wir als Unternehmen mitunter den Vorteil, schneller als etwa die Politik agieren zu können.

Wir sprechen oft von Enkeltauglichkeit: Wie weit muss man Verantwortung in die Zukunft denken? Unsere Mission lautet, das Leben einfacher, sicherer und umweltfreundlicher zu machen. Technologien sind dafür ein wesentlicher Hebel. Dabei geht es vor allem um die Zukunft! Es stehen viele Herausforderungen an, deren Entwicklung unsere Zukunft und die der nächsten Generationen bestimmen wird – sei es der Umgang mit dem Klimawandel, Pandemien, vorhandene Ressourcen, aber auch die Nutzung von Daten. Hier muss man auch die Frage aufwerfen, welche Werte wir vermitteln und weitergeben wollen. In einer Zeit der Digitalisierung, in der ein verantwortungsvoller Umgang mit Daten und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft massiv vom bestehenden Wertesystem geprägt sind, muss man genauer hinsehen. Europa vertritt hier ein anderes Wertesystem als beispielsweise China, das mit einem Sozialkredit-Konto dem einzelnen Bürger wenig Verantwortung zutraut und Verhalten bewusst kontrolliert und steuert. Das wollen wir in Europa sicher nicht – auch das sicherzustellen ist gelebte Verantwortung.

Wie viel Verantwortung muss man heute als Unternehmen übernehmen, die eigentlich in den Bereich der öffentlichen Hand oder der Politik fallen würde? Es gibt einige Bereiche, in denen wir schon sehr viel gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Wenn wir als Beispiel den Bereich Aus- und Weiterbildung hernehmen: Da könnte schon diskutiert werden, wo die Verantwortlichkeit eigentlich liegt. Wir sind als Unternehmen sehr engagiert und initiieren vielfältige Aus- und Weiterbildungsschienen, angefangen bei unserer internationalen Kindertagesstätte, der internationalen Schule, Pilotprojekten an Schulen wie die Smart-Learning- Classes an allen Kärntner HTLs bis hin zu mittlerweile sechs Stiftungsprofessuren in Österreich. Mit dem Infineon- Bildungsfonds unterstützen wir sozial schwache Familien im Rahmen der Caritas-Lerncafés. Hier spannen wir mittlerweile einen sehr breiten gesellschaftlichen Bogen.

Unternehmerische Verantwortung sollte nicht bei Lippenbekenntnissen enden. Wie gibt man dem Thema eine Struktur im Betrieb, die zur konkreten Umsetzung führt? Infineon setzt hier auf vielfältige Weise an. Wir haben uns einerseits konzernweit einen Rahmen für unsere Aktivitäten gegeben, in dem auch wir in Österreich wirken. Dabei geht es um die strategische Verankerung unseres CSR-Engagements und das Festlegen von Bereichen, die wir gut mit unserem Know-how unterstützen können, wie beispielsweise Bildung, Technik und Naturwissenschaften, nachhaltige Mobilität oder diverse Projekte zur Entwicklung des regionalen Umfelds. Dazu schaffen wir auch die Möglichkeit, dass Mitarbeiter Themen, die ihnen wichtig sind, einbringen und umsetzen können. Das stärkt uns einerseits als attraktiver Arbeitgeber und verbindet uns noch stärker mit unserem Umfeld.

Sind Sie für Freiwilligkeit, oder wünschen Sie sich mehr harte Verpflichtungen? Von Verpflichtungen halte ich wenig, für mich ist es dann so ähnlich wie bei der Steuer: Man erfüllt diesen Richtwert und hat damit seine Pflicht getan. Unternehmen und Organisationen, die gesellschaftlich verantwortungsbewusst agieren, sind diejenigen, die schlussendlich erfolgreicher sind. Menschen, die sich aus Überzeugung gesellschaftlich engagieren, werden eher für Unternehmen arbeiten, die ebenfalls eine solche Haltung einnehmen. Wir reden heute von Fachkräftemangel, und das ist nicht nur etwas, das mit Fachwissen zu tun hat. Natürlich suchen wir Fachkräfte in den Bereichen Elektrotechnik, Informatik, Physik oder Chemie, wir suchen aber auch Menschen, die unsere Visionen teilen und auch selbst Visionen haben. Und da schließt sich auch wieder der Kreis.

Hat Europa eine besondere Verantwortung in Umweltund Gesellschaftsfragen zu tragen? Europa erkennt die Zeichen der Zeit und setzt sich höchst ambitionierte Ziele gerade in der Umwelt- wie auch Sozialpolitik, der Green Deal ist das beste Beispiel dafür. Europa hat sich zudem die Twin-Transition – die grüne und die digitale Transformation – als Ziel gesetzt. Dazu muss massiv in Innovation und Technologie investiert werden. Ziele können aber nur erreicht werden, wenn die konkrete Umsetzung in den Vordergrund gestellt wird. Der EU Recovery Plan ist eine herausragende Möglichkeit dafür. Diese gilt es nun zu konkretisieren und umzusetzen. Dafür braucht es ein gutes Zusammenspiel der EU-Strukturen und der Mitgliedsländer, getragen von den gemeinsamen Zielen, nicht von Einzelinteressen.

Ist die Corona-Krise aus Ihrer Sicht der geeignete Zeitpunkt, um tiefgreifende politische Weichenstellungen zu setzen? Ja, eine Krise – so herausfordernd sie ist – ist immer eine Chance. Diesen Spruch kennt jeder, aber er bewahrheitet sich auch in der aktuellen Corona-Pandemie. Die Digitalisierung ist das beste Beispiel: Sie hat ungemein an Fahrt aufgenommen, ihre Entwicklung wurde um etliche Jahre beschleunigt. Politische Weichenstellungen und konkrete Maßnahmen greifen schneller, da das Bewusstsein dafür ein anderes ist. Wichtig ist, dieses Momentum zu nutzen und nicht zulasten der Zukunftsfähigkeit verstreichen zu lassen. Die Menschen haben gesehen, was Digitalisierung ermöglichen und aufrechterhalten kann. Themen, die vorher nicht vorstellbar waren, wurden innerhalb kürzester Zeit umgesetzt, wie Homeoffice, Homeschooling und andere digitale Dienste. Oder mit einem anderen Bild gesprochen: Es geht nicht darum, woher der Wind weht – das kann man sich nicht aussuchen –, sondern wie man die Segel setzt.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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