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Hier wird alles Mögliche repariert: Sepp Eisenriegler stieg mit seinem Unternehmen 1997 als Pionier in die Wiener Reparaturbranche ein.

Wider die Wegwerfgesellschaft

17.12.2015

Wegwerfen, neu kaufen. So funktioniert das Wachstumskonzept der Konsumgesellschaft. Immer mehr Menschen läuft das zuwider. „die wirtschaft" hat drei getroffen, die einen unternehmerischen Ausweg zeigen.

Text: Daniel Nutz

Stellte man alle Menschen der Steiermark auf einmal auf eine Waage, sie würden weniger wiegen als der jährlich angehäufte Elektromüll. 78.000 Tonnen elektrische Geräte landen pro Jahr in Österreich auf der Deponie. Handys oder andere Kleingeräte, die fälschlicherweise im Restmüll landen, sind dabei gar nicht erst miteingerechnet. Für den Wiener Unternehmer Sepp Eisenriegler ist das eindeutig zu viel.

Eisenriegler steht mitten in einem Sammelsurium von kaputten und nicht mehr gebrauchten Geräten. Hier ist das Herzstück seines Reparatur- und Service-Zentrums, kurz RUSZ. Die Aluregale reichen bis an die Decke und sind befüllt mit DVD-Playern, Fernsehern, Verstärkern oder auch alten Transistorradios. Rund um den Chef wird gearbeitet. Das heißt, in erster Linie wird geschraubt und gelötet. Die 22 Mitarbeiter bringen defekte Geräte wieder in Schuss und retten sie so vor der Deponie. „Eigentlich ist alles reparierbar. Außer, wenn Elektronik drinnen ist, auf die uns der Hersteller nicht zugreifen lässt", sagt der 62-Jährige und geht weiter in einen Raum, in dem sich Waschmaschinen und andere Haushaltsgroßgeräte türmen.

 

Reparieren als Geschäftskonzept

Mit Weißware hat alles vor 18 Jahren begonnen. Damit hat auch die Gründungsgeschichte zu tun, die Eisenriegler gerne erzählt. Als damals sein Geschirrspüler kaputtging, bestellte er einen lizenzierten Servicetechniker. „Der hat mir gesagt, eine Reparatur zahle sich bei einem Gerät, das älter als fünf Jahre ist, nicht aus. Er wollte mir ein Neugerät verkaufen und hat seine Anfahrtskosten als Rabatt angeboten. Dabei war nur ein Schlauch verstopft." Die Wut über diese in der Branche ganz alltägliche Vorgehensweise machte aus dem AHS-Lehrer Eisenriegler einen Unternehmer.

„Begonnen haben wir als ökosozialer Betrieb", erzählt Eisenriegler, der in Sakko und Pullover durch seine Firma schreitet. Anfangs schulte er Langzeitarbeitslose auf Mechatroniker um und wurde dafür mit öffentlichen Geldern unterstützt. Seit 2007 ist das RUSZ eine normale GmbH und arbeitet gewinnorientiert. An der Unternehmensphilosophie hat sich dadurch aber nichts geändert. Eisenriegler plaudert im Vorbeigehen mit seinen Mitarbeitern, weiß über deren privaten Belange Bescheid. In den kalten Hallen des RUSZ herrscht ein warmes Betriebsklima. „Auch heute bilden wir aus, weil einfach nicht genug qualifiziertes Personal verfügbar ist", sagt er und betont, dass seine Mitarbeiter über den Kollektivvertrag des eisen- und metallverarbeitenden Gewerbes die bestmögliche Abgeltung für ihre Arbeit bekommen.

Heuer werden im RUSZ etwa 6.500 Geräte repariert, was rund eine Millionen Euro Umsatz ergibt. Es ist kein Geschäft, mit dem man reich wird. „Der Kunde schnauft natürlich, wenn ich ihm für die Anfahrt und eine halbe Stunde Arbeit 120 Euro verrechnen muss. Aber bei den Nebenkosten, die ich als Unternehmer zu tragen habe, bin ich mit dem Stundensatz schon am wirtschaftlichen Limit", sagt Eisenriegler. Für den Konsumenten ist es in vielen Fällen schlichtweg billiger, sich mit neuen, in Schwellenländern billig hergestellten Produkten einzudecken, als defekte reparieren zu lassen.

Und darin liegt eine doppelte Problematik versteckt. „Es kann doch nicht sein, dass wir die Rohstoffe der Länder des Südens ausbeuten, diese dann in Schwellenländern durch die Ausbeutung von Arbeitskräften verarbeitet werden, um den Kunden in den Industrieländern Produkte verkaufen zu können, die so billig sind, dass sie wenig wertgeschätzt und schnell weggeschmissen werden", moniert Eisenriegler. Wenn der Reparaturunternehmer als Moralapostel abgestempelt wird, stört ihn das. Denn es braucht weniger Moral als bloß klaren Verstand, um zu erkennen, dass die Konsum- und Wegwerfgesellschaft heute an ihre Grenzen stößt.

