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Warum das Ganze?

09.12.2014

Ein Scherz bezüglich der Selbstständigkeit besagt, sie bestünde aus „selbst“ und „ständig“. Wer will das eigentlich und warum? Was treibt Menschen dazu? Geld, Tradition, Altruismus? Eine Spurensuche nach der Selbstmotivation.

Text: Harald Koisser 

 

„Ich habe nicht gewusst, was auf mich zukommt“, sinniert Personalberaterin Charlotte Eblinger über ihren Weg in die Selbstständigkeit, „das ist wie beim ersten Kind, man hat keine Ahnung.“ „Ich bin hineingewachsen“, erinnert sich Helmut Nagel an die Übernahme der elterlichen Mietwäscherei Vienna. „Ich war immer selbstständig, ich kenne es nicht anders“, sagt auch Thomas Wagner, der einen Maler- und Anstreicherbetrieb in Kilb von den Eltern übernommen hat. „Der Betrieb ist Teil meiner Kindheit“, erinnert sich Tina Pfister, die im Juni 2014 den väter­lichen Futtermittelbetrieb Maeder AG im Schweizer Emmental übernommen hat, „vom Großvater ist das auf meinen Vater übergegangen, und jetzt mache ich das – obwohl mir mein Vater davon abgeraten hat.“
Unwissenheit, Gewohnheit, Sozialisation. Es gibt viele Gründe, ein Unternehmen zu gründen oder eines zu übernehmen. Und wenn man es erst einmal hat, stellt sich unvermeidlich die Frage nach der Motivation. Nicht so sehr nach der Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern nach der eigenen. „Andere Menschen kann man ohnehin nicht motivieren“, ist für Mario Weingartler, Inhaber der Vitalakademie, eines der größten privaten Fortbildungszentren Österreichs, klar. „Ich kann nur schauen, dass sich alle wohlfühlen, und dafür den Rahmen schaffen.“

 

Krise und Sinnsuche
Wie schafft man es als Inhaber oder Inhaberin einer Firma, Tag für Tag aufzustehen und weiterzumachen? In guten Zeiten, wo man erfüllt ist und auch Geld fließt, muss man diese Frage nicht stellen. Doch es gibt auch andere Zeiten. Persönliche und ökonomische Krisen, meist eine Kombination von beidem. Dann ist man plötzlich sehr weit entfernt vom persönlichen Lebenswunsch und noch viel weiter entfernt vom öffentlich kolportierten Bild des Unternehmers als kapitalistische „Moneymaker“.
„Die Vitalakademie war früher des Öfteren an der Grenze zur Pleite. Es war oft haarscharf“, sagt Mario Weingartler, und ergänzt: „Heute sind wir aber top.“ „Geld?“, lacht Helmut Nagel, „Hohe Lohnkosten, hohe Investitionen und niedrige Preise durch den Mitbewerber lassen höchstens einen bescheidenen Wohlstand zu. Richtig Geld kann man mit einer Mietwäscherei nicht verdienen.“ Charlotte Eblinger weiß: „Es gibt Jahre, in denen man weniger verdient, und Jahre, in denen man mehr verdient. Ich hafte für alles. Diese umfassende Verantwortung: einfach furchtbar.“ Und für Martin Spiroch, Inhaber eines gutgehenden Massageinstituts an mehreren Standorten, ist die Welt schon mal zusammengebrochen. Im Wortsinn. Im Florian-Berndl-Bad in Korneuburg, wo er sein Massageinstitut betreibt, ist im Jahr 2008 ein Stein vom Dach gefallen, und das Bad wurde für mehr als drei Jahre geschlossen. Kein Badebetrieb, keine Frequenz, aber Martin Spiroch und sein Team sind trotzdem geblieben. „Das war abenteuerlich“, sagt er, „manche Kunden sind auch während der Sanierungsarbeiten gekommen, haben sich am Parkplatz die Gummistiefel angezogen und sind durch die Baustelle gewatet, um zu uns zu kommen.“ Aber nicht alle wollten Gummistiefel überstreifen. Der Umsatzeinbruch betrug 40 Prozent. Doch damit nicht genug: „Vorhofflattern am Herzen, massive Gallensteine, Scheidung“, resümiert Spiroch seine gesundheitlichen und persönlichen Probleme, die ihren Tribut forderten. Viele Selbstständige kennen das Gefühl des nahenden Burnouts.

Besonders fordernd war die Übernahme des väterlichen Futtermittelbetriebs für die 34-jährige Tina Pfister. Sie hat die Firma im Juni 2014 von ihrem krebskranken Vater übernommen, und fünf Wochen später ist er gestorben. „Zwei Wochen lang war ich in der Nacht am Bett meines Vaters und untertags im Büro. Das war ein harter Start.“ Es sind die Momente, in denen viele Unternehmer sich fragen: Wie halte ich durch? Was gibt mir Kraft? Warum tu ich das eigentlich?

