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Georg Pölzl, Vorstandsvorsitzende der Post AG

„Wer sich Kundenwünschen verschließt, verliert den Anschluss“

05.04.2021

Corona hat viele Entwicklungen extrem beschleunigt, zieht Georg Pölzl nach einem Jahr Pandemie Bilanz. Welche positiven Effekte daraus entstanden sind, wieso Österreichs Händler nicht stärker vom E-Commerce profitieren und warum man sich niemals gegen neue Technologien stellen darf, erklärt der Vorstandsvorsitzende der Post AG im Interview.

Ziemlich genau vor einem Jahr hat die Pandemie Österreich erreicht. Wie haben Sie diese Krise bislang erlebt? Corona hatte einen wirklich dramatischen Impact. Die Pandemie hat sehr empfindliche Einbrüche bei der Brief- und Werbepost verursacht, worin das Hauptgeschäft der Post liegt. Die Situation hat gleichzeitig aber auch zu einem sprunghaften Anstieg des Paketvolumens geführt. Dort waren wir mit einem Turbowachstum konfrontiert. Und wir hatten im ersten Lockdown sogar Covid-19-Cluster in zwei Paketzentren, die zeitweise vom Bundesheer übernommen werden mussten.

Hat sich die Waage zwischen Rückgängen und Neugeschäft gehalten? Leider nein. Wir haben insgesamt Erlöse verloren, weil Deckungsbeiträge aus dem Paketgeschäft die Verluste in den Bereichen Brief und Werbepost nicht kompensieren konnten und weil wir zusätzliche Kosten für Pandemie-Maßnahmen hatten. Zudem haben wir am 1. April 2020 die bank99 gelauncht. Auch dadurch hatten wir erhebliche Zusatzbelastungen.

„​Der E-Commerce- Markt hat noch ein immenses Wachstumspotenzial.“

Welche Lehren haben Sie aus diesem Jahr gezogen? Corona hat viele Entwicklungen extrem beschleunigt. Wenn ich das letzte Jahr Revue passieren lasse, sehe ich besonders deutlich, dass man als Unternehmen eine hohe Veränderungsbereitschaft entwickeln muss. Man muss wirklich resilient sein, um entsprechend reagieren zu können. Dabei ist es wichtig zu erkennen, dass sich nicht nur negative, sondern auch positive Entwicklungen beschleunigen. Das E-Commerce- Wachstum ist positiv für uns, negativ ist hingegen der schrumpfende Briefmarkt. Wir haben beide Trends analysiert und rasch mit entsprechenden Strategien unterlegt.

Manche Veränderungen werden uns erhalten bleiben. Viele Menschen haben etwa durch die Lockdowns den Onlinehandel für sich entdeckt. Auch darin stecken gleichermaßen Chancen wie Gefahren für viele Betriebe. Welche Herausforderungen ergeben sich dadurch aus Ihrer Sicht? Die Herausforderungen sind für ein kleines Land und seine Wirtschaftstreibenden mannigfaltig. Wir erleben seit vielen Jahren, dass E-Commerce ein Phänomen ist, das sehr stark aus dem Ausland hereinschwappt. Die österreichische Wirtschaft nimmt dadurch bei Weitem nicht so stark daran teil wie am stationären Handel. Das ist ein Riesenproblem.

Woran liegt das? An der Größe des Marktes und daran, dass die entscheidenden Player nicht aus Österreich kommen. Deswegen haben wir 2017 auch unseren Marktplatz shöpping gelauncht. An dem Thema haben wir seit 2015 gearbeitet, und zu Beginn hat niemand verstanden, warum wir das tun. Von außen gab es viel Häme und Unverständnis. In der Pandemie hat man dann auf einmal erkannt, dass es eine hervorragende Möglichkeit für kleine Händler ist, sinnvoll am Onlinehandel teilzunehmen.

Wie wird diese Möglichkeit bislang angenommen? Wir verzeichneten 2020 eine Vervierfachung der Bestellungen und eine Verdreifachung des Händlerumsatzes. Die Rechnung geht also auf. Corona war ein Beschleuniger, und wir haben mit unserem Anspruch, eine Plattform für österreichische Händler zu sein, aufgrund der Pandemie absolut ins Schwarze getroffen.

Kunden wollen im Onlineshopping ihre Pakete vor allem schnell und gratis geliefert bekommen. Welche Vorteile bietet shöpping Kunden, die es bei Amazon nicht gibt? Die Kunden können mit einem guten Gewissen einkaufen. Die Transportwege sind minimiert, und die Wertschöpfung bleibt wirklich in Österreich. Die Zustellung erfolgt CO2-neutral. Bis 2030 wollen wir die Zustellung sogar CO2-frei schaffen. Im Nachteil sind wir gegenüber Amazon insofern, als das Angebot nicht so breit aufgestellt ist. Es wird aber immer besser, weil wir laufend neue Händler gewinnen. Ende des Jahres sollen 3.000 Händler vertreten sein. Damit das klappt, arbeiten wir gerade an einem schnelleren Onboarding. Wir haben also noch viel vor.

