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Prof. Dr. Dr. Hermann Simon ist Gründer der globalen Strategieberatung Simon-Kucher & Partners sowie Bestseller-Autor und Management-Denker. Buchtipp: „Hidden Champions – Aufbruch nach Globalia“, Campus Verlag.

„Weltklasse wird man nur mit Fokus“

08.09.2014

Wirtschaftsprofessor Hermann Simon hat den Begriff „Hidden Champions“ geprägt. Im Interview erklärt er, warum es gerade im deutschsprachigen Raum so viele Weltmeister gibt, wieso Russland ein armes Land ist und was KMU von den Nischenweltmeistern lernen können.

Herr Professor, Sie zählen im deutschsprachigen Raum 1.500 Hidden Champions. Warum gibt es gerade hier so viele mittelständische Weltmarktführer?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Einige gehen weit in die Geschichte zurück. So war der deutsche Sprachraum bis vor rund 100 Jahren nicht als Nationalstaat organisiert, anders als beispielsweise Frankreich oder Japan, sondern bestand aus einer Vielzahl kleiner Staaten. Noch 1918 gab es in Deutschland 23 Monarchien und drei Republiken. Ein Unternehmer, der in einem dieser kleinen Staaten wachsen wollte, musste also sehr schnell internationalisieren. Das ist sozusagen in die DNA der Unternehmer im deutschsprachigen Raum übergegangen. Eine weitere Ursache sind die vielen historischen Kompetenzzentren, aus denen oft moderne Industrien entstanden sind. So gibt es beispielsweise in der alten Universitätsstadt Göttingen in Norddeutschland 39 Messtechnikfirmen.

 

Wie kann das sein?
Nun, die Mathematische Fakultät der Universität Göttingen war über Jahrhunderte hinweg führend in der Welt. Viele dieser Messtechnikfirmen arbeiten nach Gesetzen, die von den Göttinger Mathematikern entdeckt wurden. Ähnlich findet man in der Schweiz eine Konzentration von Uhrenfirmen, die aus einer jahrhundertealten Handwerkstradition entstanden sind. Auch in Österreich gibt es wichtige Industriecluster, etwa im Bereich Automobil um Graz oder im Maschinenbau in der Region Linz.

 

Die meisten dieser Weltmarktführer treten als Technologieführer auf. Was sind weitere Erfolgsfaktoren?
In der Tat sind Technologie und Innovation das Fundament vieler Hidden Champions. Aber es gehört mehr zu einer Weltmarktführerschaft. Ganz am Anfang stehen sehr ambitiöse Ziele, die auf Marktführerschaft und Wachstum ausgerichtet sind. Weltklasse wird man nur mit Fokus. Die typischen Hidden Champions sind sehr stark auf ihre Kompetenzen fokussiert, das macht den Markt klein.

 

Wie macht man den Markt groß?
Indem man in die ganze Welt hinausgeht. Eine weitere Stärke ist die Kundennähe. Sie ist bei den Hidden Champions etwa fünfmal so hoch wie bei Großunternehmen, gemessen am Prozentsatz der Mitarbeiter, die regelmäßig Kundenkontakt haben.

 

In globale Märkte zu gehen muss gut vorbereitet sein. Welche Fehler werden dabei sehr häufig gemacht?
In der Tat sind die meisten Hidden Champions heute globale Unternehmen. Diese Durchdringung der internationalen Märkte wurde in den meisten Fällen nicht auf glatten, sondern auf holprigen Wegen erreicht. So entpuppt sich so manche internationale Führung als Fehlbesetzung. Besonders am Anfang ist dieses Problem sehr gravierend, denn man hat keine Leute, die für bestimmte Märkte Erfahrung besitzen. Man schickt also unerfahrene Leute hin oder heuert alternativ Manager aus dem jeweiligen Land an. Beides ist mit hohen Risiken verbunden. Ein weiterer Fehler, der häufig gemacht wird, ist die zu schnelle Expansion. Es ist besser, nicht zu viele Länder gleichzeitig oder in kurzen Zeiträumen anzugehen, sondern abzuwarten, bis das zuletzt erschlossene Land einigermaßen konsolidiert ist, bevor man sich den nächsten Brocken auf die Schaufel nimmt. Natürlich muss man sich auch an fremde Kulturen und Geschäftspraktiken anpassen. Das geht ebenfalls nicht immer reibungslos. Schließlich wäre der Diebstahl von Know-how zu nennen, der insbesondere in Schwellenländern Probleme bereiten kann.

