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Weniger Unternehmensinsolvenzen - mehr Privatinsolvenzen: Niedrige Zinsen mit Boomerangeffekt

26.06.2015

Weniger Unternehmensinsolvenzen, dafür mehr Privatinsolvenzen - das ist das Fazit des Kreditschutzverbandes KSV1870 über die Entwicklung im ersten Halbjahr 2015.

Die mangels Masse nicht eröffneten Verfahren gingen in diesem Zeitraum sogar um 13,5 Prozent zurück. Die Passiva sind über 25 % geringer als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, was den Trend zu kleineren Insolvenzfällen sehr deutlich untermauert. Weniger Insolvenzen sind in diesem Fall für Dr. Hans-Georg Kantner, Leiter KSV1870 Insolvenz, allerdings nicht unbedingt ein Zeichen ein florierenden Wirtschaft:

 

"Im ersten Halbjahr gab es 2.540 Insolvenzen in Österreichischen Unternehmen - das sind 10 Prozent weniger als im Vorjahr. Auf den ersten Blick kann man sich darüber freuen und es als positiv einschätzen. Wenn man sich die Ursachen ansieht und darüber nachdenkt, kommt man sehr rasch drauf, dass das nicht ein Signal ist für die Kraft und Stärke der Unternehmen, sondern für einen Mangel an Dynamik, für eine Stagnation der Entwicklung und, dass dieser Rückgang an Insolvenzen praktisch ausschließlich einem niedrigen Zinsniveau geschuldet wird. Niedrige Zinsen, die ich als Sauerstoffzelt der Wirtschaft bezeichne.“

 

Das Problem mit niedrigen Zinsen ist, dass sobald die Wirtschaft wieder nachhaltig angesprungen ist, sich auch die Zinsen wieder erhöhen werden und Unternehmen, die jetzt hohe Schulden und ein zu geringes Ertragspotenzial haben, reihenweise in die Insolvenz abrutschen werden. Die insgesamt meisten Insolvenzen gab es auch heuer wieder in der Baubranche samt ihren Nebengewerben. Auch die Gastronomie und die Branche der unternehmensbezogenen Dienstleistungen finden sich auf den vordersten Plätzen. Verteilt auf die Bundesländer ergibt sich ein differenziertes Bild:

 

"Wenn wir uns ansehen, welche Bundesländer sich wie entwickelt haben - ist das Bild sehr, sehr unterschiedlich: Minus 35 Prozent Tirol und Vorarlberg, minus drei und minus vier Prozent Niederösterreich und Wien. Einheitlich in Österreich ist, dass es in allen Bundesländern rückläufige Zahlen bei Unternehmensinsolvenzen gegeben hat.“

 

Anders sieht die Entwicklung bei den Privatkonkursen aus - hier gibt es einen Anstieg von 5%. Während die pro Kopf-Verschuldung bei ehemaligen Unternehmen bei 275.000 Euro liegt, beträgt sie bei „echten Privaten“ rund 55.000 Euro. Gesamt betrachtet ergibt das eine durchschnittliche Verschuldung von 119.000 Euro und damit einer Steigerung von 6% gegenüber dem Vergleichzeitraum des Vorjahres.

 

"Die Privatinsolvenzen sind eigentlich erwartungsgemäß nach mehreren rückläufigen Jahren im Jahr 2015 wieder in die Höhe gegangen, etwa fünf Prozent auf 4.560 Personen, die im ersten Halbjahr 2015 eine Schuldenregulierung begonnen haben.“

 

Die Schulden stammen bei einem schwachen Drittel der Verfahren aus ehemaliger unternehmerischer Tätigkeit und betragen dabei regelmäßig sechsstellige Beträge, fallweise sogar Millionen. Gläubiger erhalten im Regenfall zwischen 12 und 14 Prozent ihrer Forderungen:

 

"Interessanterweise in Deutschland, in 3/4 der Fälle gibt es kein Geld für die Gläubiger. In Österreich ist das Gegenteil der Fall: 85 Prozent der Schuldner werden mit Zahlungen entschuldet. Unsere Gläubiger in Österreich bekommen zwischen 12 und 14 Prozent Quote, über einen Zeitraum von 7 Jahren bezahlt. Und das ist der Grund, warum wir diese Mindestquote für so essentiell halten und die immer wieder geforderte Abschaffung dieser Mindestquote nicht befürworten und auch dagegen argumentieren. Denn in Deutschland gibt es auch nicht mehr Entschuldungen, bezogen auf die Bevölkerung, als in Österreich. Also die Abschaffung der Mindestquote würde den Schuldnern im Ergebnis nichts bringen, aber den Gläubigern sehr viel weg nehmen.“

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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