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Warum hamstern Menschen?

25.03.2020

Auch wenn es vielen nicht gefällt: Der Homo sapiens tickt nach gewissen Mustern. Manchmal sind diese sehr grob gestrickt, manchmal sehr eng. Wann wir auf „Ego-Shooter“ umstellen und welche Verhaltensmuster dahinterstecken, erklärt der Evolutionsbiologe Gregor Fauma.

Wir haben viel Entscheidungsfreiheit, wenn es um Nichts geht: Wenn wir satt sind, sexuell befriedigt sind und uns ein wenig langweilen. Dann können wir uns alles Mögliche ausmalen, was wir mit dem restlichen Tag noch so anstellen könnten. Sehr wenig Entscheidungsfreiheit haben wir dagegen, wenn uns Hunger und Durst die Verhaltensmuster vorgeben. Aber auch, wenn sich sexuelle Bedürfnisse zu Wort melden. In diesen Fällen verlieren wir schnell die Contenance, falls sich jemand zwischen uns und die Bedürfnisbefriedigung stellt (um es vorsichtig zu formulieren).

Meins, meins, meins

Ein weiteres Verhaltensmuster, das uns die Evolution eintätowiert hat, ist das zwischenmenschliche Verhalten, wenn es um das Verteilen von Ressourcen geht. Wir Menschen agieren nach einem Prinzip, das prinzipiell freundlich und kooperationsbereit an den Tag tritt. Mittelfristig setzen sich nette, kooperative, hilfsbereite Verhaltensstrategien in Populationen durch. Wie gehen wir aber mit jenen Menschen um, die nicht hilfsbereit oder kooperativ sind? Da schlägt die volle Wucht des evolutionären Algorithmus durch: Wir bestrafen Nicht-Kooperation sofort – und zwar mit Nicht-Kooperation beim nächsten Aufeinandertreffen. Und das machen wir so lange, bis das Gegenüber wieder zu kooperieren anfängt – dann wechseln auch wir sofort auf Kooperieren. Unser evolutionärer Algorithmus ist also nicht nachtragend, sondern verzeiht ohne Delay.

Nach mir die Sintflut

Dieses an sich wunderbare Verhaltensmuster hat aber auch eine Schattenseite: Wenn das Ende einer gegenseitigen Kooperationsabfolge absehbar ist, „gewinnt“ der Interaktionspartner, der als Erster die Kooperation beendet und quasi den vollen Gewinn des „Betrugs“ einheimst. So nach dem Motto: Den Letzten beißen die Hunde. Und da sind wir schon beim Hamstern.

Prinzipiell kaufen wir jene Mengen ein, die wir brauchen – und lassen jene Mengen in den Geschäften zurück, die dann anderen zur Verfügung stehen. Die Ressourcenquelle sprudelt ja. Wenn aber der Verdacht entsteht, dass die Ressourcen enden könnten, wenn wir sehen, dass andere von „nett“ auf „Ego-Shooter“ umschalten, bleibt uns, biologistisch formuliert, nicht viel Anderes übrig, als selbst auf die Karte „Nicht-Kooperieren“ zu setzen – wir fangen ebenso zu hamstern an. So lange, bis wir sehen, dass auch die anderen wieder normale Mengen einkaufen.

Das Hemd ist uns, in einer bedrohlichen, nicht vorhersagbaren Umgebung, näher als der Rock. Und jetzt schnell noch einen 10-Kilo-Sack Reis kaufen gehen, wer weiß…

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