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Was der Hausarzt der Wirtschaft fordert

31.05.2017

Die Lohnverrechnung sei in den vergangenen Jahren zu einer Geheimwissenschaft geworden, ärgert sich Paul Heissenberger, Vorsitzender der Berufsgruppe Steuerberater der KWT und fordert im Gespräch mit die WIRTSCHAFT dringend Vereinfachungen für Unternehmer. 

Paul Heissenberger von der KWT ist sicher: "Die KMU sind wirklich schon an die Grenze ihrer Belastbarkeit angekommen."

Der Steuerberater ist für KMU ein ganz wesentlicher Partner. Nicht zuletzt, weil beinahe im Wochentakt steuerrechtliche Änderungen beschlossen werden. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Ja, das sehe ich genauso. Der Steuerberater ist heute als „Hausarzt der Wirtschaft“ zum ersten Berater vor allem für die kleinen und mittleren Unternehmer geworden. 95 % der österreichischen Betriebe arbeiten regelmäßig mit einem Steuerberater zusammen. Wir Steuerberater beraten Klienten nicht nur in Fragen rund um das Rechnungswesen. Wir sind auch Partner für Unternehmensgründungen, bei Investitions- und Finanzierungsfragen, bei gesellschaftsrechtlichen Fragen sowie erster Ansprechpartner im Arbeits- und Sozialversicherungsrecht. Vor allem die Lohnverrechnung ist in den vergangenen Jahren zu einer Geheimwissenschaft geworden, es gibt derzeit knapp 500 Beitragsgruppen in der Lohnverrechnung und die Unternehmer sind in der Lohnverrechnung mit einer äußerst komplexen Administration konfrontiert. Die rund 500 Beitragsgruppen werden von 19 Krankenversicherungsträgern, 5 Pensionsversicherungsträgern und 4 Unfallversicherungsträgern administriert. Hier wünschen wir uns für die Unternehmer dringend Vereinfachungen.

Gehen auch manche juristischen Neuerungen in Richtung Vereinfachung, oder wird wirklich alles komplizierter? Wie wirkt sich das auf die Unternehmen aus?

Ein generelles Bekenntnis zu Vereinfachungen sehe ich schon, aber eine politische Einigung darüber ist eben nicht so leicht zu erzielen. Oft scheitert es an der Klientelbedienung. Um bei der Lohnverrechnung zu bleiben, so bedeutet das für die Unternehmen, dass die Anzahl der Beitragsgruppen von 104 im Jahr 1989 auf 483 im Jänner 2016 gestiegen ist. Die KMU sind wirklich schon an die Grenze ihrer Belastbarkeit angekommen.

Was müsste sich in diesem Zusammenhang verändern, um Unternehmern das Leben zu erleichtern und auch, um Unternehmensgründungen zu fördern?

Unserer Meinung nach sollten wir als allererstes bei der Lohnverrechnung ansetzen. Wenn diese vereinfacht würde, dann würden vor allem die 400.000 KMU profitieren. Konkret wünschen wir uns eine Harmonisierung der Bemessungsgrundlagen für Sozialversicherung und Lohnsteuer, eine Zusammenfassung der Lohnabgaben zu einer einzigen Dienstgeberabgabe, die Einhebung durch ein Finanzamt sowie die Zusammenfassung aller Änderungen in einem Jahressteuergesetz. Damit es übersichtlicher wird. Darüber hinaus braucht es weitere Maßnahmen, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Österreich zu erhalten, wie weitere Senkungen der Lohnnebenkosten.

Seit diesem Jahr sind große Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern dazu verpflichtet, ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten zu kommunizieren. Gut so, oder eine neuerliche Belastung für Unternehmen?

Es handelt sich dabei um eine EU-Richtlinie (Anm. NFI-Richtlinie), die in österreichisches Recht umzusetzen war. Im Rahmen der Begutachtung hat sich die KWT fachliche Vorschläge eingebracht, denen der Gesetzgeber auch nachgekommen ist. Uns war es vor allem sehr wichtig, dass es bei der Umsetzung zu keinem sogenannten gold plating kommt, d.h. dass es hierzulande zu keinen strengeren Regelungen bei Umsetzung kommt, als von der EU-Richtlinie gefordert.

 www.kwt.or.at

 

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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