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Wenn alles anders wird

30.03.2020

Wird die Corona-Krise die Wirtschaft nachhaltig verändern? Eine Analyse vom Trendforscher Matthias Horx.

Es gibt im Prinzip zwei Möglichkeiten, über die Zukunft nach Corona nachzudenken. Also über die Frage, was sich durch diese weltumspannende Krise tatsächlich verändern wird. Modell A, ich nenne es das Rückwärts-Szenario, geht davon aus, das nach einer bestimmten Zeit, sagen wir einem Jahr, alles genau so sein wird wie früher. Die Flugzeuge fliegen wieder übervoll am Himmel, mit stetig steigenden Fluggastzahlen. Die Autos stauen sich endlos, die Konsummärkte sind überfüllt, wir haben wieder drei Prozent Weltwirtschaftswachstum, der Export brummt.

Szenario 2 wäre eine Welt, die anders ist. Die eben nie mehr so wird, wie früher. Das heißt sicher nicht, dass alles vollkommen anders wäre - es werden Autos fahren und es werden Flugzeuge fliegen, und auch Fußballspiele finden wieder statt. Aber dennoch hätte alles eine andere Richtung genommen. Und zwar auf vielen Ebenen, sozial, politisch, ökonomisch, im Werte-Bereich. Es hätte ein Wandel stattgefunden, der die ganze Gesellschaft, die Politik, auch die Wirtschaft, auf einen anderen Kurs bringt. Ein Big Shift, ein Epochenbruch.

So würden wir zum Beispiel anders kommunizieren. Wir hätten uns weitgehend von der zappeligen Kommunikation der Vor-Corona-Zeit verabschiedet. Wir würden das Internet zwar mehr nutzen, aber sinnvoller, humaner. Die ewigen Shitstorms und Hassorgien, die populistischen Erregungen und Zerstreitungen hätten deutlich abgenommen. Die Herrschaft der "Sozialen Medien" über das Denken, das Fühlen, den gesellschaftlichen Diskurs, hätte sich stark relativiert. Wir würden auch wieder mehr Bücher lesen, langsamere Kulturtechniken präferieren, nachdem wir alle Horror-Krimis auf Netflix durchgebingt hätten.

Es wäre eine neue Höflichkeit eingekehrt und geblieben. Wir gingen sorgsamer miteinander um. Und auch mit uns selbst.

Die Gesundheitsmärkte boomen. Aber nicht nur die der Hygiene- und Seuchenvermeidungsmärkte, sondern auch die Märkte der nachhaltigen Gesundheit, Bio, Regional, Solar sowie Cradle-to-Cradle. Was vor der Krise nur Randmärkte waren, sind nun die zentralen, markttreibenden Sektoren.

Krankenschwestern und viele andere Service-Berufe würden besser bezahlt, und mehr wertgeschätzt. Care-Berufe erführen einen neuen Boom, auch jenseits des klassischen Medizinsektors. Die Kulturbranche würden nicht aus Mangel an Nachfrage darben, sondern im Gegenteil: Kunst, Kultur, Beratung, Innovation, Design, die kreativen Berufe generell, würden boomen.

Die Werbebranche allerdings hätte einen schweren Stand. Die aufdringliche Werbung, die sich in der Datenwelt durchgesetzt hat, dieses In-Den-Kopf kriechen, das Clickbaiting, wäre irgendwie aus der Mode gekommen. Das Publikum würde sorgfältiger mit Medien und deren Botschaften umgehen. Werbebotschaften würden einfach immer weniger gebraucht.

Ballermann-Strandpartys und grölende Fußballspiele wären ebenso aus der Mode gekommen wie Apres-Ski-Besäufnisse. In den erotischen Nachclubs Berlins würde man abenteuerliche Maskenspiele in Vollkörperschutz veranstalten. Nun ja. So richtig hebt das nicht mehr ab.  Auch die alten Brot-und Spiele-Vergnügungen, wie Dschungelcamp oder Big Brother sind nicht mehr so richtig sexy.

Wenn die Entschleunigung beschleunigt

Alles liefe ein bisschen langsamer. Und zwar dauerhaft. Die Flugzeuge würden ein bisschen langsamer besetzt. Die Sitzweite geht wieder auseinander. Die Bänder der Globalisierung liefen nicht mehr so schnell. Überall würden wieder Puffer eingebaut, Redundanzen, Resilienzen, Zwischenlager. Produktionen würden wieder lokaler, dezentraler, glokal eben.  Kleine Unternehmen und das Handwerk erleben eine Renaissance. Drei-D-Druck wäre schwer im Kommen. Man könnte in einer Fabrik plötzlich alles Mögliche bauen. Und die Fabriken wären deutlich kleiner, modularer. Viele Landebahnen, die in Planung sind, würden nicht gebaut. 

Der Corona Virus wäre also in seinen Nach-Wirkungen so etwas wie ein Verlangsamungs-Infektion gewesen. Er hätte die Entschleunigung beschleunigt, die sowieso fällig geworden wäre. Es hätte die heiß laufenden Effizienz-Maschinen, die den ganzen Planeten umspannt, irgendwie - verändert.

Alles auf Anfang?

Eine Gutmenschen-Theorie? Eine feuchte Grünen-Vision? Ich kenne keinen Wirtschaftsführer, keinen Manager (und ich kenne einige), der heute nicht über ganz andere Dinge nachdenkt als vor einem halben Jahr. Es geht jetzt nicht mehr um das Erreichen von Ebit-Zielen. Oder um die Expansion des eigenen Vertriebssystems. Es geht ums Ganze. Um die Frage, wie in einer Wirtschaft der Zukunft eine höhere Komplexität gelingt. Wie man tatsächlich aus der alten Industrie-Ökonomien herauswächst, zu Wertschöpfungsformen, die nicht mehr von einem ewigen Mehr, sondern von einem erweiterten Besser ausgehen. Wie Innovationen anders und besser gewichtet werden können. Besser für Mensch, Natur, das Wohlergehen der Menschen, den Zusammenhalt der Gesellschaft. Damit wird man in Zukunft Geld verdienen, und zwar nicht zu knapp. Auf eine sehr verquere, paradoxe Weise hat das Corona-Virus uns Feuer unter dem Hintern gemacht, die Welt anders zu denken.  Aber diesmal richtig.

Autor/in:
Matthias Horx

Matthias Horx hat 1998 das Zukunftsinstitut mit Sitz in Frankfurt und Wien gegründet. Er ist der profilierteste Redner zum Thema Trends im deutschsprachigen Raum und als Zukunftsberater für namhafte Firmen tätig.

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