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04.06.2019

Der Fachkräftemangel wird für den österreichischen Mittelstand immer bedrohlicher, er dämpft sogar das Wachstum massiv. Besonders schmerzlich macht sich das Fehlen Zigtausender ITler bemerkbar. Zahlen, Daten, Fakten und Lösungsansätze.

Wer sich bei Unternehmern nach ihren größten Schmerzen erkundigt, bekommt fast überall die gleiche Antwort: Es fehlt massiv an Fachkräften. So massiv, dass lukrative Aufträge nicht angenommen werden können, dass wichtige Projekte auf der langen Bank landen und auch Innovationsprozesse ins Stocken geraten. Ein Bild, das auch von diversen Studien untermauert wird. So hat etwa erst kürzlich das Beratungsunternehmen EY den Fachkräftemangel im österreichischen Mittelstand untersucht. Der alarmierende Befund: 83 Prozent der österreichischen Mittelstandsunternehmen finden keine geeigneten Fachkräfte und 40 Prozent beklagen daraus resultierend Umsatzeinbußen. Eine Situation, die sich wohl noch weiter verschärfen wird. Denn im Vergleich zum Vorjahr stieg der Anteil jener Unternehmen, die den Fachkräftemangel als Gefahr für die Entwicklung des eigenen Betriebs sehen, von 59 auf 69 Prozent an. Zu einem ähnlichen Befund kam Anfang des Jahres auch eine Untersuchung zur Attraktivität des Standortes Österreich von Deloitte. Mehr als kritisch sei die Situation beim Faktor „Verfügbarkeit von Arbeitskräften“. „Der Fachkräftemangel hemmt das Wachstum und die Zukunftsaussichten des Landes. Gleichzeitig bleibt jede Menge Potenzial am Arbeitsmarkt ungenutzt. Das hat zwei Gründe: Einerseits sind wir von echter Chancengleichheit weit entfernt, andererseits verlieren wir viele Talente bereits in einem unzeitgemäßen Bildungssystem“, meint Gundi Wentner, Partnerin bei Deloitte Österreich.

Ein Boom ohne Treibstoff

Wasser auf die Mühlen von Alfred Harl, Obmann des Fachverbands für Unternehmensberatung, Buchhaltung und Informationstechnologie (UBIT), der besonders auf die schwerwiegenden Konsequenzen des Mangels im Bereich der IT-Fachkräfte hinweist. „Hoch qualifizierte Fachkräfte im Informations- und Kommunikationstechnologiesektor (IKT) sind das Rückgrat der Digitalisierung: Die IT-Branche boomt! Der Gesamtwirtschaft fehlen 10.000 Fachkräfte für wichtige IT-Jobs in Österreich. Bis 2020 wird laut EU-Kommission europaweit sogar mit einer Lücke von rund einer Million ITArbeitskräften gerechnet“, fasst Harl zusammen. Wie drastisch die Situation ist und wie sie sich entwickelt, wird von seinem Fachverband jährlich im sogenannten IKT Statusreport erhoben. Die aktuelle Ausgabe Nummer 4 hat es in sich, finden sich doch nur wenig positive Tendenzen in der Entwicklung der Ausbildung qualifizierter IT-Fachkräfte in Österreich. Der Report, erstellt vom Kärntner Institut für Höhere Studien (KIHS), dokumentiert die studentischen Ausbildungsstätten Österreichs hinsichtlich Studienbeginnern, Absolventen und Drop-outs sowie deren Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Österreich.

