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Wenn alle Hüllen fallen

17.05.2017

Viele jammern über riesige Plastikmüll­berge und füttern sie doch täglich selbst – auch beim Konsum grüner Bioprodukte. Andrea Lunzer dreht das System um. Und betreibt heute erfolgreich den ersten ver­packungsfreien Supermarkt Österreichs. 

Andrea Lunzer wollte auf keinen Fall einen Öko-Delikatessenladen, der kleine Dinge in Schachteln verkauft.
Man bekommt die Ware entweder im Mehrwegglas  oder füllt sie in Behälter.

Text: Peter Martens

Hohe Bogenfenster, edler Parkettboden, Regale in dunklem Grau, darauf einfache Holzkisten und viele Gläser: Andrea ­Lunzers „Maß-Greißlerei“ sieht anders aus als jeder Supermarkt. Auch die Auswahl der Waren wirkt puristisch – drei, vier Nudelsorten etwa statt einer meterlangen Auswahl. Der eigentliche, am meisten irritierende Unterschied: Die sonst allgegenwärtigen Verpackungen aus Plastik fehlen hier ganz. 

Der von Andrea Lunzer in der Nähe des Wiener Pratersterns betriebene Laden ist der erste verpackungsfreie Supermarkt Österreichs. Alle Lebensmittel hier kommen aus biologischem Anbau in der Region, viele von kleinen Landwirten im Burgenland. Alle gibt es völlig ohne Plastikverpackungen. Man bekommt die Ware entweder im Mehrwegglas oder füllt sie in Behälter, die jeder Kunde mitbringen oder bei Bedarf vor Ort kaufen kann. Die mitgebrachten Gefäße werden einfach an der Kassa abgewogen.

Radikale neue Greißlerei Im Aufbau und der Warenauswahl erinnert die „Maß-Greißlerei“ tatsächlich stark an eine klassische alte Greißlerei, ergänzt um einige Cafétischchen, an denen Getränke und selbstgemachte Mehlspeisen serviert werden. Doch das zugrundeliegende Konzept, ganz auf Plastik zu verzichten, wirkt in unserer Zeit radikal neu. Um Kunden die Umstellung so einfach wie möglich zu machen, hat Lunzer die Abläufe im Vorfeld mit einer Servicedesignerin zusammen entworfen: „Beim Einkaufen will ich keine ellenlangen Gebrauchsanweisungen lesen. Ich gehe in den Laden und sage: Ich brauche Zitronen!“, erklärt die junge Geschäftsführerin. Sehr wichtig war ihr auch die Ausrichtung auf den Alltagsbedarf. „Ich wollte auf keinen Fall einen Öko-Delikatessenladen, der kleine Dinge in Schachteln verkauft, mit einem Mascherl drauf und Schleifchen drumrum. Sondern wirklich im Alltag notwendige Lebensmittel.“

So gibt es nun alle echten „Basics“: Brot, Fleisch und ein dutzend Milchprodukte, frisches Obst und Gemüse, Nudeln, Reis, Gewürze, Getreide und Hülsenfrüchte bis hin zu Marmelade, Fruchtsäften, Essiggurkerln und schließlich auch Bier, Wein und Schnaps. Man kann sich Honig, Essig und Öl zapfen, aber auch biologisch abbaubare Reinigungsmittel abfüllen. Selbst Zahnbürsten aus Holz und Dachshaar warten hier neben Artikeln der Körperhygiene auf Kundschaft. 

Saftige Preise Unübersehbar wie das Fehlen der Verpackung sind heute auch die stattlichen Endpreise – sie sind gelegentlich niedriger als bei den großen Bioketten, aber sehr viel höher als in jedem Supermarkt. Damit wird Umweltschutz und gute Ernährung mit regionalen Produkten zu einer Angelegenheit des begüterten Bürgertums. Denn wer in Österreich einen großen Teil seines Einkommens für Miete und Heizung ausgeben muss, wird schwerlich wiederkommen. Andrea ­Lunzer lässt das Argument nicht gelten. Sie verweist auf ihre Lieferanten, alles Familienbetriebe und kleine Biobauern – die eben keine Millionen Liter ernten können. „Wir sind teuer. Aber nicht, weil es hier um eine lustige Marge geht, sondern wir sind am Limit. Und die lose Bioware ist bei uns trotzdem günstiger als in einem Biosupermarkt.“

Die 35-jährige Burgenländerin gehört mit ihrer Greißlerei zur Speerspitze der sogenannten „Zero Waste“-Bewegung, die sich die komplette Vermeidung überflüssigen Mülls zum Ziel gesetzt hat. Nur eine Handvoll rein verpackungsfreie Läden gibt es weltweit, der erste seiner Art war „Unpackaged“ in London. Einige Zeit nach dem Start der „Maß-Greißlerei“ ist der Laden „Original Unverpackt“ in Berlin dem Wiener Beispiel gefolgt. In Österreich bieten inzwischen das „Liebe & Lose“ in Innsbruck, das „Gramm“ in „Graz“ und „Der Greißler“ in der Wiener Josefstadt Lebensmittel an, die ganz ohne Plastik den Weg ins Regal finden. Als Informationsplattform der Szene dient das Netzwerk „Zero Waste Austria“. 

