Wenn Unbesiegbare verwundet sind | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt
Die Erste ­ihrer Art: Sigmund Freuds Therapie­couch.

Wenn Unbesiegbare verwundet sind

28.06.2017

Wirtschaftshelden reden nicht gern über ihre Psychotherapie. Oft wissen sie gar nicht, dass sie eine machen. Denn die Grenzen zum ­Coaching sind fließend.

Manchmal graben Headhunter tief. Tief in die Seelen ihrer Kandidaten, um deren Stärken und Schwächen auszuloten. Dabei fällt ihnen etwas auf: dass viele großartige Bewerber Themen haben, mit denen sie eigentlich auf die Therapeutencouch gehören. Keine bösen Knackse, weit gefehlt. Sondern Rucksäcke, die ihnen ein gewöhnlicher Coach nicht abnehmen kann. „Kürzlich war ein Kandidat bei mir“, erzählt Amrop Jenewein-Partner Andreas Philippitsch, „seit 40 Jahren in derselben Kanzlei und noch immer nicht Partner. Ich wusste gleich: Das liegt an der Familie.“ Und tatsächlich: ein dominanter Vater, dem es der Sohn nie recht machen konnte, daher die Suche nach Anerkennung im Job. Dabei stellte sich der Sohn aber so an, dass er die höchste Stufe nie erreichte. Weil das Verrat am Vater gewesen wäre. Den Kandidaten durchfuhr die Erkenntnis wie ein Blitz. Der Jobwechsel war kein Thema mehr. Er ließ sich umgehend einen guten Therapeuten empfehlen.

Kindheitswunden und Nicht-loslassen-können: auf diese beiden Themen stößt Headhunter Philippitsch immer wieder. Ein Ex-Kandidat erzählte ihm, lange und vergeblich Job gesucht zu haben. Nach zwei Sitzungen beim Therapeuten war er an der Wurzel des Problems. Er hatte seine alte Firma und die Umstände seines Abgangs noch nicht bewältigt. Kaum hatte er beides losgelassen, war er auch schon weg vom Markt. 
Lassen sich Männer aber gern in die Seele schauen? Grundlos sicher nicht. Es braucht entweder gehörigen Leidensdruck, der sie die Sorge um den Nimbus ihrer eigenen Unverwundbarkeit überwinden lässt. Oder einen vertrauensvollen Rahmen, in dem sie ihre Geheimnisse in guten Händen wissen, und ein stichhaltiges Motiv. 

Wenn der Coach ein Psychologe ist

Unter Männern – Frauen sind da toleranter – gilt alles, was mit der Psyche zu tun hat, als Schwäche. Das ist auch der Grund, warum um die Jahrtausendwende die Coachingwelle so schnell Fahrt aufnahm. Coaching ist ressourcenorientiert, unterstützend und leistungssteigernd – das kann auch der erfolgsbewusste Wirtschaftskapitän akzeptieren. Der Coach fokussiert auf Sachthemen, hilft, Optionen auszuarbeiten und fügt selbst die eine oder andere hinzu. Ist aber die Grenze zwischen Beanspruchung und Belastung überschritten und zeigen sich die ersten körperlichen Symptome, ist eine psychologische und oft auch medizinische Behandlung angesagt. Vielen ist dabei gar nicht bewusst, dass ihr Coach in Wahrheit Psychologe ist. Das hat gute Gründe. Um ihre leistungsorientierten Klienten nicht zu verschrecken, nennen sich viele Psychologen lieber Coaches und tarnen ihre Seelenkompetenz hinter taffen Bezeichnungen wie Management- oder Wirtschaftscoach. 

Eine solche ist die Wiener Psychologin (offiziell: „Wirtschaftspsychologin und Coach“) ­Elfriede Schallert. Bei ihren Klienten punktet sie mit eigener Managementerfahrung und souveränem Beherrschen der Konzernsprache: „Ich weiß, wie es in der Linie abgeht.“ Zu ihr komme niemand, weil er an psychischen Problemen arbeiten wolle, sagt sie: „Die Auslöser sind immer Veränderungsprozesse im Unternehmen: Umstrukturierungen, Zusammenlegungen, Abteilungsauflösungen.“ Alles Themen, die den Druck auf die Manager oft bis ins Unerträgliche steigerten. Der aber werde nie als solcher angesprochen: „Es sagt niemand: Ich schlafe schlecht oder ich kippe ins Burn-out.“ So viel Schwäche dürften sich die Herren in ihrer Selbstwahrnehmung gar nicht eingestehen. 

