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Was muss passieren, damit was passiert?

07.02.2021

Der Messenger-Dienst Signal verzeichnet Rekorde, Trump darf nicht mehr twittern und Visa lässt keine Zahlungen auf Pornhub mehr zu. Warum kommt plötzlich so viel in Gang?

Eine Freundin schickte mir vor Monaten ein Bild einer Toilette, in der die Kabinen durch Glaswände getrennt sind. Darüber stand: „We have updated our privacy policy“. Der Scherz würde auch jetzt wieder passen, wo Whatsapp seine Nutzungsbedingungen ändern und Daten mit seiner Mutter Facebook austauschen will. Doch etwas Erstaunliches ist passiert: Auf einmal stört es Abertausende User, wie mit ihren Daten umgegangen wird und dass sie nur Ja und Amen sagen können, wenn sie in der App weiterhin Geburtstagswünsche und Toiletten-Fotos versenden wollen. Innerhalb weniger Tage sah ich bei Signal, dass sich 14 Personen aus meinem Telefonbuch dort angemeldet hatten – alle aus Europa, wo sie eigentlich wegen der strengen Datenschutzbestimmungen von den Whatsapp-Änderungen gar nicht betroffen sind. Dennoch beginnt das Vertrauen in die beliebten Technologiekonzerne zu bröckeln.

Meine Bekannten sind einige von Millionen neuen Usern bei Signal, wie das Unternehmen auf Twitter schrieb. Auch die Nutzungszahlen anderer alternativer Messenger wie Threema und Telegram schnellten in die Höhe. Sogar bei Suchmaschinen abseits von Google gab es einen Anstieg: So erreichte DuckDuckGo, wo man das Internet durchsuchen kann, ohne getrackt zu werden, Mitte Jänner erstmals hundert Millionen Suchanfragen an einem Tag. Natürlich bedeutet all das noch lange nicht, dass die Big Five und andere, die mit Daten jährlich Milliarden verdienen, am absteigenden Ast sind – erstens sind die Verschiebungen immer noch relativ minimal, und zweitens nutzen viele User andere Angebote nur zusätzlich.

Außerdem stellt sich die Frage, wie viele aus ehrlicher Empörung über die Datenpraktiken der Big Five umsteigen. Als Elon Musk „Use Signal“ twitterte, installierten nicht nur Massen die App. Auch die Aktien des Unternehmens Signal Advance schnellten um mehrere Hundert Prozent in die Höhe, weil viele Menschen die börsennotierte Firma mit dem Messengerdienst verwechselten. Man müsste diesen Leuten die Frage stellen, die Kinder die Augen verdrehen lässt: „Würdest du auch vom Hochhaus springen, wenn dir ein Freund dazu rät?“ Nur dass sie weder Kinder sind noch Elon Musk ihr Freund ist.

Noch ein paar unglaubliche Dinge sind in den vergangenen Monaten passiert. Twitter sperrte Donald Trumps Account, und andere Plattformen folgten. Google und Apple verbannten die App Parler, wo unter anderem etliche Videos des Sturms auf das Kapitol geteilt wurden, aus ihren AppStores, und Amazon verwehrte Parler den Webhost-Dienst. Visa und Mastercard erlaubten nach einer Enthüllungsstory der New York Times keine Zahlungen auf Pornhub mehr, weil dort Kinderpornos, rassistische Inhalte, heimlich gedrehtes Material und Vergewaltigungsvideos zu sehen waren.

Dass User ihr Onlineverhalten bewusst einschränken und Unternehmen Umsatzeinbußen in Kauf nehmen, ist überraschend. Schließlich hat Twitter Trump jahrelang nicht gesperrt, als er Lügen und Häme verbreitete. Bei Visa und Mastercard wusste man bestimmt auch vorher schon über unakzeptable und kriminelle Inhalte bei Pornhub Bescheid. Und dass Google und Whatsapp massiv Daten über uns sammeln, dürfte auch längst in der breiten Masse bekannt sein. Offenbar wachsen das Bewusstsein und der Unmut über die Geschäftspraktiken mancher Tech-Konzerne, sodass es irgendwann reicht und eine kritische Masse auf einmal doch bereit ist, Opfer zu bringen, weil sie nicht mehr alles unterstützen will. Und diese Erkenntnis birgt eine gute Nachricht für Unternehmen, die versuchen, ethisch zu handeln: Es gibt einen Markt für sie, und er wird größer.

Autor/in:
Alexandra Rotter

berichtet von den aktuellen Cyberwar-
Schauplätzen über Angreifer und deren Strategien,
Schäden sowie Rettungs- und Schutzmaßnahmen.

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