 

Unternehmen als Antrieb
„Warum ich das tue? Diese Frage habe ich mir ganz oft gestellt“, sagt Tina Pfister. „Das sollte man sich nur nicht zu oft fragen“, sagt Josef Reingruber, Inhaber der gleichnamigen Gastwirtschaft, die ein beliebtes Ausflugsziel in Eschelberg in der Nähe von Linz ist. Die meisten Unternehmer kennen aber auch die Antwort. Etwa die Freiheit zu entscheiden und zu gestalten. „Ich kann sagen: Gehen wir links, rechts, ist das Papier hell-, dunkelgrün, einfach alles kann ich entscheiden. Ich kann in die Firma kommen oder auch nicht. Ich kann machen, was ich will. Das ist einfach geil“, schwärmt Charlotte Eblinger. Niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen, seine Ideen realisieren zu können, keinem Befehl unterworfen zu sein – wer das liebt, sucht die eigenverantwortliche Selbstständigkeit, auch wenn sich schnell herausstellt, dass die Freiheit im Schraubstock zwischen den Kundenwünschen, der Gewerbeordnung und dem Finanzamt eingespannt ist. Die Freiheit, in die Firma zu kommen oder auch nicht, sieht manchmal aber auch so aus: „Ich ziehe mein Sportgewand an, schwinge mich aufs Rad und fahre los. Nach vier Kilometern komme ich blöderweise an meinem Geschäft vorbei. Ich steige kurz ab, um nach dem Rechten zu sehen. Das war’s dann mit der Radtour. Ich stehe da drin, bis es dunkel wird“, berichtet Spiroch.

Dennoch, Entscheidungsfreiheit und Selbstverwirklichung locken viele Menschen. „Wir verändern Flächen und begleiten Menschen in einem ästhetischen Veränderungsprozess. Wir dürfen teilhaben an Veränderung“, freut sich Malermeister Thomas Wagner.

 

Verantwortung übernehmen
„Als Masseur kann ich Menschen von Leiden befreien“, sagt Spiroch, „und ich kann Arbeitsplätze schaffen. In meinem Betrieb arbeiten zwei Männer, die es sonst am Arbeitsmarkt schwer hätten. Das ist auch eine Verantwortung. Als das Bad geschlossen wurde und ich um meine Existenz gerungen habe, war für mich ganz wichtig, auch für diese beiden den Arbeitsplatz zu erhalten. Das habe ich geschafft. Ich liebe es, Verantwortung zu übernehmen. Das ist letztlich das Thema der Selbstständigkeit.“
Christoph Haase war Art Director in einer Werbeagentur und hat schließlich doch, obwohl er von Technik keine Ahnung hat, einen Fertigungsbetrieb für elektronische Komponenten und Relais von seiner Mutter übernommen. Dort hat er nach Eigendefinition eine „Generalüberholung“ durchgeführt. Heute gibt es bei Tele-Haase keine Hierarchien, kein klassisches Management, aber jede Menge Eigenverantwortung. Christoph Haase hat eine Idee vom „Unternehmen der Zukunft“, die ihn treibt.

Dieses tiefe Gefühl, für etwas verantwortlich zu sein – für andere Menschen, eigene Wertvorstellungen, das größere Ganze –, führt Menschen in die selbstständige Tätigkeit, allen Unannehmlichkeiten zum Trotz. Selbstständig zu sein heißt wohl, sein Leben anzunehmen und dafür geradezustehen, was einem wichtig ist. Als Unternehmer ist man Sinngeber – für sich selbst und andere.
Und irgendwann heißt es einfach – „weitermachen!“, wie Charlotte Eblinger anmerkt. „Wenn am Ende eines Jahres der Gewinn nicht so hoch ist in Relation zu dem, was man geleistet hat, dann tut das weh. Und wie kommt man aus diesem Tal wieder raus? Vergessen und verdrängen. Die verschüttete Milch wird nicht beweint!“

„Ich kann nicht sagen, ich komme morgen nicht mehr in die Firma“, scherzt Christoph Haase, „von daher stellt sich manchmal die Frage nach der Motivation gar nicht.“ Neunzig Mitarbeiter und eine kraftvolle Vision von einer Firma ohne Management sind eine selbstauferlegte Verpflichtung. „Manchmal verzweifle ich, aber ich weiß, es ist richtig. Da gibt es etwas, wo ich hinwill. Deshalb mache ich weiter.“

Auch Tina Pfister aus dem Schweizer Emmental hat den Betrieb vom Vater unter der Prämisse übernommen, ihrer eigenen Vision zu folgen und etwas verändern zu können. Am Sterbebett ihres Vaters hat sie ihm ihre Ideen mitgeteilt. „Wir lernten uns auf eine andere Weise kennen. In den letzten Tagen konnte ich ihm noch konkret meine Pläne vorstellen und ich wusste, dass die ganz anders sind als seine. Ich bin ja auch ein anderer Mensch. Aber ich habe das Okay von ihm erhalten, seinen Segen. Das war unglaublich wertvoll für mich.“

 

Kämpfen und aufopfern
Manchmal sind es auch einfach „Eitelkeit und Heldentum“, sagt Martin Spiroch. Er hat selbst in schwierigen Zeiten keinen einzigen Mitarbeiter gekündigt und führt auch jetzt noch Standorte, die aus rein wirtschaftlichen Erwägungen unrentabel sind. Dafür kann er Menschen, die es sonst schwer hätten, Arbeitsplätze garantieren. „Ich bin überzeugter Humanist“, sagt er. Auch das scheint ein Motiv für selbstständige Tätigkeit zu sein.

„Aufgeben tut man einen Brief“, meint Mario Weingartler, und strafft seinen Körper. Er ist Sportler und hat auch als Inhaber der Vitalakademie eine durchaus sportliche Motivation. Es geht ums Durchhalten, ums Gewinnenwollen. Als es ihm nicht gutgegangen und er auch noch mit Verleumdung und Übernahmegelüsten eines Mitbewerbers konfrontiert worden ist, wurde ihm klar: „Jetzt erst recht.“ Heute hat er es geschafft. Das Unternehmen floriert, Standorte und Qualität werden ausgebaut. Endlich bleibt auch Geld übrig. „Im Leben zu stehen, ist gut“, sagt er, „aber man muss sich darin auch bewegen“ – und sei es am Rande des Abgrunds.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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