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Wer hat, der hat auch weiterhin

06.11.2015

Geld ist ungleich verteilt. Schätzungsweise 40 Prozent der Bevölkerung können  von Vermögen nur träumen. Der OECD-Experte Michael Förster zeigt Ansätze zu einem Kurswechsel auf, der sich auch auf das Wachstum positiv auswirken könnte.

Interview: Alexandra Rotter

Seit wann entwickelt sich die Schere zwischen Arm und Reich so stark auseinander?

In den letzten drei bis vier Jahrzehnten haben die Ungleichheiten beim Einkommen in rund vier Fünftel der OECD-Länder zugenommen. Diese Entwicklungen haben allerdings in den verschiedenen Ländern in unterschiedlichen Zeiträumen stattgefunden.

 

Statistisch steht Österreich bei der Einkommensgleichheit im OECD-Schnitt im ersten Drittel.

Ja, aber am Ende des ersten Drittels: auf Platz zehn der 34 Mitgliedsländer. Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre gab es einen leichten Anstieg an Einkommensungleichheiten. Seitdem ist das etwa gleich geblieben. Bei diesen Zahlen geht es nicht um individuelle Löhne und Gehälter, sondern um Haushaltseinkommen: Erstere sind auch ungleicher verteilt, aber es gibt ein Umverteilungssystem, das zwar nicht sehr zielgerichtet, aber breit angelegt ist.

 

Wie stellt sich das Bild bei Vermögen dar?

Da stehen unsere Analysen noch am Anfang. Die Schätzungen beruhen auf Befragungsdaten: Löhne und Gehälter werden durch Befragungen gut abgebildet – die Ergebnisse stimmen zu 90 bis 95 Prozent mit der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung überein. Bei Kapitaleinkommen sind es nur noch 50 bis 70 Prozent Gleichklang. Bei Vermögen ist es noch schwieriger. Wir konnten in unserer letzten Studie aber immerhin 18 OECD-Länder miteinander vergleichen.

 

Welche Aussagen können Sie treffen?

Die Hälfte des Privatvermögens wird von den reichsten zehn Prozent gehalten. Fast die ganze zweite Hälfte wird von den nächst-reichsten 50 Prozent gehalten. Das heißt: Für 40 Prozent der Bevölkerung ist Vermögen praktisch eine Hypothese – abgesehen von Dingen wie etwa einem Auto. Bei Vermögenstiteln wie Häusern, Wohnungen und vor allem Finanztiteln gibt es eine große Konzentration – und diese ist nach derzeitigem Wissen in Österreich, auch in Deutschland und den Niederlanden höher als in vielen anderen Ländern. Das ist interessant, denn in diesen Ländern ist die Konzentration bei der Einkommensverteilung nicht so ausgeprägt.

 

Wie ist die Diskrepanz zu erklären?

Es gibt mehrere Erklärungen. Die pragmatische ist, dass im Unterschied zu südlichen Ländern weniger Menschen Häuser und Wohnungen besitzen. Die zweite stammt vom holländischen Ökonomen Bas van Bavel. Er sagt, es könnte sein, dass es auch an den Umverteilungsmechanismen in diesen Ländern liegt, welche sich besonders auf Markteinkommen konzentrieren, jedoch bezüglich Vermögen, Erbschaft usw. nicht so stringent sind oder nicht exis-tieren.

 

Wie entstehen Ungleichheiten?

Ein entscheidender Bereich sind strukturelle Änderungen am Arbeitsmarkt. Das spiegelt auch die Wirkung der Globalisierung wider. Einerseits kam es zur Beschäftigungspolarisierung: Am unteren und oberen Ende der Skala gibt es Zuwächse, aber nicht im mittleren Bereich, also bei Standardjobs wie Facharbeitern, wo 9-to-5-Jobs die Regel sind. In Deutschland hat man gesehen, dass das Beschäftigungswachstum bis zur Krise ausschließlich atypische Jobs waren, während Standardjobs weniger wurden.

 

Wie hat sich die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen verändert?

Langfristig gesehen haben sich die Unterschiede wie der Gender-Pay-Gap und der Employment-Gap, also die geschlechtsspezifisches Lohngefälle bzw. die Diskrepanz in der Beschäftigungsquote, verbessert. In asiatischen Ländern wie Japan und Korea sind die Ungleichheiten noch relativ stark vorhanden. Wichtig ist bei dem Thema, dass es mehrere Aspekte gibt: Beschäftigungsraten, Arbeitsmarktzugang, Löhne, aber auch der Haushaltsaspekt und eine Lohnspreizung innerhalb der Geschlechter.

 

Welche Rolle kommt Frauen in Bezug auf Ungleichheiten zu?

Wir haben festgestellt, dass die Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen der Einkommensungleichheit zwischen den Haushalten signifikant entgegengewirkt hat. Das ist eine wichtige Conclusio für die Politik: Eine der Bremsen für Ungleichheit liegt bei der zunehmenden Frauenaktivität.

 

Ungleichheiten wirken sich in vielen Bereichen aus, auch auf Sozialleistungen, Gesundheit oder den Zugang zu Bildung. Welche Erkenntnisse hat die OECD hier gewonnen?

Prinzipiell wirken stärkere Ungleichheiten wachstumshemmend. Dafür gibt es mehrere Erklärungsansätze. Wir haben uns den Bildungsansatz näher angeschaut. Bei hohen und zunehmenden Ungleichheiten kann ein guter Teil der Bevölkerung nicht ausreichend in Bildung investieren. Zum Beispiel werden die Kinder schnell auf den Arbeitsmarkt geschickt, damit das Haushaltseinkommen gesichert ist. Hohe Ungleichheiten sind somit eine Verschwendung von Ressourcen. Für Schülerinnen und Schüler, wo mindestens ein Elternteil Akademiker ist, ist die Höhe der Ungleichheit in einem Land egal. Sie haben auf jeden Fall höhere Werte, sowohl was die Länge der Schulbildung betrifft als auch ihre Performance. Hingegen spielen Ungleichheiten für jene, wo kein Elternteil die höhere Sekundarschule absolviert hat, eine große Rolle. Je höher die Ungleichheit eines Landes, desto schlechter fallen die Bildungsindikatoren aus, allerdings nur für Personen mit defavorisiertem Hintergrund. Und das erhöht auch ihr Risiko, nicht am Arbeitsmarkt teilzunehmen.

 

Was empfiehlt die OECD gegen Ungleichheiten?

Für alle Länder gilt, dass sie bei der Steuerpolitik keine Ausnahmen machen sollen. Es gibt zu viele Schlupflöcher – entweder durch die Regulierung selbst oder die Möglichkeiten der Steuerflucht. Wichtig ist als Nächstes die Inklusion von Frauen ins Arbeits- und Wirtschaftsleben. In Österreich wäre vor allem das Zur-Verfügung-Stellen von Betreuungs- und Pflegeplätzen für Kinder und ältere Personen wichtig. Des Weiteren sollte Arbeitsmarktpolitik nicht nur auf Jobquantität, sondern auch auf Jobqualität ausgerichtet sein. Schlussendlich sollten Reformen bei Sozialleistungen – monetäre wie auch Sachleistungen – auf deren Umverteilungsfunktion hin überprüft werden.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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