Losgelöst von der Plattform: Nutzen die heimischen Unternehmen die Möglichkeiten des Onlinehandels Ihrer Einschätzung nach bereits ausreichend? Nein, das tun sie nicht. Das liegt daran, dass E-Commerce lange von den Händlern nicht richtig verstanden wurde. Der Onlinehandel wurde zum Feindbild stilisiert. Das ist allerdings ein völlig falscher Zugang. Wenn eine neue Technologie oder ein neues Geschäftsmodell aufkommt, greift es zu kurz, wenn man sich dagegenstellt. Man kann die Entwicklung sowieso nicht verhindern. Man muss sich also positiv damit auseinandersetzen. Im Handel hat man aber gemeinsam mit den Verbänden und den Kammern versucht, den E-Commerce schlechtzureden und sich zu wenig darum gekümmert, eigene Alternativen aufzubauen. Die einzige Plattform ist shöpping. Wir haben sie von Anfang an als Meilenstein auch für kleine Händler gesehen, die allein mit einem eigenen Shop nie relevant werden können.

Laut Handelsverband sind die Ausgaben im Onlinehandel 2020 auf ein Rekordniveau von 8 Mrd. Euro gestiegen. Haben Sie eine Vorstellung, wohin sich die Volumina in den nächsten Jahren entwickeln werden? Der E-Commerce-Markt hat noch ein immenses Wachstumspotenzial, und wir werden weiter kräftig investieren, um die Entwicklung bestmöglich nützen zu können. Man denke beispielsweise an den Bereich der Lebensmittel. Der hat ein enormes Potenzial. Egal, ob es um frische Waren oder um das Trockensortiment geht. Das hat sich in Österreich noch nicht wirklich durchgesetzt. Vielleicht auch, weil die meisten Lebensmitteleinzelhändler versuchen, die Zustellung selber zu übernehmen. Wir bieten diesen Service ebenfalls an und sind laufend in Gesprächen mit verschiedenen Händlern. Ich hoffe, dass wir da in Zukunft noch mehr zusammenbringen werden.

Der Transport wird vermutlich einen wesentlichen Teil zur Erreichung der Klimaziele beitragen müssen. Wie funktioniert die CO2-neutrale Zustellung der Post? Wir haben zunächst unseren Footprint deutlich reduziert, indem wir einen Teil unseres Fuhrparks auf Elektro umgestellt haben und mit 2.100 Fahrzeugen mittlerweile die größte E-Flotte des Landes haben. Zudem haben wir den Energieverbrauch unserer Gebäude gesenkt. Natürlich brauchen wir auch noch weiterhin Energie, wir beziehen sie aber nur mehr aus nachhaltigen Quellen aus Österreich. Was wir nicht reduzieren können, kompensieren wir. Dieser Rest wird allerdings immer kleiner. Auch, weil wir zum Beispiel in einem Projekt mit der OMV am Thema Wasserstoff als Antrieb arbeiten. Das wird vor allem für den Langstreckenverkehr und für den Gütertransport relevant sein.

„Wer sich Kundenwünschen verschließt, verliert den Anschluss.“​

Lässt sich die stetig wachsende Anzahl der Pakete, die durch den Onlinehandel unterwegs sind, auf diese Weise wirklich ausgleichen? Tatsächlich ist es so, dass der E-Commerce schon jetzt wesentlich CO2-schonender ist als der stationäre Handel. Die Zusteller sind ja im Gegensatz zu Privatpersonen, die shoppen gehen, nicht nur mit einem Produkt unterwegs. Vielmehr werden zum Beispiel die Routen optimiert und Leerfahrten vermieden.

Sie waren bei der Unternehmensberatung McKinsey und bei der Deutschen Telekom tätig. Haben Sie aus diesen Bereichen Erfolgsstrategien mitgenommen, die Sie in der aktuellen Transformationsphase anwenden können? Veränderungsmanagement: Das ist die große Überschrift, die ich immer über meinem Handeln gesehen habe. Mein Ziel war es stets, Unternehmen so aufzustellen, dass sie mit Veränderungsherausforderungen erfolgreich umgehen können. Bei der Telekom Deutschland habe ich den rasanten Aufbau einer Branche gesehen, aber auch, wie sich die Welt verändert, wenn Stagnation kommt. Und Ähnliches erleben wir jetzt wieder bei der Post. Wir sehen ein rückläufiges Briefgeschäft, aber auch das boomende Wachstumsgeschäft mit Paketen. Neu ist jetzt nur die Beschleunigung der Veränderungsprozesse aufgrund der Pandemie. Organisationen sind umso erfolgreicher, umso offener sie sich Herausforderungen stellen. Unternehmen müssen innovativ und kundenorientiert sein, wenn sie Krisen überleben wollen. Wer sich Kundenwünschen verschließt und keine Antworten findet, verliert den Anschluss.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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