Handeln statt jammern Die Idee dahinter: Nicht länger eifrig nickend den Klagen über die böse Industrie zuhören, während wir alle weiter an jedem einzelnen Tag den Plastikmüllberg wachsen lassen, der inzwischen zu einem der größten globalen Probleme geworden ist. Plastik findet sich heute im Bauch von Vögeln, zwischen Sandkörnern großer Wüsten, auf dem Grund der Ozeane und an praktisch jedem Strand. Seine Substanzen erregen Krebs und machen unfruchtbar – und jedes einzelne Stück braucht Jahrhunderte, bis es zu Pulver wird. Jedes Jahr kommen viele Millionen Tonnen neu dazu. Recyceln lassen sich nur wenige Arten sortenreines Plastik und nur mit einem enormen Energieaufwand. Mischmaterialien oder Verbundstoffe aus Papier und Metall werden verbrannt – oder eben weggekippt. Und Einwegverpackungen aus Papier, Glas und Metall seien ökologisch besser, aber trotzdem schlimm genug, sagt Andrea Lunzer. Mit dem vielgelobten Kreislaufsystem der Wegwerfgesellschaft geht sie hart ins Gericht: „Recycling ist fast immer ein irrsinniger Aufwand an Energie und eine riesige Verschwendung von Material. All die Geschichten vom sauberen Recycling gibt es nur, damit wir besser schlafen können.“ 

Für Andrea Lunzer war das zentrale Vorbild ihre eigene Großmutter, eine typische Vertreterin der Nachkriegsgeneration. „Ich bin in einer Großfamilie im Burgenland aufgewachsen, meine Eltern sind seit den 1980ern Biobauern. Wir waren zum großen Teil Selbstversorger. Milch gab es aus der Kanne, die Nudeln selbst gemacht“, erzählt sie. Statt sich auf ein Leben als Bäuerin einzustellen, macht Lunzer nach der Matura „alles, was meine Eltern nicht gemacht haben“: Kunst, Mitarbeit bei einer Galerie, bei einem Musiklabel. Irgendwann studiert sie doch an der FH Wiener Neustadt, an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Marketing. Nach dem Masterabschluss arbeitet Lunzer in einer Beratungsfirma. Für den großen Diskonter Hofer verantwortet sie Marketing, Kommunikation und Verpackung der heute bekannten Marke „Zurück zum Ursprung“. „In diesem Job habe ich gesehen, wie wichtig Verpackung ist: In der Kommunikation zum Kunden, bei dem riesigen Anteil am Endpreis, als Hebel des Handels gegenüber den Erzeugern. Und ich habe sehr konkret gesehen, warum mein Mistkübel immer mit Plastik voll ist.“ 

In den Regalen stolzer grüner Bioketten liegen Bioweine aus Südamerika und Biosalz aus dem Himalaya, das aus demselben Gittermolekül besteht wie überall sonst, aber mit Erdöl über den halben Erdball hierher transportiert wurde. Und natürlich hübsch verpackt ist. Auch gegenüber diesem Segment ist Lunzers Urteil wenig schmeichelhaft: „Für mich sind die Einwegverpackungen in den Biomärkten wie ein Elefant im Raum, über den niemand spricht. Alle reden davon, dass man den Planeten retten muss und kaufen Produkte mit Schwermetall getränkter Tinte auf Plastiketiketten.“

2011 hängt Andrea Lunzer ihren gut bezahlten Marketingjob in der Biobranche an den Nagel und gründet den Verein „Unfold“, um Firmen bei der Einführung wirklicher nachhaltiger Verpackungen zu beraten. „Die Idee war, alle Stakeholder zusammenzubringen, Erzeuger, Handel, Politik. Alle haben mir zugestimmt, aber niemand wollte mitmachen“, erzählt sie. Doch sie spürt, dass es eine wirkliche Nachfrage geben könnte. 

Im Sommer 2013 sperrt dann plötzlich der türkische Supermarkt im Erdgeschoß ihres Wohnhauses zu. Die junge Burgenländerin macht Nägel mit Köpfen. „Innerhalb von drei Tagen habe ich mich entschlossen, es mit einem eigenen Laden zu probieren. Der direkte Weg zu den Kunden.“ Andrea Lunzer renoviert die Räume, stellt ihre Lieferanten zusammen, bestellt die Kassa. Auch die Finanzierung des Ganzen wird „zusammengestoppelt“, wie sie sagt. 

Bei der Eröffnung an einem Samstag im Jänner 2014 jedenfalls war der Laden rappelvoll. „Ich hatte das Gefühl, dass sehr viele Leute genau darauf gewartet haben. Das war schon eine tolle Bestätigung. Denn in der Konzeptphase kann einem das ja niemand sagen. Jetzt im Mai fängt die dritte Mitarbeiterin in Vollzeit an“, erzählt die Unternehmerin. Sie selbst verdient bis heute weniger als während ihrer ersten Anstellung, aber die Maß-Greißlerei schreibt inzwischen schwarze Zahlen. 

Das wirklich Überraschende nach der fröhlichen Eröffnungsfeier sei der Montag gewesen, so Lunzer: „Ab jetzt hieß es: täglich aufsperren. Aber es hat sich an jenem Montag langsam eingegroovt. Und bis heute nicht aufgehört.“ 

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