 

EU-Kommission verordnet Ressourcenschonung

Lebenszyklusanalysen zeigen, dass schon bei der Herstellung und Distribution von technischen wie elektrischen Geräten etwa 50 Prozent der gesamten Umweltschäden anfallen. Wer die Umwelt schonen und den Klimawandel stoppen will, macht das nicht, indem er alte Autos verschrottet und sich dafür ein emissionsärmeres neues kauft. Und auch nicht, wenn man vorhandene Elektrogeräte auf den Müll wirft, um sich mit Geräten der höchsten Energiesparklasse einzudecken. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall.

Es gibt Handlungsbedarf. Produkte sollen langlebiger werden, davon ist auch die EU-Kommission überzeugt. Anfang Dezember präsentierte sie in Brüssel einen Aktionsplan zur Einführung der sogenannten Circular Economy. Es ist ein Rahmenprogramm, das im Sinne einer Kreislaufwirtschaft die Ressourcen und Rohstoffverschwendung von Produkten reduzieren soll. „Abbauen, herstellen, verwenden und wegwerfen ist eine Logik, von der sich unsere Wirtschaft lösen muss", sagt Vize-Kommissionspräsident Frans Timmermans. Bis die Pläne der Kommission allerdings in nationalstaatliche Gesetzestexte fließen werden, werden vermutlich noch zumindest zwei Jahre vergehen.

So lange wollen viele Konsumentinnen und Konsumenten aber offenbar nicht warten. Laut einer im Auftrag von „die wirtschaft" vom Meinungsforschungsinstitut GfK durchgeführten Umfrage wollen 68 Prozent der Österreicher reparierbare Produkte und wären prinzipiell auch bereit, dafür mehr zu bezahlen.
Von den USA ausgehend, hat die „Do-it-yourself-Bewegung" längst Europa erreicht. Der Wille zum Selbermachen und Reparieren wird in zahlreichen Reparaturcafés tagtäglich zum Ausdruck gebracht. Das beginnt beim Wiederinstandsetzen von Geräten und endet bei der Entwicklung von Produkten und Unternehmensgründungen. Diese finden meistens in Umfeldern sogenannter FabLabs statt, die dem Prinzip einer offenen Werkstatt folgen. Ein Ort dieses Schaffens ist der „Maker Space Vienna", den Arno Aumayr in der Schönbrunner Straße in Wien betreibt.

 

Bei den Selbermachern

Arno Aumayr ist 43, trägt kurzes, braunes Haar und einen Bart. Früher gehörte ihm eine IT-Firma. Heute macht er das, was ihm wirklich Freude macht. Er ist ein Bastler und hat mit dem Maker Space einen Raum geschaffen, der auch anderen die Möglichkeit bietet, handwerklich etwas umzusetzen. Rund 20 Arbeitsplätze gibt es, auf den Werktischen stehen Hightech-Geräte wie CNC-Fräsen, 3-D-Drucker oder Lasercutter sowie diverse elektronische Messgeräte.

Die Leute kommen hier einfach vorbei, schrauben fräsen oder machen Holzarbeiten. Der Maker Space ist eine offene Werkstatt, organisiert als Verein mit rund 100 Mitgliedern. Die Klientel ist durchmischt – von jung bis alt, vom handwerklichen Anfänger bis zum Elektronik-Nerd. „Manche Menschen kommen auch aus der Not heraus zu mir", sagt Aumayr. Es sind jene, deren finan-
zielle Lage keine Neuanschaffungen zulassen. Sie kommen hierher, holen sich Rat der anderen und reparieren oft gemeinsam. Auch das gehört zum Prinzip der offenen Werkstatt: Man tauscht sich aus, hilft einander, wo es geht. Die Mitgliedsbeiträge sind sozial gestaffelt.

Viele kommen, weil sie einem Lebensstil folgen: Nicht wegschmeißen, sondern reparieren, und wenn nötig, stellen sie nicht mehr erhältliche Ersatzteile mit den Hightech-Werkzeugen selbst her. Sie sind Teil einer Gegenkultur, die sich nicht mehr den Bedingungen der industriellen Produktion beugen will. Der Leitspruch dieser Bewegung: Ein Produkt ist erst deines, wenn du daran schrauben kannst, und geht das nicht, dann schaffe einfach dein eigenes Ding.

 

Ideenlabor mit Start-up-Spirit

In den Räumen des Maker Space herrscht reges Treiben. Draußen ist es bereits dunkel. Die LED-Lampen werfen helle Lichtkegel auf die Arbeitsplätze. Mit der Dunkelheit strömen auch die Menschen ein. Klar, manche kommen direkt nach der Arbeit hier vorbei. Heute ist es spät geworden.