Drop-Out-Quoten zu hoch

Und diese sehen beunruhigend aus. Sind doch vor allem die Drop-out-Quoten im Studienzweig Informatik an den Universitäten mit 54 % bei Bachelor- und 56,2 % bei Masterstudien 2016/17 extrem hoch. Im Bachelorstudium verzeichnet die Universität Wien im Studienjahr 2016/17 die höchste Abbrecherquote mit 58,4 %, dicht gefolgt von der TU Wien mit 56,4 %. Im Master liegt die Drop-out- Quote an der TU Wien sogar bei 66,3 % und an der Universität Wien bei 54,4 %. „Dabei bräuchte die Wirtschaft eigentlich mehr junge Leute, die als hoch qualifizierte IT-Fachkräfte die Universitäten und FHs verlassen und der Wirtschaft zur Verfügung stehen“, meint Martin Zandonella, UBIT-Fachgruppenobmann Kärnten und Berufsgruppensprecher der IT. Doch woran scheitern die Studentinnen und Studenten?

Vor der Zeit abgeworben

Die Technischen Studiengänge erklären die hohen Drop-out-Quoten sehr oft mit Job-outs – also Studenten, die ohne Universitätsabschluss direkt in den Arbeitsmarkt einsteigen. Davon unberührt sind viele Studenten, die in den ersten zweiten Semestern der Bachlorstudien abbrechen – hier gehen die meisten IT-Fachkräfte verloren, denn Abbrecher in höheren Semestern scheinen zumindest für manche Unternehmen wertvoll. Verschärft wird die Situation auch durch ein zu geringes Angebot an Studienplätzen. An der TU Wien gibt es etwa laut UBIT eine deutliche Reduktion der Bachelorstudien. Während im Wintersemester 2012/13 die Studienanzahl noch bei 5.056 lag, ist sie im Wintersemester 2017/18 auf 4.014 StudentInnen gesunken. Gegen alle Beteuerungen wurde die Drop-out-Quote nicht wesentlich reduziert und die Anzahl der BachelorstudentInnen sinkt. „Dem Wirtschaftsstandort Österreich entsteht hier großer Schaden“, warnt Martin Zandonella.

Steigende Nachfrage nach ITlern

Der Gesamtwirtschaft fehlen damit über 10.000 qualifizierte IT-Fachkräfte. Diese können nur durch zusätzliche Ausbildungsplätze und geringere Drop-out-Quoten generiert werden. „Gesamtwirtschaftlich betrachtet betragen die Kosten für eine Hochschulausbildung nur einen Bruchteil des Wertschöpfungsverlustes einer unbesetzten IT-Stelle. Dies bedeutet derzeit für Österreich pro Jahr ca. 1,6 Milliarden Euro oder 160.000 Euro je unbesetzter ITStelle“, führt Zandonella aus.

„Der Gesamtwirtschaft fehlen 10.000 Fachkräfte für wichtige IT-Jobs in Österreich.“

Alfred Harl,Obmann der Bundessparte Information und Consulting

Ambitionierte Bildungspolitik gefordert

„Die Aufgabe ist es, die Anzahl der StudienabsolventInnen zu steigern. Es braucht eine spezielle und nachhaltigere Stärkung der Informatik; sie ist Voraussetzung sowohl für den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Österreich. Österreichische Unternehmen werden attraktiver, je mehr brillante und kreative Köpfe sie haben“, sagt Alfred Harl. Für unbesetzte Stellen und offene Studienplätze braucht es zusätzlich mehr Transparenz. Der Fachverband UBIT hat bereits ein Studierendenleitsystem vorgeschlagen, das zu einer besseren Bewirtschaftung der österreichweit verfügbaren Informatik-Studienplätze führen soll: Screens an öffentlichen Plätzen informieren verstärkt über noch verfügbare Studienplätze und rufen zum Handeln auf. „Österreich braucht eine ambitionierte IKT-, Standort- und Bildungspolitik und die Stärke, nicht nur Pläne zu schmieden, sondern diese auch umzusetzen. Wir müssen jetzt handeln!“, fasst Alfred Harl zusammen. Sollte nicht rasch etwas passieren, bleiben Österreichs Unternehmen auf der Strecke und brauchen weiterhin Monate, um offene IT-Stelle besetzen zu können.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
Original erschienen am 04.06.2019: Die Wirtschaft.
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