 

Inwiefern hilft die Digitalisierung beim Beackern des Weltmarktes?
Insbesondere für kleinere Unternehmen ist die Digitalisierung ein Segen. Bisher konnten nur große oder größere mittelständische Unternehmen den Weltmarkt wirklich erschließen. Mithilfe des Internets haben auch Kleinstfirmen die Chance, ihre Kunden überall in der Welt zu erreichen. Insgesamt wird die globale Kommunikation extrem vereinfacht. Es gibt also auch für kein noch so kleines Unternehmen keine Ausrede mehr, nicht zu internationalisieren. Denn auch die weltweite Logistik hat sich verändert, dazu gehört auch der Flugverkehr. Gerade aus Europa heraus kann man in relativ kurzer Zeit alle Märkte der Welt erreichen. Das ist ein erheblicher Vorteil der geostrategischen Lage Europas. Wenn man aus Amerika in Asien Geschäfte machen will oder umgekehrt, ist das wesentlich schwieriger, da die Zeitunterschiede zwischen zehn und zwölf Stunden liegen und auch die Reisezeiten sehr viel länger sind, als wenn man von Europa in die Märkte reist.

 

Was können KMU von Hidden Champions lernen?
Ich empfehle, dass KMU, die sich mit der Absicht tragen zu internationalisieren, die Kernlektionen der Hidden Champions genau studieren. Sie sollten prüfen, inwieweit sie diese erfahrungsbasierten Erfolgsregeln bereits beachten bzw. wo sie noch besser werden müssen. Dazu zählen ambitiöse Ziele, Fokus, Globalisierung, Innovation und Kundennähe.

 

Es gibt viele Unternehmen, die in Russland engagiert sind. Was raten Sie denen angesichts der jetzigen Krise?
Russland wird auf Dauer ein Problemfall bleiben. Russland ist ein armes Land. Das Bruttoinlandsprodukt macht lediglich zwölf Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsproduktes aus. Die jetzige Krise wird diese Position weiter schwächen. Ich würde nicht zu stark auf Russland setzen bzw. versuchen, meine Umsätze stärker zu diversifizieren.

 

Das Thema Fachkräfte ist im Industrie- und Technologiebereich ein Hauptthema. Wie können die heimischen Betriebe im Rennen um die besten Köpfe bestehen?
Das ist natürlich auch für die Hidden Champions ein Engpass, genau wie für alle anderen Firmen und Branchen. Es kommt zudem der Nachteil des „hidden“ hinzu. Wenn man wenig bekannt ist, wirkt sich das nachteilig auf den Arbeitsmarkt aus. Mein Rat ist, dass sich die Hidden Champions im Personalmarketing und bei der Rekrutierung vor allem auf ihre Region konzentrieren und nicht versuchen, in nationalem oder internationalem Maßstab gegen die Großunternehmen anzutreten. Viele Hidden Champions, die das befolgen, zeigen, dass sie in ihrer Region ein sehr attraktiver Arbeitgeber geworden sind. In jeder Region gibt es Talente. Wenn man diese früh genug entdeckt und bei der Stange hält, bewältigt man auch dieses Problem.

 

Hidden Champions:
Sind nach Simon der breiten Öffentlichkeit meist relativ umbekannte KMU, die jedoch in ihrem Markt zu den
Top 3 der Welt zählen bzw. Europamarktführer sind.

 

Zur Person:
Prof. Dr. Dr. Hermann Simon ist Gründer der globalen Strategieberatung Simon-Kucher & Partners sowie Bestseller-Autor und Management-Denker. Buchtipp: „Hidden Champions – Aufbruch nach Globalia“, Campus Verlag.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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