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Wenn Wochen zu Monaten werden

29.09.2015

Die EU will den Mittelstand in einer eigenen KMU-Woche hochleben lassen. Doch warum geht da kein Unternehmer hin? Und weshalb findet eine KMU-Woche ein halbes Jahr lang statt? Eine Recherche mit fünf Stationen.

Text: Gertraud Eibl

Zum siebten Mal findet sie in diesem Jahr statt, die European SME Week. Wie der Name schon sagt, ist die Veranstaltung auf „small and medium sized enterprises" zugeschnitten. Was genau auf der KMU-Woche passiert? Welche österreichischen Unternehmer mitmachen? Und welche Erwartungen erfüllt werden sollen? Wir fragen nach.

 

Station 1: Vertretung der Europäischen Kommission in Wien

Als erste logische Anlaufstelle dient die Vertretung der Europäischen Kommission in Wien. Dort erfährt man, dass es noch zu früh ist und wesentliche Infos erst kommen. Einen Tag später ist aber eine E-Mail mit exakt zehn Links zu Kommissionsseiten im Postfach. Toller Service, aber man landet dort, wo man eigentlich nicht hinwill: im Dschungel der Kommissionsdokumente. Immerhin führt der erste Link aber auch zu allgemeinen Infos. Die Erkenntnis: Die SME-Woche wird zum siebten Mal von der Europäischen Kommission initiiert, die Kampagne dient der Förderung des Unternehmertums in ganz Europa, und sie findet vom 16. bis 22. November statt. Wo, bleibt vorerst ein Rätsel. Ein weiterer Link führt zu einer Veranstaltungsdatenbank. Die verwirrt jedoch mehr, als sie nutzt, denn die eingetragenen Events sind über das ganze Jahr verstreut. Was in der einen Woche im November passiert, bleibt leider ebenso ein Rätsel. Vielleicht weiß ja jemand bei der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) Bescheid. Da sie als Kontakt- und Servicestelle dien, wenn es um EU-Förderungen für Unternehmer geht, wäre das nur logisch.

 

Station 2: Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) in Wien

Auch bei der FFG sieht das Spiel ähnlich aus: Ein Anruf und wenige Stunden später finden sich Infos im Postfach. Sie geben Auskunft über Förderungen und Programme in den Bereichen Forschung, Entwicklung und Innovation und über EU-Initiativen für KMU – sind doch 99 Prozent der Unternehmen in der Europäischen Union Klein- und Mittelständler. Unser Ansprechpartner nennt einen Kontakt im Wirtschaftsministerium. In Österreich koordiniert nämlich das BMWFW gemeinsam mit der Wirtschaftskammer die Veranstaltungen und Aktivitäten der SME-Woche. Die Spur wird heißer.

 

Station 3: Vertretung der ­Wirtschaftskammer Österreich in Brüssel

Wir rufen zuvor noch in Brüssel bei der WKO-Vertretung an, denn das scheint der direktere Weg zu sein. Dort erfahren wir vor allem eines: Die Woche ist ein „Political Statement". Es gibt eine Auftaktveranstaltung, die SME Assembly in Luxemburg, und eine Preisverleihung. Nicht in Brüssel? Nein, der Startschuss ist am Ort der EU-Ratspräsidentschaft. Okay, das ist sinnvoll. Unternehmer werden wir dort allerdings nicht finden, weil an politischen Veranstaltungen wie dieser hier eher Vertreter der EU-Institutionen interessiert sind. Klein- und Mittelständler träfe man auf den Veranstaltungen in den Mitgliedstaaten. Das klingt irgendwie nach Selbstzweck. Und: Wer ­sackelt dann in Luxemburg die Preise ein? Die Kommission für ihre politischen Papers? Vielleicht sollten die weiteren Recherchen dem Subsidiaritätsprinzip folgen, weil ja alles ganz bürgernah passiert in der EU. Trifft sich gut, denn die Brüsseler Expertin verweist auf ihren Kollegen in der Wiedner Hauptstraße.

 

Station 4: Wirtschaftskammer Österreich in Wien

Es bleibt spannend, denn das Telefonat beginnt mit einem „Oje" und einem tiefen Seufzer. Ob der WKO-Experte vielleicht ein Programm hat für die eine Woche? Schließlich wird jedes Dorffest Monate im Voraus geplant. Wenn die Kommission EU-weit eine KMU-Woche macht, und das nicht zum ersten Mal, warum weiß dann niemand, ob und wo das Programm zu finden ist? Die Antwort: Weil diese Woche eine Propaganda- und Pro-forma-Aktion der EU sei. Jedes Jahr werde versucht, sie durchzuwurschteln. Das Ganze interessiere „draußen" absolut niemanden.

Aber Unternehmen werden doch zur SME-Woche nach Luxemburg kommen? „Die sind mir noch nicht untergekommen", sagt der Experte. Leider sei nichts Positives zu berichten, auch nicht nach einer Sitzung im Zuge der Organisation der SME-Woche, die schon im Juni stattgefunden hat. Es sei nun so, dass die KMU-Woche mangels Erfolgs auf ein halbes Jahr ausgedehnt wurde. Der Name des Events ist also nicht wirklich zutreffend. Also doch keine Woche, sondern ein KMU-Halbjahr? Na ja, offiziell nicht, aber so ungefähr schon, denn in einer Woche ließe sich halt wenig zusammentragen. Woche beziehungsweise Halbjahr hin oder her – der Stempel „KMU-Woche" müsse drauf, damit es etwas hermacht.

Von offizieller Seite heißt es anders: „Die 7. Europäische KMU-Woche findet europaweit vom 16. bis zum 22. November 2015 statt. Für die teilnehmenden Länder besteht über die 47. Kalenderwoche hinausgehend die Möglichkeit, weitere KMU-politisch relevante Events, welche im Laufe des gesamten Jahres 2015 organisiert wurden bzw. werden, unter dem Dach (und mit dem Logo) der Europäischen KMU-Woche 2015 zu veranstalten." Das Bild bleibt trübe.

 

Station 5: Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft

Mit der Bitte um ein paar offizielle Antworten auf unsere Fragen rufen wir im Wirtschaftsministerium an. Und siehe da: Es gibt nicht nur eine Linksammlung, sondern zugeschnittene Antworten und Informationen darüber, was in Österreich passieren wird. Und das ist nicht einmal so wenig (s. Kasten). Das Fazit: Die zentrale Organisation der KMU-Woche gestaltet sich scheinbar schwierig. Klar, bei 21 Millionen KMU, die in Europa 58 Prozent der Wertschöpfung erzeugen und 87 Millionen Menschen beschäftigen, ist das kein Spaziergang. Doch was sagt es aus, wenn eine Institu­tion wie die Kommission sich so schwertut, Unternehmer zu mobilisieren? Warum braucht es einen Namen, der wie eine Mogelpackung wirkt? Und wieso muss man so viele Stationen abklappern, um an Informationen zu gelangen? Bleibt nur, für die nationale Umsetzung weiterhin viel Erfolg zu wünschen. Weiterhin, weil einige Veranstaltungen der KMU-Woche offenbar schon im Sommer stattgefunden haben. Möge das Subsidiaritätsprinzip vollste Wirkung entfalten.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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