Die Uhr schlägt 23 Uhr. Aber Aumayr macht das nichts. Er nimmt sich noch etwas Zeit für sein eigenes Projekt. In seinen Händen hält er einen Roboter. Aumayr hat ihn mittels 3-D-Drucker erschaffen. Jetzt geht es darum, ihn durch die Elektronik funktionsfähig zu machen. Während er schraubt, erzählt Aumayr von seinen weiteren Plänen. Er will seine Werkstatt weiter professionalisieren. Noch mehr Highend-Geräte sollen bald hier stehen. Denn neben den Hobbybastlern zählen auch Produktentwickler und Start-ups zu seiner Klientel. Dabei sind schon einige Geschäftsideen entstanden, die jetzt in der Finanzierungsphase stecken. „Viele Projekte beschäftigen sich mit Energiefragen", sagt Aumayr und zeigt auf eine tragbare Box mit Solarpaneelen. Es ist eine Art mobile Steckdose, für Orte, an denen es kein Stromnetz gibt.

Ein Vorbild für den Wiener Maker Space ist die „UnternehmerTUM Maker Space" in München. „Sie haben die neuesten Geräte und eine ausgezeichnete Vernetzung mit den Universitäten", sagt Aumayr. Kein Wunder, steckt doch hinter der Betriebsgesellschaft die Finanzkraft des Autokonzerns BMW. Diese Tatsache zeigt, dass sich längst auch die Industrie für die Maker-Bewegung interessiert. Verständlich, finden sich dort doch einerseits verdichtet solche Fachkräfte, die bekanntlich am Arbeitsmarkt rar sind. Andererseits sorgt der Austausch mit der jungen Szene auch bei etablierten Konzernentwicklern für das eine oder andere Aha-Erlebnis. BMW schickt darum mittlerweile seine Ingenieure vermehrt in den Münchener Maker Space zur Arbeit.

 

Szenenwechsel in ein Kellerlokal in Wien-Währing. Melanie Ruff und ihr Team sind bei der Arbeit. In der kleinen Werkstatt überschlagen sich die Töne, das Schleifgeräusch betäubt die Ohren. Hier werden ausrangierte Snowboards bearbeitet. Altes weiterzuverwerten ist das Geschäftsmodell. Melanie Ruff hält ein fertiges Produkt gegen das Licht. Aus dem Kern des alten Snowboards ist ein Skateboard geworden. Auf dem Grip, der Oberfläche, ist der Firmenname „Ruffboards" per Laser ausgeschnitten. Der Name steht für eine Geschäfts-
ideologie.

 

Die Aufwertung von Müll

„Unser Anspruch ist, so ressourcenschonend und auch sozial verträglich zu produzieren wie möglich", sagt die Firmengründerin. Mit Snowboardschulen und -Verleihen kooperiert man, um an das Rohmaterial zu kommen. Dann versucht Ruff die restliche Wertschöpfungskette so gut wie möglich in den eigenen Händen zu behalten. Anstatt einen Zulieferer zu beauftragen, werden die Grips für die Skateboards selbst hergestellt. Dies geschieht im Happy Lab, einem Wiener FabLab, ähnlich dem Maker Space von Arno Aumayr.

Als Ruffboards vor zwei Jahren mit dem Upcycling, also der Verwendung von vermeintlichem Abfall zur Erschaffung neuer Produkte begann, wurde das Projekt noch von vielen belächelt. Doch man hat damit den Zeitgeist getroffen. Die Konsumforscher haben dafür das Akronym „Lohas" (Lifestyles of Health and Sustainability) gefunden: also eine konsumkritische, dem Gedanken der Nachhaltigkeit folgende wachsende Zahl an meist gut gebildeten und relativ einkommensstarken Bürgern und Bürgerinnen.

Wenn Ruff das Wort Lohas hört, verdreht sie allerdings die Augen. Sie mag diese Schubladisierung nicht: „Für mich klingt das immer noch nach Birkenstocksandalenträgern." Und zu diesen zählt die Mittdreißigerin keinesfalls. Ruff trägt weite Hosen, einen Kapuzenpulli – Kleidung, die zu ihren Produkten passt und die sie auch in der Freizeit trägt. Nachhaltigkeit hat für sie nicht mit Lebensstil zu tun, sondern mit einer Verantwortung, die jede Unternehmerin, jeder Unternehmer, jeder Mensch ihrer Meinung nach tragen muss.

Auf dem Schreibtisch von Ruff liegt ein Nachrichtenmagazin. Einer der Aufmacher ist der Weltklimagipfel in Paris. „Zukunft der Erde", lautet die markante Headline. Der Auftrag ist mittlerweile unbestritten. Um den Planeten zu retten, ist eine Neuaufstellung der Energiegewinnung nötig, und es braucht ganz dringend weniger Verschwendung. Abfallberge, deren jährliches Wachstum man mit den Einwohnern eines österreichischen Bundeslandes aufwiegen kann, können wir uns künftig nicht mehr leisten.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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