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Wenn die Inbox voll ist

13.04.2015

Personalkürzungen, enge Auftragsfristen und unklare Aufgabenstellungen sorgen dafür, dass die Arbeit nicht nur unbefriedigend ist, sondern auch psychisch krank macht. Dabei würden schon kleine Änderungen viel bewirken.

Text: Alexandra Rotter

Kennen Sie das? Es landen massenhaft E-Mails in Ihrer Inbox. Sie haben keine Chance, alle zu bearbeiten, geschweige denn zu beantworten. Sie können nur einen Bruchteil erledigen – das Wichtigste, wie Sie hoffen. Irgendwann ist die Box voll, Sie haben keine Zeit zum Ausmisten, und neue E-Mails können Sie auch nicht empfangen. Dieses Bild ist nicht nur Alltag in vielen Berufen – es kann auch symbolisch für die steigende Belastung am Arbeitsplatz gelesen werden. Schließlich ist auch das Gehirn so etwas wie eine Inbox: Lange lässt es sich befüllen, doch wenn es keine Gelegenheit bekommt, Unnötiges und Belastendes zu entrümpeln, kommt es irgendwann zum Error.

Die Statistik zeigt: Immer mehr Mitarbeiter fallen aufgrund psychischer Erkrankungen aus. So waren 2014 psychische und Verhaltensstörungen bereits der Grund für 8,4 Prozent der Krankenstandstage in Österreich. Noch erschreckender: Im Schnitt ist ein psychisch kranker Mitarbeiter fast 40 Tage lang krank. Besonders für ein kleineres Unternehmen kann so etwas eine mittlere Katastrophe bedeuten.

 

Ein gesundes Maß

„Gestützt durch die neuen Technologien geht heute alles viel rascher. Man muss immer schneller reagieren", sagt Elsbeth Huber, Leiterin der Abteilung Arbeitsmedizin im Zentral-Arbeitsinspektorat des Sozialministeriums. Gerade KMU seien oft mit engen Zeitvorgaben konfrontiert. Huber: „Man muss der Arbeit wieder ein gesundes Maß geben." Dass das rechte Maß oft überschritten wird, bestätigt auch eine kürzlich veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung und Barmer GEK, für die 1.000 Erwerbstätige in Deutschland befragt wurden. 42 Prozent der Befragten gaben an, dass ihr Arbeitsumfeld von steigenden Leistungs- und Ertragszielen geprägt ist. Stolze 18 Prozent gelangen oft an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Jeder Achte erscheint sogar krank im Unternehmen, und 23 Prozent verzichten im Alltag auf Pausen.

Zwar gibt es gesetzliche Regelungen, die Arbeitnehmer vor übermäßigen Belastungen schützen sollen, doch was zählt, ist, wie ernst es Arbeitgeber mit der Erhaltung der psychischen Gesundheit ihrer Mitarbeiter meinen. Siegfried Meryn, Facharzt für Innere Medizin, kritisiert, dass es beim Schlagwort Gesundheitsmanagement meist nur um das Reduzieren von Fehlzeiten geht. Für sinnvoller hält er es, intelligente Programme zum Abbau von Krankheitsrisiken zu installieren, wie es manch großes Unternehmen macht. Entscheidend sei auch der tägliche Umgang miteinander. „Wir leben in einer Zeit, in der wir nicht auf uns achten. Die Entwicklung einer Kultur der Achtsamkeit für die Mitarbeiter und deren Gesundheit sowie Lob und Anerkennung fördern die Zufriedenheit am Arbeitsplatz", sagt Meryn.

 

Früh Zeichen erkennen

Psychische Krankheiten wie Depressionen oder Angst- und Panikstörungen könnten frühzeitig vermieden werden. Wer etwa häufig Kopf- oder Magenschmerzen hat, schlecht schläft oder sich ständig schlapp fühlt, sollte die Alarmglocken schrillen hören. Doch viele nehmen die Symptome nicht ernst oder versuchen sie mit einem Thermenwochenende zu „behandeln". „Wellness hilft nicht in Burnoutphasen", warnt Dolf Dominik, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Chiropraktiker und Psychotherapeut. Dominik hat 2010 in Bad Gleichenberg „Die Klause", ein privates Gesundheitszentrum mit ganzheitlichem Ansatz, gegründet. Viele seiner Gäste haben psychosomatische Beschwerden und kommen für drei Tage bis drei Wochen. Manche werden sogar vom Arbeitgeber hierhergeschickt.

Nach einem ausführlichen medizinischen Gesundheitscheck und einer Erhebung des Burnoutrisikos wird ein Behandlungsprogramm individuell zusammengestellt, wobei Entspannung, Training und Ernährung ebenso eine Rolle spielen wie das Erarbeiten von Verhaltensänderungen. Veränderung ist für Dominik ein wichtiges Stichwort: „Die Klause ist ein Platz für Veränderungsprozesse – und zwar auf körperlicher Ebene, bei der Ernährung und der Lebensqualität." Am Ende eines Aufenthalts sollten eine Leistungsstabilisierung und ein positiver Zugang zur Arbeit stehen. Bei Testmessungen zeigt sich meist eine deutliche Verbesserung der Belastbarkeit.

Was eigentlich, wenn eine Führungskraft vermutet, dass ein Mitarbeiter psychische Probleme hat? Darf man das überhaupt ansprechen? Schließlich ist Krankheit auch rechtlich gesehen Privatsache. Elsbeth Huber vom Sozialministerium: „Es geht nicht darum zu fragen: Hast du eine psychische Erkrankung? Oder: Hast du Schlafstörungen?" Entscheidend sei, ob die Arbeitsbelastung zu hoch ist – und das darf und soll man als Chef fragen. Und nicht zuletzt: Neben der Wertschätzung und Anerkennung im Alltag sollte regelmäßig hinterfragt werden, ob die gestellten Aufgaben auch klar genug sind. Denn kaum etwas zermürbt so sehr wie sich ständig ändernde Vorgaben – und das daraus entstehende Gefühl, ständig die Inbox checken zu müssen.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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