Alte Muster auflösen

Stressverarbeitung habe viel mit in der Kindheit erlernten Mustern zu tun – womit wir wieder bei Herkunftsfamilie, Geschwisterkonstellation und Vater/Mutter-Verhältnis wären. Perfektionisten etwa sind besonders gefährdet auszubrennen. Sie haben als Kind gelernt, nur dann OK zu sein, wenn sie perfekt funktionieren. Dessen sind sie sich aber nicht bewusst und lassen sich jede Arbeit aufhalsen. Muster wie diese lassen sich oft schon nach wenigen Therapiestunden auflösen – wenn denn der Klient mitspielt. 

Der Wiener Wirtschaftspsychologe Alfred Lackner erzählt von einem Klienten, der mit massiven Burn-out-Symptomen (die Klassiker: Depression, Leistungsabfall, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Erektionsstörungen) zu ihm kam, die Behandlung aber bald abbrach: „Er hätte von Termin zu Termin Hausaufgaben erledigen, sich über bestimmte Dinge Gedanken machen sollen. Aber er sagte immer, er hat so viel zu tun, dass er nicht dazukommt. Da kann ich ihm auch nicht helfen.“ 

Wirtschaftspsychologin Schallert lässt – nachdem sie die körperlichen Symptome medizinisch abklären hat lassen – ihre oft prominenten Klienten erst einmal nur erzählen: „Sie müssen Abstand finden, einen Ort, an dem sie sich damit beschäftigen können, was los ist, wo sie drinnen stecken – und ob sie das überhaupt wollen.“ Unter Einsatz ihres beachtlichen therapeutischen Methodenkastens (von Aufstellungen bis Visualisierung) führt sie den Klienten zur Erkenntnis, dass seine Probleme aus Überlastung resultieren: „Ich arbeite immer zuerst mit dem Kopf: ‚Beschreiben Sie mir, erklären Sie mir‘, und hinterfrage alles. Er muss selbst zu der Einsicht kommen, dass er sein Leben ändern muss. Ist sie einmal da, helfe ich ihm, Lösungen zu kreieren. Erst dann sprechen wir die Körperebene an.“ Nur ganz wenigen Klienten sei schon vorher klar, dass ihr Körper längst mit Symptomen reagiere: „Kürzlich erzählte mir einer schon beim Erstgespräch, dass er immer Herzrasen bekommt, wenn er seinen Chef sieht. Das kommt nicht oft vor.“ Aber, typisch Manager: „Wir bleiben immer ergebnisorientiert.“

Und die Psychopathen?

So mancher prominente Manager und auch der eine oder andere Politiker sind pathologische Fälle. Apples Steve Jobs und GE-Legende Jack Welch hatten psychopathische Züge, Amazons Jeff Bezos narzistische. Solche Kandidaten gibt es natürlich auch hierzulande, doch leider: Sie kommen selten in die Therapie. Jedenfalls nicht freiwillig. Gelegentlich bekommen es die Psychologen allerdings mit Narzisten zu tun. Aber wer sich für den Nabel der Welt hält, hat selten Leidensdruck. Und, so Schallert: „Ein ­bisserl narzistisch darf man schon sein.“

Psychische Störungen: Woran man sie erkennt

Depression und ihr Gegenstück, die Manie, zählen zu den affektiven Störungen. Depressive Menschen sind niedergeschlagen, antriebslos und unfähig, Freude zu empfinden. Manie zeigt sich in grundloser Hochstimmung, Selbstüberschätzung und Maßlosigkeit.  

Die gängigsten Ängststörungen im beruflichen Kontext sind Agoraphobie (Angst vor anderen Menschen) und Soziale Phobie (Angst, im Mittelpunkt zu stehen). Der Betroffene versucht mit oft nicht nachvollziehbaren Begründungen, die angstauslösende Situation zu vermeiden. 

Wie alle psychischen Störungen spielt sich auch die Schizophrenie im Inneren, im Gefühls- und Gedankenleben ab, ist aber an äußeren Handlungen zu erkennen. Die zeigt sich in Trugvorstellungen, man hört Stimmen und ist unfähig, sein Denken noch zu kontrollieren. 

Bei einer Persönlichkeitsstörung reagiert der Betroffene in unangemessener Weise auf soziale Situationen und Herausforderungen. Bei der paranoiden Störung etwa wird selbst freundliches Verhalten feindlich interpretiert.

Ein Burn-out-Syndrom entwickelt sich stufenweise und ist ab einem bestimmten Grad nicht mehr ohne professionelle Hilfe lösbar. Symptome sind Überarbeitung, Rückzug und Zusammenbruch. 

Krankhafter Narzissmus bezeichnet übersteigerte Selbstbezogenheit und Selbstverliebtheit, die sich oft in auffallender Rücksichtslosigkeit äußert. 

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