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Wenn Not Innovation schafft

15.05.2019

Unzählige Unternehmen beweisen, dass in Krisen eine Chance stecken kann, um so richtig durchzustarten. Das ist die Geschichte vom Turnaround von KTM.

TEXT STEPHAN STRZYZOWSKI

DIE KRISE: Das Jahr 2008 hat für Unternehmen weltweit jede Menge böse Überraschungen bereitgehalten. Im Zuge der amerikanischen Subprime-Krise gerieten das gesamte Finanzsystem und auch die Realwirtschaft massiv ins Schleudern. Der IWF schätzte im April 2009 die Gesamtverluste auf 4,1 Billionen US-Dollar. Die unmittelbare Folge war eine nachhaltige Verunsicherung der Konsumenten. Und genau diese bekam der Motorradhersteller KTM aus dem Innviertel massiv zu spüren. Stefan Pierer, Mehrheitseigentümer und CEO der Firma, erinnert sich: „Die Finanzkrise 2008 hat uns voll getroffen. Der Markt ist weltweit in sich zusammengebrochen, teils um mehr als 50 Prozent, bei uns Gott sei Dank nur um 25 bis 30 Prozent.“

Dass in einer Phase der Verunsicherung auch noch so begeisterte Motorradfans den Neuerwerb lieber auf die lange Bank schieben, darf nicht überraschen. Das Motorrad sei in den entwickelten Ländern ja eher ein Sportartikel und auch ein wenig Luxus, meint Pierer. Insofern spiegle es den Zustand des Konsumklimas recht präzise. Viele Menschen hätten um ihre Jobs gefürchtet, da wurden alle Investitionen erst einmal aufgeschoben. Darüber hinaus war auch der Kapitalmarkt tot. Und das war vor allem in den USA ein wesentlicher Faktor, wo der Konsum generell stark kreditfinanziert ist. „Es war eine echt harte Zeit“, sagt Pierer rückblickend. Doch für den Unternehmer war die Situation kein Grund, um den Kopf in den Sand zu stecken. Vielmehr betrachtet er Krisen grundsätzlich als geeignete „Ausgangssituationen für spätere Erfolgsgeschichten“.

DIE WENDE: Anstatt also in Schreckstarre zu verfallen, meldete das Unternehmen Kurzarbeit an und griff auf eine Landeshaftung zurück. Heute bezeichnet Stefan Pierer die Krise als Anlass zur „erzwungenen Innovation“. „Wenn es Spitz auf Knopf steht, wird man entweder aktiv oder man stirbt“, meint der Unternehmer. Natürlich müsse man aber die richtigen Entscheidungen treffen.

Bei KTM hieß das, als Erstes die Kosten massiv zu reduzieren. „Wir haben alles abgeworfen, was man nicht braucht.“ Doch für einen Bereich galt die Kostenbremse nicht: die Entwicklung. Denn: „Aus der Krise kommt man nur mit neuen Produkten raus“, zeigt sich Pierer überzeugt. Der Grund liegt auf der Hand. In einer schwierigen Situation müsse man die bestehenden, alten Produkte discounten. Doch sobald die Finanzierung wieder funktioniert und sich das Klima wieder normalisiert hat, gilt es, mit neuen Produkten bei den Konsumenten zu punkten und sich entsprechend zu positionieren. Wer dann nur alte Ladenhüter anzubieten hat, gerät ins Hintertreffen. Dass diese Strategie voll aufgehen konnte, lag auch am strategischen Partner, den Pierer 2007 an Bord geholt hatte. Mit der Hilfe des indischen Motorradproduzenten Bajaj wurden Einstiegsmotorräder produziert, die bei vielen Konsumenten nach dem Abflauen der Krise gut ankamen. „Wir haben viele Neuheiten geboten, mit denen wir am Markt punkten konnten“, meint Pierer. Das sei ausschlaggebend für den weiteren Erfolg gewesen.

Zudem habe man volle Kraft in den Vertrieb gelegt. In einer schwierigen Situation müsse man auch mit den Händlern zusammenstehen, das gäbe Motivation. „Geteiltes Leid ist halbes Leid. Man darf nicht den Mut verlieren“, lautete die Devise des Marktführers. Da durch die Kurzarbeit so wenige Mitarbeiter wie möglich abgebaut wurden, konnte KTM auch rasch wieder durchstarten. „Schon nach einem halben Jahr sahen wir die ersten Lichter am Ende des Tunnels“, erzählt Stefan Pierer. Das schnelle Reagieren habe KTM auch in seiner Position am Weltmarkt weitergebracht. Die Konkurrenz aus Japan habe gut zwei bis drei Jahre gebraucht, um sich zu erholen. Als KTM dann 2013 Husqvarna übernahm, war das Unternehmen wieder voll auf Kurs.

DAS LEARNING: Die zentrale Erkenntnis des heute größten europäischen Motorradherstellers? Krisen müsse man aktiv nützen. Auch um die Mannschaft zusammenzuschweißen. Pierer ist überzeugt, dass man den Spirit über viele Jahre mitnehmen könne.

Wenn die Geschäfte bestens gehen, sei es schwieriger, Dinge zu ändern. Wenn es schlecht läuft, ginge das einfacher. Entsprechend gut müsse man Krisen als Chancen wahrnehmen, um zu restrukturieren und um wieder eine positive Aufbruchsstimmung zu erzeugen. Eine Übung, die gelungen sein dürfte, wie ein Blick auf die Zahlen beweist: Der Umsatz verdoppelte sich zwischen 2011 und 2018 von 527 Mio. auf rund 1,56 Mrd. Euro. Im gleichen Zeitraum stiegen der Gewinn nach Steuern von 21 auf 108 Mio. Euro und die Mitarbeiterzahl von 1755 auf 4300. Die KTM-Gruppe hat 2018 insgesamt 212.899 KTM- und 48.555 Husqvarna-Motorräder verkauft, bis 2022 sollen es 400.000 sein. „Das Wachstum in den nächsten fünf Jahren wird überwiegend aus den Emerging Markets kommen, Asien – speziell Indien – und Lateinamerika“, erwartet Pierer. Für ihn steht fest: „Unsere heutige Stärke ist aus der Krise geboren.“

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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